WDR-Sinfonieorchester feiert 75-jähriges Bestehen/Großes Festkonzert in der Kölner Philharmonie

WDR-Sinfonieorchester / Foto @ Peter Adamik -Copyright: WDR

Sie sind es gewöhnt, sendereif zu spielen: die Musiker des WDR-Sinfonieorchesters. 1947, mitten in der vom Krieg zerstörten Stadt Köln, wurde das Orchester gegründet und hat in einer Zeit der brachliegenden Kultur und einer zerschlagenen Musiklandschaft musikalisch das ausgedrückt, wofür es keine Worte gab. Ich bin seit 2005 aus Überzeugung Abonnentin, denn das WDR-Sinfonieorchester hat mir mit seinen exzellenten Interpretationen einen Überblick über die großen Orchesterwerke des 19., 20, und 21. Jahrhunderts verschafft und mir den Zugang zur Musik der Zeit eröffnet. (Rezension des Konzertes v. 28.10.2022)

 

 

Auch heute noch „schafft das WDR-Sinfonieorchester Identität und Zusammenhalt und versprüht einen Reichtum an Sinnlichkeit und Schönheit,“ so WDR-Intendant Tom Buhrow zum 75. Geburtstag seines Sinfonieorchesters. Der Anspruch des Kölner Rundfunk-Sinfonieorchesters, wie es früher hieß, bestand ursprünglich darin, das Repertoire zu archivieren und auf Tonträger zu speichern, vor allem solche, mit denen sich kein lukrativer Umsatz machen ließ. So konnte das Orchester das deutsche Publikum erstmals mit Musik von Emigranten wie Paul Hindemith, Arnold Schönberg, Igor Stravinsky, Béla Bartók oder Ernst Křenek bekannt machen. Auch jüdische Komponisten wie Mendelssohn, Mahler, Korngold und andere wurden wieder gespielt. Gerade die hervorragenden Mahler-Interpretationen unter dem Dirigenten Gary Bertini machten das Orchester auf Tourneen weltbekannt.

Auch heute nimmt das Orchester den Bildungsauftrag ernst, Musik der Zeit in Auftrag zu geben und zur Aufführung zu bringen und große sinfonische Musik in zeitgemäßen Interpretationen für Radio, Fernsehen und Live-Konzerte in NRW und auf Gastspielen einzuspielen.

WDR-Sinfonieorchester und Cristian Macelaru / Foto @ Thomas Brill -Copyright: WDR

Der 1980 in Rumänien geborene und in den USA aufgewachsene Chefdirigent Cristian Măcelaru eröffnete das Jubiläumskonzert mit der Uraufführung der Auftragskomposition des WDR: „Pentimento“ der 1985 in Kanada geborenen Komponistin Zosha di Castri, eine Komposition aus der Reihe „Miniaturen der Zeit“. Es geht um Überschreibungen, die sichtbar gemacht werden – im Grunde Thema und Variationen – mit dem Motiv einer kleinen Trommel, einem schrillen Klarinettenduo und einer Loopfigur, die vom angerissenen Pizzicato der Kontrabässe ausgeht. Di Castri möchte damit die Wiederholung gesellschaftlicher Missstände thematisieren.

Der polnische Komponist Witold Lutoslawski  (1913-1994) hat selbst zweimal das WDR-Sinfonieorchester dirigiert. Sein „Konzert für Orchester“, 1954 beendet, ist ein hochpolitisches, durch sowjetische Beschränkungen der zulässigen Ausdrucksmittel unter der Doktrin des „sozialistischen Realismus“ eingeschränktes Werk mit ungeheurer Präsenz. Măcelaru hat es gewählt, um zu zeigen, wie großartig alle Musiker des Orchesters sind.  Er knüpft an Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ an und kreiert ein groß besetztes Konzert, das allen mindestens dreifach besetzten Instrumentengruppen des Orchesters solistische Passagen zuweist. Einer mächtigen Intrada folgt ein wisperndes Capriccio und ein großer Schlusssatz mit einer Passacaglia, einer virtuosen Toccata und Choralvariationen. Das zweite Thema des ersten Satzes ist als Erkennungsmelodie einer politischen Fernsehsendung bekannt. In den düsteren und aggressiven Passagen werden die Repression der sowjetischen Führungsmacht des bis 1991 bestehenden „Warschauer Pakts“ auf die polnischen Kulturschaffenden erlebbar gemacht.

1956 nahm das WDR-Rundfunkorchester unter der Leitung des jungen Wolfgang Sawallisch Carl Orffs „Carmina Burana“ für die Schallplatte auf und begeisterte damit den anwesenden Komponisten. Măcelaru knüpfte daran an und führte Orffs geniale Vertonung mittelalterlicher „Carmina“ (Gedichte) in mittellateinischer und mittelhochdeutscher Sprache aus dem Kloster Benediktbeuren mit dem WDR-Rundfunkchor unter Simon Halsey, dem NDR-Vokalensemble unter Julia Blank und Knaben und Mädchen der Kölner Dommusik unter Eberhard Metternich als Festmusik auf. Damit schlug er mit Orffs Komposition aus dem Jahr 1937 die Brücke ins Mittelalter und zum schon damals etwas verkommenen Klerus „Ego sum abbas Cucaniensis…“, zum Saufgelage, bei dem ein gebratener Schwan (der Tenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke mit wunderbar hohen Tönen) sein Leben aushaucht und vor allem zum Paarungsstress der Dorfjugend und der Minne des Hohen Paares, die die barfuß singende Sopranistin Sarah Aristidou und der charismatische Bariton Markus Werba  sehr erotisch zum Ausdruck brachten. Es brannte die Luft zwischen den beiden!

„Kultur ist das Medium um zu zeigen, wie wir wirklich sind,“ so Cristian Măcelaru im Interview. „Carmina Burana“ zeige in besonderer Weise Deutschlands Vergangenheit und Traditionen, und er mache die Aufführung als Geschenk an sein Publikum. Măcelaru dirigiert sehr präzise und transparent mit großer Dynamik. Gute Chöre können auch pianissimo singen!

WSO Jubiläumskonzert 2022/ Foto @ Thomas Brill -Copyright: WDR

Der Chor „O Fortuna“, Anrufung der launischen Glücksgöttin, eröffnet und beschießt Orffs raffinierte Komposition in einer neuen Einfachheit, die von Volksmusik und aktueller Tanzmusik der Zeit beeinflusst ist, aber auf deutliche Distanz zu Neutönern wie Schönberg oder Strawinsky geht. Das erklärt auch, warum das Stück nach der Premiere am 8. Juni 1937 in Frankfurt einen Siegeszug durch die Konzertsäle antrat und auch nach dem Krieg weitergespielt wurde. Konservative bemäkelten zwar die sexuelle Freizügigkeit, konnten aber an „Oh Fortuna“, der Anrufung der Glücksgöttin Fortuna, keinen Anstoß nehmen, einem der erfolgreichsten Chöre aller Zeiten.

Ich habe selbst „Carmina Burana“ im Schulchor gesungen, kenne also die Texte, und hatte großen Spaß an der präzisen Umsetzung durch das Spitzenensemble. Es wäre vielleicht sinnvoll gewesen, die Texte zweisprachig im Programmheft abzudrucken oder als Übertitel einzublenden, denn nicht jede Konzertbesucherin versteht Mittelhochdeutsch und Mittellatein.

Wer das Stück nicht kennt, ist trotzdem beeindruckt von der archaischen Gewalt der Anrufung der launischen Glücksgöttin mit großem Chor, ist angetan von lateinischer Choralmusik und vor allem von den rhythmischen Tänzen auf dem Dorfanger und dem Balzverhalten junger Leute. Mit den 69 Sängerinnen und Sängern des WDR-Rundfunkchors und des NDR Vokalensembles und dem 56-köpfigen Kinderchor der Kölner Dommusik, alle im Programmheft namentlich genannt, die die gesamte Chorempore ausfüllten, entstand in Tateinheit mit den großartigen Instrumentalisten des WDR-Sinfonieorchesters ein überwältigender Raumklang in der Kölner Philharmonie mit einer unfassbaren Dynamik. Dazu hätte man tanzen müssen!

Weit über 100 Opern hat das WDR-Sinfonieorchester eingespielt, vor allem in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg, als die Opernhäuser noch in Schutt und Asche lagen. Ich erinnere mich noch an „Lohengrin“, „Otello“ und „Daphne“ unter Semyon Bychkov, der die russische Konzertmusik, unter anderem von Schostakowitsch und Prokofjew in Köln populär machte.

Der Intendant des WDR, Tom Buhrow, und auch der Ministerpräsident des Landes NRW, Hendrik Wüst, bekannten sich jedenfalls in ihren Ansprachen zum 75. Geburtstag zu „ihrem“ WDR-Sinfonieorchester und äußersten großen Stolz auf das internationale Renommée des Spitzenklangkörpers und seiner Dirigenten.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Titelfoto: WSO Jubiläumskonzert 2022/ Foto @ Thomas Brill -Copyright: WDR

 

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