Arrigo Boitos Oper „NERO“ bei den Bregenzer Festspielen 2021

Bregenzer Festspiele 2021/ NERO/ Foto: © Bregenzer Festspiele/Karl Forster

NERO / Tragödie in vier Akten

von ARRIGO BOITO / Festpielhaus Bregenz / 25. Juli 2021

ARRIGO BOITO ist den meisten Opernliebhabern durch die Libretti für die Verdi-Opern “Otello” und “Falstaff” bekannt und auch seine eigene vollendete Oper “Mefistofele” wird immer wieder auf den Opernbühnen präsentiert. 

 

 

Ganz anders verhält es sich mit seiner Oper “NERONE”. Mehr als 50 Jahre lang hatte der Komponist an seinem Ziel, ein vollkommenes Kunstwerk zu erschaffen, gearbeitet. Diesen Traum zu vollenden war ihm leider nicht gegönnt. Nach seinem Tod haben Antonio Smareglia, Vincenco Tommasini und Arturo Toscanini das Werk vollendet und am 1. Mai 1924 in der Scala di Milano uraufgeführt. Toscanini leitete damals diese Aufführung persönlich.

Dieser Oper liegen fiktive Szenen aus dem Leben des römischen Kaisers Nero zugrunde. Dabei geht es um Kampf, Wahnsinn und um religiöse Spannungen, welche zu jener Zeit geherrscht hatten. Der fünfte Akt, wo der Kaiser dem Wahnsinn unterliegt, ist zwar als Libretto vorhanden, wurde jedoch nicht komponiert.

Wie soll man ein Werk über ein so komplexes Thema, welches zudem über eine Zeitspanne von über einem halben Jahrhundert entstanden ist, einem Publikum in nur drei Stunden vermitteln, zumal dem Text und den Handlungswechseln nur schwer gefolgt werden kann?

Die Bregenzer Festspiele, bekannt dafür, dass dort immer wieder selten zu sehende Werke aufgeführt werden, haben diese Aufgabe dem Regisseur Olivier Tambosi und dem Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann überlassen.

Bregenzer Festspiele 2021/ NERO/ Foto: © Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Was man auf der Bühne zu sehen bekommt, ist ein sich auf einer Drehbühne befindlicher Raum, welcher sich stets verwandelt. Die durch Davy Cunningham geschaffene Lichtgestaltung und viele wechselnde Requisiten erzeugen die unterschiedlichsten Stimmungen. Die eher an eine Revue oder Eurythmie erinnernden Kostüme von Gesine Völlm glitzern und funkeln während der ganzen Aufführung. Vieles an dieser Inszenierung ist schwer nachvollziehbar. Vielleicht liegt das an der verwirrenden Handlung des Werkes. Szenisch gibt es zwischendurch interessante Eindrücke, aber zu oft gibt es Stellen, die eher schwerfällig daherkommen. Das Auge des Zuschauers wird immer wieder durch neue Bilder von der Handlung und Musik abgelenkt.

Sehr positiv hingegen ist die musikalische Seite der Aufführung aufgefallen. Der betriebene Aufwand für diese drei Aufführungen ist enorm. Das Einstudieren der schwierigen Rollen war für die Sänger eine anspruchsvolle Aufgabe, welche bestens gelungen ist. Sowohl den Sängern, wie auch dem Orchester darf man Respekt und Lob zollen.

Die Rolle des Nerone sang der Tenor Rafael Rojas mit Inbrunst und grosser Stimme. Mit starker Bühnenpräsenz gefiel der grossartige Lucio Gallo als Simon Mago. Als Fanuèl war der Bariton Brett Polegato mit einer souveränen Leistung zu erleben. Die russische Sopranistin Svetlana Aksenova konnte mit höhensicherem Sopran überzeugen. Die Mezzosopranistin Alessandra Volpe hinterlässt als Rubina einen hervorragenden Eindruck. Bassbariton  Miklós Sebestyén fiel durch grosse Spielfreude auf. Taylan Reinhard als Gobrias, Ilya Kutyukhin als Dositèo, Katrin Wundsam als Cerinto/Pèrside sowie Hyunduk Kim als Primo Viandante und  Shira Patchornik als Voce di donne, komplettierten dieses sehr ausgewogene Ensemble, welches durch die Statisterie der Bregenzer Festspiele unterstützt wurde.

Ein grosses Kompliment geht an den Prager Philharmonischen Chor, welcher, einmal mehr, durch Lukáš Vasilek bestens einstudiert wurde und eine hervorragende Leistung zeigte.

Dirk Kaftan / Foto @ Irene Zandel

Unter der Leitung von Dirk Kaftan haben die Wiener Symphoniker die schwierige Partitur facettenreich ausgeleuchtet. Jede einzelne Stimmung wurde sorgsam gestaltet. Ein grosses Kompliment für diese Leistung! Bereits nach der Pause würdigte das Publikum diese Leistung mit vielen Bravos und am Schluss der Vorstellung mit einhelligem Jubel. Dieser wurde auch den Solisten zuteil und belohnte alle Beteiligten für diese musikalische Entdeckung.

Zwar wird dieses Werk, wohl wegen seiner eher sperrigen Handlung, nur selten aufgeführt. Dennoch war die Reise nach Bregenz eine Bereicherung.

 

 

  • Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bregenzer Festspiele 2021
  • Titelfoto: Bregenzer Festspiele 2021/ NERO/ Foto: © Bregenzer Festspiele/Karl Forster

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