
„Wer die ‚Lustige Witwe‘ dirigieren kann, kann alles“, zitiert Christian Thielemann gerne Herbert von Karajan: Denn jemand, der Operette verstanden hat, dirigiert auch Beethoven oder Wagner anders. Worin aber liegen die großen Herausforderungen? Warum ist Operette diffizil? Schwierig seien die vielfachen Tempo-Rückungen, wenn es langsamer oder (wieder) schneller geht, sagt der Kapellmeister, der sich zum Ende seines Konzerts zum Jahreswechsel in einer kurzen Ansprache an das Publikum wendet. Zumal wenn ein Orchester darauf noch nicht so versiert ist wie die Berliner Staatskapelle, die dieses Repertoire bislang weniger bediente. Denn zu Barenboims Zeiten gab es an Silvester meist klassische Beethovens Neunte. Aber diese Rallentandi und Übergänge sind gewiss nicht das Einzige. (RezensiondesKonhzertesv.31.12.2025)
Zur gehobenen Form der Unterhaltungsmusik werden Lehárs Operetten ja doch vor allem angesichts der delikaten Erotik. Kokettes Flirten, sexuelles Begehren und Verführungskunst verbinden sich in der Musik des österreichisch-ungarischen Komponisten, dem sich dieses Konzert ganz und gar verschreibt, stets mit Noblesse. Mehr als allenfalls einen leichten Stich ins Frivole oder Sentimentale darf es da nicht geben. Die hohe Kunst der Interpretation bemisst sich vielmehr am Raffinement im Umgang mit klanglichen Valeurs, auf die sich eine Elisabeth Schwarzkopf so beispielhaft verstand.
Lehárs Melodien sind schließlich gleichermaßen „populär“ und kunstvoll, wie Dramaturg Detlef Giese treffend im Programmheft bemerkt, das muss sich im Vortrag widerspiegeln.
Nun muss man leider sagen, dass es eine Sängerin wie Schwarzkopf, die akribisch jede Silbe auf die klangliche Goldwaage legte, oder auch eines so adeligen Tenors wie Nicolai Gedda, den sie mehrfach zur Seite hatte, heute nicht mehr gibt.
Mit der Sopranistin Vida Miknevičiūtė und dem Tenor Thomas Blondelle bietet die Berliner Staatsoper für ihr Neujahrskonzert gleichwohl sehr achtbare Solisten auf.
Zwar stemmt sich Blondelle in seinem ersten Lied „Freunde, das Leben ist lebenswert“ noch etwas angestrengt in die Höhen, während Miknevičiūtė zu ihrem Lied „Wohin will es mich treiben“ – beide Nummern aus der Musikalischen Komödie „Giuditta“ – mit engem Vibrato gurgelt. Aber schon nach dem rauschhaften Orchesterintermezzo aus demselben Stück ändert sich der Eindruck, wirken beide, nun auch mit schönerer Tongebung, überzeugender in der Gestaltung, hörbar inspiriert von Dirigent und Orchester. Natürlich darf der wohl berühmteste Schlager „Meine Lippen, die küssen so heiß“ nicht fehlen, den die Litauerin – passend garniert mit einem roten Umhang um ihr schwarzes Glitzerkleid – mit den zärtlichsten Tönen singt, die ihre Kehle hergibt.
Aus der „Lustigen Witwe“ ertönt an diesem Nachmittag leider nur die nachkomponierte Ouvertüre gleich zu Beginn, dafür aber mit Verve, Pomp und einer träumerischen Seligkeit in Anklängen aus dem „Vilja“-Lied und dem Walzer „Lippen schweigen“, der den Abend am Ende noch einmal gesungen als Zugabe krönt.

Foto: Stephan Rabold
Zwei Stücke, die schon zu Lehárs Lebzeiten in Berlin sehr erfolgreich waren, dürfen in diesem Programm freilich nicht fehlen: „Paganini“ (1923) um einen Künstler, der nur der Kunst wegen liebt und der Liebe entsagen muss. Und das Singspiel „Friederike“ (1928), eine zarte Liebesgeschichte um den Dichter Goethe, der sich in seinen frühen Zwanzigern in die Pfarrerstochter Friederike Brion verliebt, sie aber höherer Dinge wegen verlässt. Beide Stücke waren in den Hauptpartien dem legendären Tenor Richard Tauber in die Kehle geschrieben.
Und auch Blondelle und Miknevičiūtė haben in den daraus ausgewählten Nummern ihre schönsten Momente, wenn ihnen Christian Thielemann, die Hand leicht am Mund, zeitweise in der Hocke, ihre Liebesgeständnisse in nuanciertesten Pianoschattierungen abverlangt.
Star des Abends aber ist die Berliner Staatskapelle unter ihrem Chefdirigenten, der sie samt magischen Harfenklängen, einem hoch virtuosen, fast schwindelerregenden Geigensolo, brillant vorgetragen von Konzertmeister Lothar Strauß, und einem andächtigen Orgelsolo im Lied „O mein Mädchen, mein Mädchen“ („Friederike“) in ihrem Farbenreichtum auslotet und dafür sorgt, dass es an allen Ecken und Enden knistert und prickelt.
Verdient ernteten sie den größten Beifall.
Dass es generell nicht optimal ist, wenn die Solisten an der Rampe, dem Dirigenten mit dem Rücken zugewandt Position nehmen, weil in dieser Konstellation kaum Blickkontakt möglich ist, hat mich Riccardo Muti gelehrt, der einzige mir bekannte Dirigent, der grundsätzlich Sänger vor sich platziert, so dass er ihnen in die Augen schauen kann. Zugegebenermaßen ist eine solche Aufstellung bei einer Dramaturgie mit Kleiderwechseln, wie an diesem Nachmittag in Berlin zu erleben (die Sopranistin trägt bei jedem Stück eine andere Farbe) schwer einzurichten. Aber dass Thielemann auch nicht ganz glücklich ist, wenn er die Sänger allenfalls mit einem seitlichen Blick über die Schulter ins Visier nehmen kann, ist nicht zu übersehen: Zwei Mal – in dem Lied „Liebe, du Himmel auf Erden“ und dem anschließenden Duett „Niemand liebt dich so wie ich“ – wenn es besonders leise, innig und intim wird, bewegt er sich vom Podium herunter, um ganz dicht vor seine Sänger zu treten, sich mit ihnen auf einer Welle in die tiefsten Gefilde dieser Musik zu begeben. Wo derart sublim musiziert wird, stellt sich eine Ahnung ein, wie ein Interpret, der sich auf Operette versteht, wohl Wagner und Beethoven dirigiert.
- Rezension von Kirsten Liese / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Staatskapelle Berlin
- Titelfoto: Konzert zum Jahreswechsel 31.12.2025 Thomas Blondelle, Vida Miknevičiūtė, Christian Thielemann, Staatskapelle Berlin I Staatsoper Unter den Linden/Foto: Stephan Rabold
Die Höhepunkte, Solo des Konzertmeisters und die Musik durch die Staatskapelle.
Alles andere in Verbindung mit „“ Staatsoper „“ und „“ Neujahrskonzert „“
ist der Erinnerung nicht Wert,