Spannende Familienoper entführt ins Mittelalter – Moritz Eggerts „Iwein Löwenritter“ in Bonn

Oper Bonn/IWEIN LÖWENRITTER/Katharina von Bülow (Lunete); Anton Kuzenok (Iwein)/Foto © Thilo Beu

600 Schulkinder aus dem 3. bis 6. Schuljahr sitzen gebannt im Zuschauerraum der Bonner Oper. Sie erleben die Abenteuer des jungen Ritters Iwein Löwenritter nach der mittelalterlichen Dichtung des Hartmann von Aue. Es ist ein bildstarkes Stück für die ganze Familie. Der junge Ritter Iwein macht eine Entwicklung durch und besteht, nachdem er die Liebe seines Lebens, Laudine, gefunden hat, zahlreiche spannende Abenteuer mit beängstigenden Monstern. Im Mantel der mittelalterlichen Ritterromantik werden zeitlose Fragen aufgeworfen. Der Löwe als sprechender Erzähler, von einem Puppenspieler und einem Bass verkörpert, erläutert und kommentiert die gesungenen Szenen. (Gesehene Vorstellung: Schul- und Presse-Preview am 27. Januar 2022

 

 

 

Die Geschichte beginnt damit, dass sich die Teenager Leon und Gereon im Zoo langweilen. Da beginnt ein Löwe, verkörpert vom Puppenspieler Christoph Levermann und vom Bass Michael Krinner gemeinsam, mit den beiden zu sprechen. Das plastische Zoogitter hebt sich, und die beiden kommen in Ritterkleidung, aber weiter mit Jeans und Sneakers als Iwein und Gawein auf die im Stil eines Papiertheaters gestaltete Bühne von Thomas Stingl.

Die Kostüme hat passend dazu Sven Bindseil gestaltet. Alle Figuren außer Iwein, Gawein und dem Löwen haben nur vorne Papierkostüme im Stil von Kleiderpuppen. Der Löwe kommentiert weiter die Handlung mit gesprochenen Worten. Es gibt Übertitel in Deutsch und Englisch, und es wird in der Regel deutsch gesungen, aber auch mittelhochdeutsch und rückwärts. Die Oper ist durchkomponiert, Aufführungsdauer knapp zwei Stunden mit einer Pause nach dem ersten Akt.

Oper Bonn/IWEIN LÖWENRITTER/Michael Krinner (Löwe (Sänger)); Anton Kuzenok (Iwein); Christoph Levermann (Löwe (Puppenspieler))/© Thilo Beu

Regie führt Aaron Stiehl, der die Idee hatte, den Löwen mit einem Puppenspieler und einem Bass in Personalunion zu besetzen und gar nicht erst zu versuchen, realistisch zu sein. Der Chor beschreibt die hohen Bäume im tiefen Wald, in dem sich Iwein bewegt.

Vom wilden Mann, der rückwärts spricht, wird Iwein als Eindringling in ein fremdes Land zur Rede gestellt. Vom Landesherrn angegriffen, tötet diesen in Notwehr und wird von dessen Truppen gefangen genommen. Man hat nicht miteinander sprechen können, kannte die geltenden Regeln nicht.

Laudine, die Witwe, und Iwein verlieben sich und tauschen ihre Herzen. König Artus kommt mit seinem Gefolge zu Besuch, und Iwein trifft Gawein wieder. Dieser überredet Iwein, mit ihm in den Kampf zu ziehen.

Laudine übergibt ihm einen Ring und nimmt ihm das Versprechen ab, spätestens in einem Jahr zurück zu kommen, da sonst „große Not, schlimmer als der Tod“ drohe. Immerhin tragen sie Verantwortung für das Land!

Im zweiten Akt finden wir Iwein bewusstlos auf einem Schachbrett – Modell für die Welt des Ritters – wo er an Turnieren teilnimmt und Abenteuer erlebt. Er hat Laudine vergessen! Aber Lunette, Laudines kluge Hofdame, gibt ihm die Chance, sich erneut zu beweisen. Er kämpft gegen einen Riesen, gegen einen Drachen und gegen einen doppelköpfigen Tyrannen, der die Bevölkerung terrorisiert. Laudines Herz, das ihn immer begleitet hat, mahnt ihn zur Rückkehr. An der Gewitterquelle, wo alles begonnen hat, trifft er Gawein und Laudine wieder, und alle verzeihen einander und feiern Wiedersehen. Die Gegner waren alle Monster, unter denen die Bevölkerung litt, und vor denen alle Angst hatten.

Grundlage des sehr durchdachten Librettos von Andrea Heuser ist das Jugendbuch „Iwein Löwenritter“ von Felicitas Hoppe. Heuers Idee war es, den Tausch der Herzen szenisch zu visualisieren. Sie hat umwerfende Duette Iweins mit Laudine und mit seinem Freund Gawein, starke Rollen für Bässe und Frauenstimmen geschaffen und setzt den bestens aufgelegten Opernchor unter der Leitung von Marco Medved ein, um einerseits die Waldatmosphäre zu besingen, aber auch, um das unter Missherrschaft leidende und am Schluss jubelnde Volk dazustellen.

Moritz Eggert zieht alle kompositorischen Register bis hin zu Dissonanzen, die Tonsprache erinnert stellenweise an Wagner (aber wie will man einen bedrohlichen Riesen oder Drachen auch sonst vertonen?), scheut aber auch nicht vor einem Rap zurück. Das groß besetzte Beethoven-Orchester unter Kapellmeister Daniel Johannes Mayr hat viel zu tun, die spannend choreographierten  Kampfszenen zu untermalen, die aber niemals zu drastisch sind.

Oper Bonn/Iwein Löwenritter/Jakob Kunath (Gawein); Sarah-Léna Winterberg (Laudines Herz); Anton Kuzenok (Iwein)/Foto © Thilo Beu

Die Metapher vom Tausch der Herzen des Liebespaars, die Hartmann von Aue in seiner Dichtung einsetzt, wird musikalisch und szenisch sehr plastisch dargestellt. Die anfängliche Irritation zwischen den beiden – immerhin hat Iwein Laudines Mann im Kampf getötet – vertont Eggert mit häufigen Taktwechseln. Lada Bočková als Laudine singt mit ihrem perfekt geführten lyrischen Sopran die mädchenhafte Witwe, die sich in den jungen Ritter verliebt. Ava Gesell als Iweins Herz und  Sarah Léna Winterberg als Laudines Herz trommeln die Herzschläge des Liebespaars, die sich synchronisieren, und das sehr poetische Liebesduett wird zum Quartett, weil die beiden Herzen jeweils ein Eigenleben führen und mitsingen. Die Herzen erinnern optisch übrigens an Abbildungen aus Biologiebüchern, die die Sängerinnen vor sich tragen. Diese Szene, vom Löwen kommentiert: „Denn wenn man sich wirklich liebt will man sein Bestes geben … Nichts kann sie mehr trennen. Oder?“ kam bei den Kindern besonders gut an.

Das Happy End führt Laudines Herz herbei: Es mahnt den jungen Ritter nach zu langer Abenteuerreise zur Rückkehr zu Laudine, die ihm in einem großen Finale mit Chor die zu lange Abwesenheit verzeiht.

Katharina von Bülow als Laudines Hofdame Lunette verflucht Iwein, als er sein Versprechen, nach einem Jahr zurück zu kommen, nicht einhält. Sie wird als eine schlaue Schachspielerin dargestellt.

Pavel Kudinov verkörpert mit seinem tiefen Bass sämtliche Gegner, die Iwein bezwingen muss. Er ist mit Papierkostümen verkleidet, das stellt eine Distanz her.

Der sympathische junge Bassbariton Jakob Kunath ist Gereon bzw. Gawein, der Iwein zu seinen Abenteuern verführt. Es gibt ein tolles Freundschaftsduett, das an „Don Carlos“ erinnert.

Oper Bonn/IWEIN LÖWENRITTER/Anton Kuzenok (Iwein)/Foto © Thilo Beu

Dem jungen russischen Tenor Anton Kuzenok ist die anspruchsvolle, für einen Tenor sehr hoch gelegene Partie des Iwein anscheinend auf den Leib geschrieben. Scheinbar mühelos bewältigt er Taktwechsel, schräge Harmonien und hohe Spitzentöne. Er ist noch so jung, dass man ihm den Jungen, der sich die Rittergeschichte in der Rahmenhandlung ausdenkt, abnimmt. Im Theater Hagen hat er großen Erfolg als Nemorino im „Liebestrank“ gefeiert.

Die 600 Schulkinder im Alter von acht bis 13 Jahren folgten der Handlung jedenfalls in atemloser Stille. In der Pause nach dem 1. Akt trat die Theaterpädagogin Johanna Gremme auf die Bühne und machte im Stil einer Fitnesstrainerin ein Bewegungsprogramm für die Kinder vor, die wegen Corona auf ihren Plätzen bleiben sollten. Nur wer unbedingt zur Toilette musste, durfte raus gehen, und prompt hatten sich einige verlaufen und kamen zum 2. Akt zu spät.

Es gibt ganz hervorragend aufbereitetes Unterrichtsmaterial, das es ermöglicht, fächerübergreifend nicht nur die Kunstgattung Oper zu erarbeiten, sondern auch die mittelhochdeutsche Sprache, die in einigen Szenen verwendet wird, oder den Ehrbegriff der Ritter im Mittelalter. IWEIN LÖWENRITTER (padlet.org)

„Iwein Löwenritter“ ist eine hervorragende Leistung des sehr jungen Ensembles, mit dem sich Kinder ab acht Jahren sehr gut identifizieren konnten. Der Anspruch von Libretto, Musik und Inszenierung ist jedoch der einer „normalen“ Oper, die für Erwachsene auf beliebigem Niveau faszinierend ist. Dafür sorgt schon das anspruchsvolle Libretto. Anklänge an Engelbert Humperdinck und Richard Wagner sind kein Zufall, aber Eggerts Musik ist viel kühner und sehr abwechslungsreich.

Die anderen beiden Schulvorstellungen um 11.00 Uhr sind schon ausverkauft, aber es gibt drei Nachmittagsvorstellungen um 16.00 Uhr und zwei Abendvorstellungen um 18.00 Uhr für die ganze Familie zu familienfreundlichen Preisen. (Premiere war am 30. Januar 2022 im Theater Bonn).

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Theater Bonn / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Bonn/IWEIN LÖWENRITTER/Anton Kuzenok (Iwein), Chor/Foto © Thilo Beu

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.