Opernhaus Zürich: „Cardillac“ – Premierenbericht –

Opernhaus Zürich/CARDILLAC/Foto: Monika Rittershaus

100 Jahre nach der Uraufführung 1926 in der Semperoper Dresden, konnte man im Opernhaus Zürich eine überzeugende Neuinszenierung dieses Werks erleben. (Rezension der Premiere vom 15. Februar 2026)

 

 

 

Die Geschichte des Juweliers Cardillac, der sich nicht von seinen in ganz Paris begehrten wunderschönen Schmuckstücken trennen kann, basiert auf der Novelle von E.T.A. Hoffmann‘s „Das Fräulein von Scuderi“. Die Nachfrage nach seinen Juwelen ist groß, doch wenn er einen Auftrag erhält, dann verzögert er die Anfertigung immer wieder durch Ausreden, um seine Kunstwerke nicht anderen überlassen zu müssen.

Opernhaus Zürich/Sebastian Kohlhepp/CARDILLAC/Foto: Monika Rittershaus

Kommt es zwischendurch doch einmal zu einem Verkauf bzw. zu einer Auslieferung an die meistens durch Kavaliere für ihre Geliebten erworben Preziosen, dann holt ihn der Zwang ein, diese Werke wieder zurück in seinen Besitz zu bekommen. Dies anfangs durch Einbrüche in die Häuser seiner Kunden, aber nach und nach immer häufiger durch Gewaltanwendung, wobei die Kavaliere kaltblütig ermordet wurden. So wurde ganz Paris durch eine Mordserie erschüttert. Es war bekannt, dass jeder Kavalier, der von Cardillac eines der begehrten Schmuckstücke erworben hat, kurz darauf ermordet wurde. Ein Sondergericht wird angeordnet, um den Mörder zu finden. Eine Dame, die zwar Kenntnis von den dunklen Hintergründen hatte, forderte trotzdem von ihrem Kavalier, dass er das prächtigste je durch Cardillac geschaffene Kunstwerk für sie als Liebesbeweis erwerben möge. Als der Kavalier mit dem Schmuck zu ihr kommt, wird auch er ermordet. Als der Goldhändler im Geschäft von Cardillac erscheint und die neuesten Morde erwähnt, weist Cardillac die Geschichten als Unterstellungen ab.

Cardillac‘s Tochter liebt einen Offizier, aber ein innerer Zwiespalt plagt sie. Sie möchte zwar mit dem Offizier ein eigenes Leben führen, kann sich aber dennoch nicht vom Vater lösen. Doch Cardillac lässt sie ohne weiteres ziehen.

Opernhaus Zürich/Michael Laurenz, Anett Fritsch/ CARDILLAC/Foto: Monika Rittershaus

Zwar kommen prominente Kaufinteressenten zu Cardillac in den Laden, aber keinem will er etwas verkaufen, denn von seinen Juwelen kann er sich nicht trennen. Der Offizier jedoch lässt sich nicht abwimmeln und zwingt Cardillac, ihm eine Kette zu verkaufen. Cardillac erkennt die Entschlossenheit des Offiziers und lässt ihn gewähren. Gleichzeitig weiß Cardillac aber auch, dass sein innerer Zwang stärker ist und dass er auch ihn umbringen muss.

Es bleibt beim Mordversuch, denn der Goldhändler hat die Auseinandersetzung zwischen dem Offizier und Cardillac beobachtet und schlägt Alarm. Die Menge strömt herbei und stürzt sich auf Cardillac. Um diesen zu schützen lenkt der Offizier die Schuld auf den Goldhändler. Doch die Tochter kennt die Wahrheit. Ohne Reue und im Größenwahn, gesteht Cardillac die Morde und wird von der Menge erschlagen.

Das Libretto von Ferdinand Lion hält sich an die Novelle, jedoch kommt das titelgebende Fräulein Scuderi darin nicht vor. Im Opernhaus Zürich wird die erste Fassung dieser Oper gespielt. Paul Hindemith hat nach den Kriegswirren 1952 eine zweite Fassung geschrieben, welche im damaligen Stadtheater Zürich uraufgeführt wurde, aber den Durchbruch nicht schaffte.

Regisseur Kornél Mundruczó lässt die Handlung in einer Shopping Mall stattfinden, einem Ort, wo man sich Anerkennung und das Bewundertwerden durch den Erwerb von Luxusgütern erkaufen kann.

Das Bühnenbild von Monika Korpa ist treffend, wird doch durch diese Kulisse das uns allen bekannte Gefühl wach, welches wir beim Betrachten von Schaufenstern mit funkelnden Auslagen kennen, die zum Kauf verlocken. Da wurde an alles gedacht. Ein Lift erlaubt es, die Handlung auf zwei Ebenen stattfinden zu lassen. Zusammen mit der Lichtgestaltung von Elfried Roller wird hier die perfekte Kulisse geschaffen, welche die Sichtweise des Regisseurs beeindruckend untermalt.

Kornél Mundruczó hat bis ins kleinste Detail die einzelnen Rollen zu einem spannenden Ganzen zusammengefügt und erzeugt eine der unheimlichen Handlung perfekt entsprechende Stimmung. Für das gesamte hervorragende Ensemble waren es Rollendebüts und man erlebte eine Aufführung auf sehr hohem Niveau.

Opernhaus Zürich/Gábor Bretz/ CARDILLAC/Foto: Monika Rittershaus

Gábor Bretz, zum ersten Mal am Opernhaus Zürich zu erleben, ist eine Idealbesetzung für die Rolle des Cardillac. Jederzeit nimmt man ihm seine Zerrissenheit und Qualen ab. Er meistert seine Partie mit ausdrucksstarker Stimme und man kommt nicht umhin, zuweilen auch Mitleid mit ihm zu verspüren.

Anett Fritsch als die Tochter, verfügt über einen höhensicheren Sopran und lässt das Publikum die Stimmungen ihrer Gefühle miterleben. Das Duett mit dem Vater ist einer der Höhepunkte.

Als Offizier war Michael Laurenz zu erleben, welcher ebenfalls mit voller Hingabe und perfekt sitzender Tenorstimme überzeugte.

Opernhaus Zürich/Dorottya Láng/CARDILLAC/Foto: Monika Rittershaus

Die Dame wurde von der Mezzosopranistin Dorottya Láng gesungen. Sie konnte mit diesem Hausdebut einen großen Erfolg feiern. Ihre großer Stimme und ihr intensives Spiel wecken Neugier auf weitere Auftritte mit ihr. Tenor Sebastian Kohlhepp als Kavalier überzeugte ebenfalls auf der ganzen Linie und gestaltete den ersten Akt zu einem der Höhepunkte.

Als Der Goldhändler konnte Stanislav Vorobyov seine Bassstimme und sein Spieltalent in einem interessanten Rollenporträt zur Geltung bringen. Brent Michael Smith als Der Führer der Prévôte und Stanislav Hnat als Der König ergänzten dieses in jeder Hinsicht überzeugende Ensemble.

Der von Klaas-Jan de Groot wieder hervorragend einstudierte Chor der Oper Zürich ließ ebenfalls keine Wünsche offen und präsentierte sich mit einer weiteren beeindruckenden Leistung.

Die Musik von Paul Hindemith ist geprägt von der Dramatik des Textes und ist mit ihren klar abgeschlossenen Nummern eine Abwendung von der Idee der durchkomponierten Werke. Man hört durchaus auch romantische Momente, so das Lied der Dame oder das Duett Vater/Tochter. Der starke Rhythmus dieser Komposition lässt eine Spannung aufkommen, die einen in den Bann zieht.

Mit Fabio Luisi am Pult des Orchesters der Oper Zürich hat man einen Experten für diese Oper gewonnen, welcher dieses Werk bereits in mehreren Inszenierungen dirigiert hat und nun auch in Zürich einen großen Erfolg feiern konnte. Die Musiker ließen die Partitur zu einem Klangerlebnis werden, welches keine Wünsche offen ließ. Seien es die solistischen Leistungen des relativ kleinen Orchesters für diese Oper, oder die beeindruckenden intensiven Momente mit viel Schlagwerk, jederzeit konnte man die perfekte Konzentration der Musiker spüren.

Das Publikum sparte am Ende nicht mit Bravorufen und viel Applaus. Es ist zu wünschen, dass sich viele interessierte Opernfreunde diese eindrückliche Vorstellung ansehen.

 

  • Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Opernhaus Zürich / Stückeseite
  • Titelfoto: Opernhaus Zürich/Gábor Bretz/CARDILLAC/Foto: Monika Rittershaus
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