Zemlinsky Inszenierungstragödie an der Rheinoper – Premierenkritik „Eine florentinische Tragödie“ an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf

 

"Eine florentinische Tragödie": Anooshah Golesorkhi, Janja Vuletic, Corby Welch/Foto Hans Jörg Michels
„Eine florentinische Tragödie“: Anooshah Golesorkhi, Janja Vuletic, Corby Welch/Foto Hans Jörg Michel

Teil 1: Eine Florentinische Tragödie

Premiere 15.6.13

Üble Opernverhunzung – schlechter geht es kaum!

 

Pressemitteilung der Deutschen Oper am Rhein (Intendanz)

"Eine florentinische Tragödie": Ronaldo Navarro, Corby Welch/Foto Hans Jörg Michel
„Eine florentinische Tragödie“: Ronaldo Navarro, Corby Welch/Foto Hans Jörg Michel

Meine Damen und Herren, liebe weitgereiste Opernfreunde!

Leider müssen wir Ihnen erneut mitteilen, daß wir uns schon wieder erst nach der Premiere des an sich großartigen Opernjuwels „Eine Florentinische Tragödie“ von Alexander Zemlinsky gezwungener Maßen entschlossen haben, dieses Stück ab sofort nur noch konzertant zu bringen. Wir möchten Schaden von unserem Publikum abzuwenden. Bedauerliche erste Krankmeldungen von Zuschauern, die ich sehr ernst nehme, haben mich entsetzt und sprachlos gemacht.

Die Regisseurin Barbara Klimo hat zusammen mit ihrem Team (Bühne: Veronika Stemmberger / Kostüme: Frank Bloching) das Werk dermaßen verhunzt, daß sich Zemlinsky-Liebhaber, Kritiker und Mitglieder der aus Wien extra angereisten Internationalen Zemlinsky-Gesellschaft spontan krank gemeldet haben. Einige haben sich in ihrer Empörung teilweise schon in der Pause übergeben bzw. mussten wg. bedrohliche gestiegenem Bluthochdruck notärztlich versorgt werden – wie ich hörte konnten nicht wenige ihre Rückreise nach Wien und in den rest der Welt gar nicht mehr antreten oder sind in der Düsseldorfer Altstadt versackt, wie die meisten Kritiker und Zemlinsky-Sympathisanten, die das Werk kannten.

Gott sei Dank hat der Großteil unseres hochgeschätzten Düsseldorfer Publikums dieses Desaster gar nicht erst bemerkt, da dieses doch sehr unbekannte Werk Gott-sei-Dank vom Regieteam im Programmheft der Rheinoper unter „Handlung“ auch völlig falsch dargestellt wurde, so daß sich die Empörung in Grenzen in noch akklamatorisch höflichen Grenzen hielten. Wir danken dem friedvollen Publikum.

Der Spruch „nichts (Böses) sehen, nichts (Böses) hören, nichts (Böses) sagen“ nach der Lehre des buddhistischen Gottes Vadjra, den wir ja alle kennen, ist nun leider einmal Bestandteil meines hochdotierten Vertrages als General-Intendant der Rheinoper, so daß ich auch in diesem Fall  vorausgehende Warnung wie „Achtung Christoph Meyer, diese Frau arrangiert einen gigantischen Schwachsinn, der nicht das Geringste mit Zemlinsky zu tun hat!“ oder „Mensch Meyer, Zemlinsky-Kenner und Opernfreunde, die sich vernünftig vorbereiten, werden sich total verarscht fühlen.“ alles wie schon beim Skandal-Tannhäuser. Als Intendant muß man solches Vorfeldgeschätz ignorieren!

Alle Opernfreunde, die dachten, daß wir tatsächlich, wie angekündigt auf den Plakaten, Zemlinskys begnadete Oper „Eine Florentinische Tragödie“ bringen würden, tauschen wir bei nachgewiesener Kenntnis des Originalinhalts (durch gezieltes Nachfragen an der Retourkasse, versteht sich) die gekauften Karten wieder um.

 

"Eine florentinische Tragödie": Anooshah Golesorkhi (Simone), Janja Vuletic (Bianca), Corby Welch (Guido Bardi)_FOTO_Hans Joerg Michel.jpg
„Eine florentinische Tragödie“: Anooshah Golesorkhi (Simone), Janja Vuletic (Bianca), Corby Welch (Guido Bardi)_FOTO_Hans Joerg Michel.jpg

Anmerkung des Kritikers zu dieser Inszenierungskatatrophe:

Die vorausgehende Meldung ist, mit Verlaub Herr Meyer, natürlich von mir fingiert worden, da ich ansonsten nicht weiter auf dieses unsägliche Produktion von Newcomerin Barbara Klimo eingehen werde, die mein Sitznachbar (ein betagter Wiener) zurecht und von mir unwidersprochen als „verquirlte Sch…“ betitelte. „Ich werde meine teuren Fahrtkosten von der Rheinoper zurückfordern, denn das ist Betrug; nicht nur am Werk Zemlinskys!“ so der empörte älterer Herr weiter.

Ich sage: Das war das Schlechteste und Dilettantischste, was mir in sagenhaften 40 Jahren an der Rheinoper Düsseldorf bisher untergekommen ist. Eine Bewertung, der aus meiner Sicht auch völlig überforderten Sänger, erspare ich mir, denn ich gehe davon aus, daß man unter permanenten spastischen Zuckungen, hirnrissigem Bewegungsaktionismus und dümmlichstem Kinderkarnevals-Blödsinn kaum eine vernünftige Sangesleistung dieser extrem schwierigen Partien liefern kann.

 

"Eine florentinische Tragödie": Anooshah Golesorkhi, Corby Welch, Janja Vuletic/Foto Hans Jörg Michel
„Eine florentinische Tragödie“: Anooshah Golesorkhi, Corby Welch, Janja Vuletic/Foto Hans Jörg Michel

Bilder sagen mehr als Worte – weinen sie mit mir, verehrte Zemlinsky-Freunde!

 

Damit die gestern völlig betrogenen Zuschauer nicht den Opernführer bemühen müssen, stelle ich hier kurz inhaltlich den tatsächliche Kern der Geschichte von Oscar Wilde/ Zemlinsky dar; Kinder, daß ist wirklich keine Geschichte, die im Kino spielt!

„Ich kann ertragen Verachtung, Schande von mancher Art, den schrillen Hohn und offenen Schimpf. Doch wer mir irgend etwas stiehlt, das mir gehört, und wär´s auch nur der schlechteste Teller, davon ich meinen Hunger füttre, setzt Seel und Leib auf Spiel bei seinem Frevel und stirbt!“ So singt es der zermürbt heimkehrende Tuchhändler Simone, der seine Gattin überraschend nach, nach längerer Dienstreise heimkehrend zusammen mit dem Stadplayboy und Barden (Sohn des Stadthalters) Guido Bardi antrifft. Den Sex haben sie schon erkennbar hinter sich – dumm, daß Prinz Bardi noch allzu lange danach, auf die sprichwörtliche Zigarette danach, bei seiner Maitresse weilte. es wird seine sprichwörtlich „letzte Zigarette“ gewesen sein. Weiter:

„Ist die ganze mächtige Welt in dieses Zimmers Umfang eingeengt, und hat drei Seelen als Bewohner nur? So sei der dürftige Raum jetzt eine Weltenbühne, wo Herrscher fall´n und unser tatlos Leben der Einsatz wird, um den Gott spielt.“Simone macht noch gute Miene zu bösem Spiel, hat er doch sofort erkannt, was Sache ist. Und so verdichtet sich die Handlung und geradezu klaustrophobisch nähert sich der Tod dem immer noch sich naiv gebenden Prinzen. Der anfangs spielerische Waffenvergleich endet für den adeligen Spross letal, der im Todeskampf gerade noch stammeln kann – noch im Tode seine Herkunft bemüht „Nimm mir vom Hals die Würgefinger; ich bin meines edlen Vaters einziger Sohn“ Worauf ihm der Hausherr mit den Worten „Schweig! Dein Vater wird, wenn kinderlos, beglückter sein!“ den endgültigen Garaus macht

Und so stirbt der Liebhaber zu einer ungeheuren, hochdramatischen Musik. „Und jetzt zu Dir!“ Der Tuchhändler greift sein Messer und wendet sich seiner Gattin zu, die eben noch von ihrem Liebhaber seinen Tod im Zweikampf („Töte ihn! Töte ihn!“)lauthals forderte, doch da ertönt eine der schönsten Melodien, die jemals ein Komponist für die Oper geschrieben hat, und sie intoniert gänzlich traumverloren, fast exstatisch „Warum hast Du mir nie gesagt, daß Du so stark?“

Und nach einem großen, mehrfach geteilten Streichermeer, welches Wagner nicht schöner in Noten gesetzt haben könnte, erwidert er fasziniert „Warum hast Du mir nicht gesagt, daß Du so schön… bist.“ Riesenfortissimo im aufblühenden Orchester, als wären wir in der Walküre erstem Akt (Lenz) während sich beide in die Arme sinken und sich über der Leiche des gerichteten Nebenbuhlers vereinen. Das hätte sich selbst Wagner niemals getraut! Und die Oper klingt aus in einer Art Erlösungsmotiv, schön wie das der „Götterdämmerung“.

Mehr an Dramatik kann eine Oper in einer knappen Stunde nicht bieten.

Grandiosere Musik ist nie mehr geschrieben worden. Was Zemlinsky hier für ein kompaktes Musikdrama komponiert hat, ist das Ultimo der Gefühle: Liebe, Gleichgültigkeit, Hass, Hassliebe, Betrug, Mord und Verzeihen. Was für ein Welt-Theater! Und alles in ein gerade mal 60-minütiges dramatisches Wechselbad der Gefühle gesetzt, welches den Zuschauer förmlich Atem raubt, wenn es einiger Maßen ordentlich inszeniert wird.

Mehr Musik geht nicht! Mehr Gefühl ist geradezu unmöglich.

Was für hochanspruchsvolle Partien und wie brillant ist die Geschichte doch gesponnen! Dazu ein packender Text von Oscar Wilde Eine echte Gefahr für Opernfreunde mit Bluthochdruck; aber Hand aufs Herz: kann man zu schönerer Musik sterben? Ich finde nein.

Trauriger Weise hat man nach diesem Düsseldorfer Inszenierungsmüll und in Kenntnis dieser phantastischen, leider vergessenen, Wahnsinns-Oper, wirklich das Gefühl gleich Sterben zu müssen. Daher meine Nachricht an meine Hinterbliebenen, wenn es mich tatächlich erwischt: Hallo Freunde! Der Mörder des Kritikers Peter Bilsing ist nicht der Gärtner, sondern ein Herr Christoph Meyer und eine Frau Barbara Klimo in unseliger Symbiose. Bitte dringend verhaften!

Peter Bilsing/www.deropernfreund.de

Fotos: Hans Jörg Michel

 

P.S.

Teil 2 des Doppelabends (der Zwerg) mit ausführlicher Würdigung des Orchesters folgt

*Premierenkritik mit freundlicher Genehmigung von Peter Bilsing – Der Opernfreund

Service: Deutsche Oper am Rhein: Kartenvorverkauf

Ein Gedanke zu „Zemlinsky Inszenierungstragödie an der Rheinoper – Premierenkritik „Eine florentinische Tragödie“ an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf

  1. Ich bitte Sie, Herr Bilsing: Grandiosere Musik ist nie mehr geschrieben worden…?
    Das kann nicht Ihr Ernst sein!
    Strauss, Berg, Schönberg, Debussy, Ravel…
    Ihre Begeisterung für Zemlinsky in Ehren, aber lassen wir die Kirche mal im Dorf: Schöne Orchestersätze, reizvolle Instrumentierung, aber doch alles epigonal, nichts wirklich Originäres
    Sollten Sie Wert darauf legen, als Musikkenner ernst genommen zu werden, würde ich Ihnen eine etwas sparsamere Verwendung solcher Formulierungen ans Herz legen.
    Die kalte, völlig unreflektierte Wut, die aus Ihrem hämischen Pauschalverriss der Inszenierung spricht, tut ihr Übriges, mich an Ihrer objektiven Wahrnehmungsfähigkeit zweifeln zu lassen.

    Beste Grüsse

    Jörg Heeb, Luzern

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