Theater Hagen: „VIVA VERDI!“ – Gänsehaut garantiert!

© theaterhagen | Foto Kühle
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Einen szenischen Abend in Verdi-Chören wollte das Hagener Theater auf die Bühne bringen, aber es war mehr als nur das. Aus zehn Opern von Verdi wurden Chöre zu einem Stück zusammengestellt, was in dieser Form als inszeniertes Stück am 09. März als eine Uraufführung zu betrachten war. (Rezension der Premiere v. 9.3.2019)

 

Mit dieser Idee den Chören einmal einen besonderen Lorbeer zu flechten, denn an diesem Abend waren sie nicht Teil einer Oper, sie waren die Hauptperson und die Solisten ergänzten die Chöre in wunderbarer Weise, auch die Arien, die Giuseppe Verdi für Chöre geschrieben hatte, wurden einmal besonders gewürdigt. Wohl jeder kennt mindestens 2 Arien, die man zumindest musikalisch „auf dem Schirm“ hat. Was die Hagener zeigten war ein herrlicher Spaß mit schönen Stimmen, einer witzigen Inszenierung, ein Theater im Theater, das Klischee des durchgeknallten Regisseurs, die Probenarbeit, kurz, man ließ den Zuschauer ein Stück sehen, in dem ein Stück erarbeitet wird. Das Publikum konnte sich auf einen Abend freuen, in dem es gleich zwei Stücke zu sehen bekam. Denn das Stück im Stück, auf der kleinen Bühne des Bürgerzentrums setzte sich genau ab, auch dadurch, dass dort gesungene Arien nur vom Klavier begleitet wurden.

In einem Gemeindezentrum finden sich Leute zusammen, um sich mit Verdis Opern zu beschäftigen. Man hat auch eigens dazu den berühmten italienischen Regisseur Tony Laudadio engagiert. Der wird allerdings zunächst nicht wahrgenommen und es wirkt mehr, wie ein Gast um den sich keiner kümmert. Währenddessen probt auf der im Saal vorhandenen Bühne der Kinderchor den Huldigungschor an Desdemona aus Otello, alle diskutieren, ob I Lombardi alla prima Crociata heute noch zeitgemäß ist, die Frauen führen vor, wie die Gartenszene aus Don Carlo aussehen sollte, mit Frauenchor, Tebaldo und Prinzessin Eboli, was aber nicht allen gefällt, die Situation eskaliert und Mobiliar und Menschen liegen samt und sonders am Boden.

Theater Hagen /VIVA VERDI/ Chor und Extrachor, Tony Laudadio (in der Mitte) / Foto @ Klaus Lefebvre

Der arme Tony Laudadio, der sich einsam und unverstanden fühlt, sucht Unterstützung bei seinem Landsmann Arrigo aus La Battiglia di Legnano. und inszeniert mit ihm ein finsteres Szenario um einen dunklen Schwur, der bei einem Abend, an dem es auch um italienischen Freiheitskampf und Würde geht, genau passend erscheint. Der Regisseur allerdings beginnt nun zu erklären, das singen und tanzen in Italien unbedingt zusammen gehören. Sofort spüren das auch alle und der Gefangenenchor aus Nabucco erklingt und, welch ein Zufall, auch der Hohe Priester Zaccaria erscheint zu passender Zeit im Gemeindesaal. Ende des ersten Akts.

In der Pause, in der ein musikalisches Intermezzo geboten wurde, war der Chor überall im Saal verteilt und die Zuschauer konnten sich währenddessen aufhalten, wo sie wollten.

Der zweite Akt beginnt mit dem verwirrten Tony Laudadio, der sich durch seine bisherigen Erlebnisse im Bürgerzentrum in einem Aida-Albtraum wiederfindet. Die Tempelsängerin lockt ihn, die Hohen Priester halten ihn auf Abstand, bis endlich seine Regieassistentin ihn wieder in die Wirklichkeit zurück holt und die Inszenierung weitergehen kann. Prompt hat er eine Idee, aus La Forza del Destino muss das Kriegsgeschrei Rataplan geprobt werden. Zunächst klappt es auch recht gut, aber dann läuft alles schief und er schickt seinen Chor zur musikalischen Probe. Jetzt hat er Luft und kann selbst Macbeth spielen, inclusive der gedungenen Mörder und der wahrsagenden Hexen.

Nun will aber der Herrenchor auch zu seinem Recht kommen und so landet Tony gezwungermassen in Schillers Räubern, also in I Masnadiere und spielt gleichzeitig Franz und Karl Moor. Zu diesem Zeitpunkt wird er jäh in die Realität gerufen, da eine Journalistin einen Termin mit ihm hat. Das Interview verläuft, wie man sich bei Laudadio inzwischen denken kann, ebenfalls recht unkonventionell und nach seinen Vorstellungen. Nun ruft er zur Probe von Macht des Schicksals und wieder wird ein Krieg beschworen.

Theater Hagen/ VIVA VERDI/ Chor und Extrachor („La forza del destino“) / Foto @ Klaus Lefebvre

Darauf wird Laudadio schwermütig. Er, der als ein feingeistiger und sensibler, Heimweh geplagter und freiheitsliebender Mensch dargestellt wird, beginnt sich selbst zu trösten indem er zu singen beginnt. Alle Anwesenden im Bürgerzentrum singen für ihn den Trostchor aus Macbeth, Patria opressa, was seine Situation als Mensch im Exil genau trifft. Darauf fällt der Vorhang. Seine Antwort ist das Va pensiero, das er vom Publikum summen und singen läßt, währenddessen öffnet sich der Vorhang und der Chor singt diese wohl mit bekannteste Arie noch einmal. Der darauf einsetzende, langanhaltende Applaus, die stehenden Ovationen waren mehr als verdient.

Fazit: Einen Opernchor, einen Extrachor und einen Kinderchor einmal in so komprimierter Form zu erleben, ist ein Vergnügen, was man sich nicht entgehen lassen sollte. Danke für so eine wunderbare Leistung. Ebenso Dank an die Solisten, die dieses Mal nur in der Nebenrolle blieben, ohne deren Leistung aber der Abend nicht vollständig gewesen wäre und wodurch deren Qualität in keiner Weise geschmälert ist. Besonders zu erwähnen ist hier Kathuna Mikaberidze, die mit nur ganz wenigen Proben für die erkrankte Kristine Larissa Funkhauser einspringen musste. Ebenso an das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Rodrigo Tomillo. Es war ein wunderbarer Abend und wenn man während eines solchen Abends eine Gänsehaut bekommt, dann kann das nur heissen: Alles richtig gemacht!

 

Chor und Extrachor des Theaters Hagen, Leitung Wolfgang Müller-Salow

Kinder- und Jugendchor des Theaters Hagen, Leitung Caroline Piffka

Philharmonisches Orchester Hagen, Dirigat Rodrigo Tomillo

Statisterie des Theaters Hagen

Eboli/Preziosilla Kathuna Mikaberidze, Mezzosopran

Ramfis/ Zaccaria Dong-Won Seo, Bass

Arrigo/ Radames Costa Latsos, Tenor

Tebaldo Elizabeth Pilon, Sopran

Tempelsängerin Kisun Kim, Sopran

Ein Opernregisseur/Gast Tony Laudadio

Regieassistentin/Journalistin Tatiana Feldman

Ein Pianist Andrey Doynikov

Inszenierung Andreas Bode

Bühnenbild Geelke Gaycken

Kostüme Christiane Luz

Dramaturgie Rebecca Graitl/ Francis Hüsers

 

  • Rezension von Rene Isaak Laube /RED. DAS OPERNMAGAZIN
  • Weitere Infos, Termine und Kartenvorverkauf unter DIESEM LINK
  • Titelfoto: Theater Hagen/VIVA VERDI/ Kisun Kim, Chor und Extrachor („Aida“)/ Foto @ Klaus Lefebvre 

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