Oper Düsseldorf: TANNHÄUSER – Der Sängerkrieg findet im Opernhaus statt – nicht auf der Wartburg!

Elena Zhidkova (Venus), Daniel Frank (Tannhäuser) Tannhaeuser_03_FOTO_HansJoergMichel
Elena Zhidkova (Venus), Daniel Frank (Tannhäuser) Tannhaeuser_03_FOTO_HansJoergMichel

….Ein Publikumskrieg am Premierenabend übrigens auch… 

„Wie Todesahnung Dämmrung deckt die Lande, umhüllt das Tal mit schwärzlichem Gewande, der Seele, die nach jenen Höhn verlangt, vor ihrem Flug durch Nacht und Grauen bangt…“  (Wolfram im dritten Akt Tannhäuser) 

„Oper ist keine schöngeistige Veranstaltung… romantischer Kitsch hat für mich keine Relevanz“ (Tannhäuser-Regisseur Kosminski)

(Artikel von Dr. Peter Bilsing)

Endlich, endlich, endlich…

kommt es auch in der Ära des Generalintendanten Christoph Meyer zu einer politischen und gesellschaftskritischen Auseinandersetzung im heiligen und hehren Opernhaus am Rhein. Allzu viel des Seichten und Leichten ist bisher den Rhein heruntergeflossen. Die Oper ist stellenweise zum banalen Unterhaltungstempel geriert. Doch Oper, wir nennen es heute bewußt „Musiktheater“ muß mehr sein; ein Opernhaus hat durch seine vielen Millionen an Subventionen, neben der spaßigen Unterhaltung und ihres gelegentlichen Gourmet-Charakters auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung und Verpflichtung.

So traf es gestern Abend manche Opernfreunde wie ein Schlag mit der Keule. Schon während der Ouvertüre werden nackte Menschen in zum Kreuz gestapelten gläsernen Gaskammern ermordet. Der Venusberg ist ein KZ – Venus heißt dessen Leiterin. Und so schweigt kurz nach der Ouvertüre die Musik und Tannhäuser darf als quasi besondere „Ehre“ ein nacktes jüdisches Ehepaar samt Kind mit Kopfschuss hinstrecken. Eine Szene, wie sie tausendfach so tatsächlich stattgefunden hat.

Das saß und traf ins Mark eines saturierten und gestern ganz auf wohltembrierten Genuss eingestellten holden bis dato noch gutgelaunten Premierenpublikums.

Starker Tobak!

Die meisten sind geschockt, die Altarwagnerianer heulen auf, so etwas ist für sie quasi Gotteslästerung. „Scheiße! Sofort aufhören! Sauerei! Buh!“ Am Ende wird der Regisseur noch als „Perverse Sau!“ und Schwein!“ beschimpft; man zeigt wo man herkommt im Opernhaus ganz dicht an der Düsseldorfer Kö. Die Befürworter kontern natürlich entsprechend mit „Weitermachen!“ und „Biederes Spießerpack!“ bzw. „Nazis Ruhe!“ Grobe Saalschlacht-Atmosphäre; es herrscht Lynchstimmung unter den goldenen Wagnermedaillien-Trägern. Wehe, wenn sie losgelassen…

Markus Eiche (Wolfram), Elisabet Strid (Elisabeth) Tannhaeuser_09_FOTO_HansJoergMichel
Markus Eiche (Wolfram), Elisabet Strid (Elisabeth) Tannhaeuser_09_FOTO_HansJoergMichel

Sogar ein Notarzt wird gerufen.

Ich erinnere mich nur an wenige Abende in den letzten 40 Jahren, die so aufregend waren und an denen sich das Publikum dermaßen empört spaltete. Bei Zimmermanns „Soldaten“ (1968) hielten sich am Ende, vor allem bei den Abo-Aufführungen, Zuschauer und darstellende Künstler die Waage; öfter zählte ich mehr Darsteller als Besucher. Viel später in den 80-ern blieb mir Krämers „MacBeth“ als Antikriegs-Oper noch in Erinnerung; mit landenden Kampfhubschraubern mitten im Wahnsinn eines Dschungel-Krieges. Oder seine kongenialen „Gezeichneten“, wo sich das Düsseldorfer Publikum und die vor der Oper demonstrieren Tierschützer mehr über die friedlich auf der Bühne schwimmenden Zwergschwäne aufregte, als über die Leichenberge nackter Menschen im Finale.

Nun ist es wieder soweit!

Regisseur Burkhard C. Kosminski provoziert mit dem immer noch bis in die Gegenwart reichenden Trauma unserer deutschen Geschichte – von Ralph Giordano auch als „zweite Schuld“ benannt – der immer noch unbewältigten Vergangenheitsbewältigung.

Aber, aber…

liebe Freunde und Zeitgenossen! Muß denn nicht endlich mal Schluss sein mit diesem Nazi-Gedöns? Wie lange sollen wir die Schatten unserer Deutschen Holocaust-Geschichte denn eigentlich noch mit uns herumtragen? Wir zahlen doch schon in der EU für alle! Ist das nicht auch eine Form der Wiedergutmachung? Und die Amerikaner sollen mal ganz still sein – ja wer hat denn die ganzen Indianer ermordet? Und Euch Spanier retten wir, obwohl ihr die Mayas ausgerottet habt… Na? Wieviel Zustimmung und Beifall bekomme ich jetzt vom geneigten Leser für dieser Sätze? Viel? Ja natürlich viel!

Endlich sagt mal ein Schreiberling was Sache ist.

Aber was ist denn mit den kleinen „Nazi-Nickeligkeiten“, mit denen wir in der Tagespresse immer wieder aktuell ständig konfrontiert werden: NSU, Tschäpe Prozess, Neonazidemos, Horst Tappert, NPD-Verbot, Ausländerhass… etc.

Genau!

Darum ist eine solche Inszenierung nicht nur nötig, sondern auch wichtig.

Und welcher Komponist ist da als Folienträger besser geeignet als Richard der große Wagner? So heißt es im Lohengrin „Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer ziehn!“ Und im Tannhäuser: Da kämpft einer einsam und reuig um die wahre Liebe seiner Jugend im Kreis martialischer Genossen „So viel der Helden, tapfer, deutsch und weise, ein stolzer Eichenwald, herrlich, frisch und grün – heil…“ bzw. „Heraus zum Kampfe mit uns allen… wenn mich begeistert hohe Liebe, stählt sie die Waffen mir mit Mut, und ewig ungeschmäht sie bliebe, vergöss ich stolz mein letztes Blut … heil, heil, heil!“ Wem drängt sich da nicht gleich „Sieg heil“ auf?

So wird der erste Akt, auch mittels der grandios, genialen Darstellerleistung des schwedischen Newcomer und Ex-Rocksänger Daniel Frank zum überzeugenden „Alptraum deutscher Geschichte“. In den Wahnträumen Tannhäusers explodiert eine wahre Blutorgie als wären wir in einem Tarantino-Film – gleich eimerweise läuft das Kunstblut die Wände herunter. Kein schöner Opernabend zum anschließenden Champagner-Defilee. Eher ein Theaterabend, der aufrüttelt, schockiert und aufwühlt. Empörte Besucher und Ignoranten verlassen lärmend und demonstrativ türenschlagend den Musentempel. Da habt ihrs!

Markus Eiche (Wolfram), Thorsten Grümbel (Landgraf), Herren des Chores - Tannhaeuser_11_FOTO_HansJoergMichel
Markus Eiche (Wolfram), Thorsten Grümbel (Landgraf), Herren des Chores – Tannhaeuser_11_FOTO_HansJoergMichel

Der zweite Akt, erkennbar am geänderten Bundesadler, spielt blutlos in der neuen Bundesrepublik: Staatsempfang beim Landesfürsten. Sänger-Concours. Man singt in der heiligen teuren Halle namens Opernhaus – natürlich ins Publikum. Da macht Rampengesang Sinn… Doch am Ende sehen wir, daß die Entnazifizierung doch noch nicht ganz stattgefunden hat, denn manche Minne-Sänger tragen unter ihrem Smoking noch ihre alten Original SS-Reiterhosen. Ute Lichtenberg (Kostüme) muß alle deutschen Nationalarchive geradezu geplündert haben – so echt wirken auch die kompletten Uniformen. Aber, mit Verlaub, was macht der Papst in seinem weisen Ornat in dieser Partygesellschaft? Anspielung an die Rattenlinie? Jene von der römischen Kurie nach dem Krieg organisierte Weißwaschung und Verschiffung von Naziverbrechern mittels neuer Rot-Kreuz-Pässe nach Südamerika? Eine intelligente Inszenierung.

War der zweite Akt dann schon wieder pulsberuhigend bis auf die untoten KZ-Insassen, die zombiegleich unseren Minnesänger wohl nach Rom geleitet haben, kommt es im dritten Akt wieder knüppeldick. Wolfram bedrängt die mittlerweile ins Kloster gegangene Elisabeth und vergewaltigt sie, worauf sich Elisabeth die Pulsadern aufschneidet, um allerdings dann im finalen großen Nazi-Staatsbegräbnis als real brennender Engel („es tat in nächtlich heilger Stund, der Herr sich durch ein Wunder kund“) wieder aufersteht, während Tannhäuser laut schreiend, vor den Spalier stehenden Nazigrößen, dem Wahnsinn verfällt.

„Hoch über aller Welt ist Gott, und sein Erbarmen kennt kein Spott. Halleeeluja!“ ertönt es durch die geöffneten Rangtüren wirklich von oben im Düsseldorfer Opernhaus fern-intoniert vom prächtig eingestellten Frauen- und Kinderchor (Lt. Gerhard Michaski), dessen männliche Parts sich schon auf der Bühne fantastisch einbrachten.

Die Düsseldorfer Edelmusiker fand ich ausgesprochen mäßig, man spielte einen eigentlich kaum akzentuierten Wagner unter ihrem GMD Axel Kober. Ich habe selten einen Tannhäuser gehört, welcher dermaßen undifferenziert, langweilig, dynamikschwach und lärmend daher kam. Grobe Unstimmigkeiten wie im ersten Akt traten dann später nicht mehr so in Erscheinung. Aber das ist meine rein persönliche Meinung. jeder hat halt sein eigenes Wagnerbild. Es sollte in den nur noch fünf Folgevorstellungen 9./12./19./30.Mai + 2.Juni) aber noch besser werden.

Zwischenfazit: Dank an Christoph Meyer und Burkhard C. Kosminski für diesen wahrscheinlich international besten und intelligentesten Beitrag zum Wagner-Jahr 2013 – wahrlich eine Großtat!

* Vielen Dank für die freundliche Überlassung dieser in die Tiefe gehenden und ausführlichen Kritik von  Dr. Peter Bilsing, Opernkritiker und Herausgeber des www.deropernfreund.de (ebenda erschienen am 5.5.2013)

*Deutsche Oper am Rhein Infos und Karten HIER

(Bilder (c) Hans Jörg Michel / DOR)

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