Theater Lübeck: Umjubelte Premiere von Bernsteins „A quiet Place“ – Ungewohnte Kost, die doch bereichert

A_QUIET_PLACE / Christopher Diffey (François),  Johan Hyunbong Choi (Junior)
Huub Claessens (Old Sam),
Evmorfia Metaxaki (Dede) /
Foto: Olaf Malzahn

Unauffällig, nicht exponiert, reiht sich das Theater Lübeck in die Straße ein, so dass es sicher nicht immer die Beachtung bekommt, die nicht nur seine Fassade verdient. Denn das was hier geboten wird, macht das Theater Lübeck auf jeden Fall zu einem der Theater, die man besuchen sollte. So feierte gestern mit Leonard Bernsteins letzter Oper „A quiet Place“ ein selten gespieltes, sehr anspruchsvolles Stück, seine umjubelte, sehr beachtenswerte Premiere.

 

Leonard „Lenny“ Bernstein war ein vielseitig talentierter Künstler. Als Dirigent ist er unvergessen für seine Interpretationen, wie etwa der Mahler und Beethoven-Sinfonien und vielem mehr. Er schrieb Bücher über Musik ,dozierte an der Harvard Universität und machte sich auch als Komponist unsterblich: mit Werken für die Bühne, wie West Side Story, On the Town, Wonderful World und Candide, aber sinfonischem wie The Age of Anxiety oder dem musikalischen Gedichtezyklus Songfest, um nur wenige Beispiele zu nennen. Nicht zuletzt jedoch bestach „Lenny“ jedoch durch seine Fähigkeit, beim Dirigieren so zu wirken als würde er alle Emotionen durchleben. Für mich ist diese gelebte Liebe zur Musik eine besondere Art von Empathie, Lebensfreude und Liebe zu den Menschen.

Diese einfühlsame und durchaus kritikfähige Liebe zeigt sich auch in A quiet Place. Das Stück beginnt nach dem Unfalltod von Dinah und erzählt wie ihr Mann Sam, ihr Sohn Junior, dessen ehemaliger Liebhaber Francois, nun der Ehemann von Dinahs Tochter Dede, langsam zueinander finden. Denn eigentlich waren sie sich Zeitlebens fremd. Es ist die vielschichtige Fortsetzung von Bernsteins satirischer Oper Trouble in Tahiti. Ob Bernstein nun wirklich auch autobiografisches mit verarbeitete oder nicht, es ist ihm gelungen, ein zeitloses Bild einer Familie zu zeichnen, und streng genommen, nicht nur das einer “typisch amerikanischen“.

A_QUIET_PLACE / Huub Claessens (Old Sam),
Evmorfia Metaxaki (Dede)/ Foto: Olaf Malzahn

Das Theater Lübeck führt die, von Kent Nagano initiierte und von Garth Edwin Sunderland komponierte „Kammerfassung“ auf. Diese Fassung mit reduzierter Orchesterbesetzung unterstreicht den Kammerspielcharakter des Stückes und kam 2013 unter Naganos Leitung zur konzertanten Uraufführung im Berliner Konzerthaus. Die Musik an sich enthält verschiedenste Elemente aus Bernsteins Schaffen. Im ersten Teil wechseln sich an moderne Choräle erinnernde Passagen und mehrstimmig gesungene Dialoge ab, unterbrochen von einem kurzen Trio und einem satirischen Lied von Junior, die beide swingenden Jazz-Charakter haben. Danach kommen mehr und mehr weitere Elemente dazu, die an Bernsteins Musical, an Swing und Jazz erinnern. In einer Szene, in der Junior und Dede in Kindheitserinnerungen, unter anderem  über Müsli  schwelgen, zitiert Bernstein sogar den 3. Satz eines Violinkonzertes von Felix Mendelssohn-Bartholdy, da dieser  aus einer  realen Werbung stammt. Sinfonische, Bild- und emotionmalerische Komponenten beenden den ersten, wie den zweiten Akt, auf in den Bann ziehende Weise.

Oscar Wilde ließ seinen Dorian Gray klarstellen, dass, etwas das fasziniert, nicht unbedingt gefallen muss. So ist es auch mit „A quiet place“: Um einfach nur zu gefallen, geht die Musik besonders in dieser szenischen Umsetzung zu sehr unter die Haut. Denn Regisseurin Effi Méndez, Bühnenbildner Stefan Heinrichs, Kostümbildnerin Ilona Holdorf-Schimanke und Lichtdesigner Falk Hampel schaffen eine Atmosphäre in der es nicht an satirischen Elementen fehlt, doch, das auch im realen Leben aufzufindende Menschliche, mit all seinen Leiden und Widersprüchen im Mittelpunkt steht.

Ilona Holdorf-Schimankes Kreationen lehnen sich sehr an die Mode der 80-iger Jahre an, besonders was den Chor des Theater Lübecks in der Trauerfeierszene betrifft:: bunt, glänzend, schrill. Die mag dem Anlass nicht entsprechen, aber passt doch zu einer Welt, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Kurz: Es verfehlt seine Wirkung nicht. Auch alle anderen Darsteller haben Kostüme, die ihren Charakter sofort sichtbar zu machen scheinen. Da gilt besonders für die vier Protagonisten. So ist Witwer Sam von Anfang an eher nachlässig gekleidet, Francois Dandyhaft chic mit mauvefarbenen Jackett und eierschalweißem Schal zu Jeans. Junior trägt weite Seidenhosen und einen Seidenmantel in Schwarz. Dede zeigt auch in ihrem Outfit eine Entwicklung, wenn aus der eleganten Dame in engem Kostümchen, wieder ein junges Mädchen wird mit Pferdeschwanz, Ringelshirt und Röhrenjeans.

Beeindruckend die Lichtregie und das Bühnenbild betreffend, besonders das dreistöckige, schiefe Haus. Es zeigt den Dachboden, dann darunter Juniors Sternenbanner- tapeziertes Zimmer, samt unabdingbaren Trophäen-Regal. Die unterste Ebene dann, beherrscht, wie das ganze Stück über, Dinahs Sarg. Ansonsten scheinen wir uns in einem Elternzimmer zu befinden mit einem voll Erinnerungen bestückten Wandschrank. Effi Méndez‘ Personenregie unterstreicht die Individualität und Unterschiedlichkeit, die die Kostüme vorgeben: Die Charaktere sind echt, glaubhaft und authentisch. Die Qualität der Regie spiegelt sich eins zu eins in den hervorragenden Leistungen der Sänger wider.

Das beginnt beim Chor und geht weiter über Hojong Song dienstbeflissener Bestatter, Mark McConnell als schrulliger Psychoanalytiker, Tim Stolte als Dinahs Bruder Bill und Iuliia Tarasova, als Dede gegenüber devote, Susie. Besondere Erwähnung verdienen aber Mario Klein als Dinahs schmieriger Arzt und Julia Grote als seine exaltierte Gattin. Alle meistern die musikalisch hohen, wie auch die darstellerischen Anforderungen absolut überzeugend.

Dies gilt, in noch größerem Maße für die vier Hauptdarsteller. Hub Claessens als aus Verzweiflung trinkender Old Sam erregt Mitleid und berührt, besonders wenn er das Zimmer seines schlafenden Sohnes betritt und es doch nicht schafft, ihn zu berühren. Auch stimmlich zieht er alle möglichen Register: von traurig, über wütend und vom eigenen Sohn angeekelt bis zu ruhiger werdend und entschlossen. Darstellerisch bleibt auch das Bild hängen, als Sam, wenn der Vorhang bereits fällt, unermüdlich Erde in Dinah Grab schaufelt. Oder doch wieder hinaus, weil er einfach nicht loslassen kann? Das bleibt offen.

A_QUIET_PLACE/ Christopher Diffey (François), Johan Hyunbong Choi (Junior)/ Foto: Olaf Malzahn

Johan Hyunbong Choi als Junior gebührt aller Respekt. Der junge Südkoreaner verfügt über eine eher helle, doch biegsame Baritonstimme, die er sicher führt und moduliert. Ohne Schwierigkeiten gelingt es ihm, in einem Moment provokant zu klingen, um im nächsten durch und durch zerbrechlich und verzweifelt zu sein. Auch darstellerisch gelingt es ihm die inneren Widersprüche Juniors zu zeigen. Sein provokanter „fast-Strip“ auf dem Sarg seiner Mutter, den er mit einem sanften Kuss auf eben diesen Sarg beendet, lässt gleichzeitig schmunzeln und berührt doch tief, da wie auch in allen Szenen mit Francois, tiefe (Todes)Sehnsucht und Einsamkeit fast greifbar sind.

Der australische Tenor Christopher Diffey als Francois besticht selbst in dieser schwierigen Partie durch einen angenehm metallenen Klang, dem es aber auch an dem Schmelz fehlt, der für Partien wie Tamino (Zauberflöte) oder Rairo (Cenerentola) benötigt wird. Auch ihm gelingt, es die innere Zerrissenheit seiner Figur in vollem Umfang zum Ausdruck zu bringen.

Die junge Griechin Evmorfia Metaxaki verfügt bereits über ein umfangreiches Rollenrepertoire und macht mit ihrer gestrigen Leistung mehr als neugierig, sie darin zu sehen. Langsam aber sicher findet ihre Dede zu sich selbst, entwächst der Rolle der gekünstelten, egozentrischen Frau und wird zu jenem Wesen, das Blumen und Francois liebt und langsam erwachsen und natürlich wird. Ihr Sopran ist wandelbar, kristallklar und ohne Schärfe.

Manfred Hermann Lehner  leitet das Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck präzise, akzentuiert und ohne jemals die Sänger aus dem Fokus zu verlieren. Es gelang ihm und seinen Musikern, die verschiedenen Stile des Werkes hörbar und auch spürbar zu machen. Das Publikum dankte es ihm, wie auch allen anderen, mit Bravorufen und großem Applaus.

Möge sich dieser Jubel noch oft wiederholen. Denn, ist es auch ein Stück, das eher nachdenklich und ein wenig schwermütig entrückt, statt leichtherzig nachhause gehen lässt, so bereichert es. Und sei es nur, dass man sich ein Mal mehr bewusst wird was Sänger, Musiker und auch Produktionsteams heutzutage leisten müssen und auch können.

 

  • Rezension der Premiere von Birgit Kleinfeld / RED. DAS OPERNMAGAZIN
  • Weitere Termine, Infos und Kartenvorverkauf unter DIESEM LINK
  • Titelfoto: A_QUIET_PLACE/Ensemble/Foto: Olaf Malzahn

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