Oper Bonn: Gefeierte „Schneekönigin“ im ausverkauften Haus

Theater Bonn/DIE SCHNEEKÖNIGIN/ Ava Gesell und Katharina von Bülow

Premierenbericht zur „DIE SCHNEEKÖNIGIN“ – Familienoper von Marius Felix Lange – vom 27. Januar 2019 im Opernhaus Bonn *

Die Familienopern der Oper Bonn in Kooperation mit Düsseldorf/Duisburg und Dortmund im Rahmen von „Junge Opern Rhein-Ruhr“ haben in Bonn einen Ruf wie Donnerhall: die nächste Chance, noch Karten zu bekommen, ist am 9. Februar 2019 um 16.00 Uhr die Familienvorstellung, geeignet ab 6 Jahre. Die Premiere ist komplett ausverkauft, viele Familien mit Kindern, aber auch ältere Opernfans sind gekommen.

Marius Felix Langes „DIE SCHNEEKÖNIGIN“ zieht das Publikum 90 Minuten lang – ohne Pause, mit Übertiteln – in ihren Bann.

Die besonders bildstarke Inszenierung von Johannes Schmid mit Kostümen Tatjana Ivschina von hatte am 16. April 2016 ihre Premiere in Duisburg und wurde von der Oper Bonn übernommen und mit eigenem Ensemble und Orchester einstudiert.

 

Grundlage des Librettos ist Hans Christian Andersens Kunstmärchen „Die Schneekönigin“, das immer wieder verfilmt und als Musical, aber auch als Opernstoff genommen wurde. Es beschreibt die Rettung des von Splittern eines magischen Spiegels verhexten Jungen Kay, der von seiner Freundin Gerda aus den Fängen der Schneekönigin gerettet wird. Dabei begegnet sie unterschiedlichen Wesen, die ihr den Weg zum Palast der Schneekönigin weisen. Das Märchen ist enorm vielschichtig und komplex und bietet dem Komponisten und dem Regieteam große Herausforderungen. Und es gibt auch erwachsenen Zuschauern zahlreiche Denkanstöße. Eigentlich kritisiert Andersen hier die herzlosen Technokraten, verkörpert durch die eiskalte Schneekönigin und den verhexten Kay, im Gegensatz zu den liebenden Menschen mit Empathie, deren Prototyp Gerda ist.

Der Komponist Marius Felix Lange,* 1968, hat auch das Libretto geschrieben und äußerst farbig instrumentiert. Er hat bereits „Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte“ (in Bonn 2016) und „Schneewittchen“ (nächste Premiere Leipzig 9.3.2019) geschrieben und arbeitet gerade an drei weiteren Auftragsopern. Ihm hat die Bonner Premiere sehr gut gefallen.

Das gemeinsame lyrische „Rosenlied“ der Kinder Greta und Kay charakterisiert ihre Freundschaft. Es wiederholt sich beim Happy End – Befreiung des verhexten Opfers aus den Fängen der bösen Schneekönigin- als Sieg der Liebe. Die Schlussszene ist ganz große Oper!

Die Musiker des bestens aufgelegten Beethoven-Orchesters in großer Besetzung unter Daniel Johannes Mayr und der Chor unter der Leitung ihres Chordirektors Marco Medved haben sichtlich Freude daran, die zum Teil liedhaften Arien und Choreinlagen, aber auch große dramatische Szenen wie Schlittenjagden durch das Eis musikalisch auszuloten.

Theater Bonn/DIE SCHNEEKÖNIGIN/ Gerda (Marie Heeschen), Rentier (Martin Tzonev) und Finnin (Susanne Blattert)

Johannes Schmid inszeniert die Geschichte mit Hilfe von Video-Projektionen als ganz großes Kino. Die Möglichkeiten der Hebebühne werden genutzt, um die Räuberhöhle in der Unterwelt sichtbar zu machen. Tatjana Ivschina, eine der deutschlandweit besten Bühnen-und Kostümbildkünstlerinnen, schafft mit verschiebbaren und drehbaren Kulissenelementen eine sehr flexible Bühne, die ohne Umbaupausen auskommt. Die Kostüme sind eine Augenweide, besonders zu nennen sind die Trolle, die in ihren Pelzkostümen ganz schön schwitzen müssen, das Rentier und die Finnin. Auch der Damenchor mit bunten Corsagen und Tornüren mit Blütendeko ist ein Blickfang.

In der Szene von Prinz und Prinzessin mit Anklängen an den „Rosenkavalier“ persiflieren Louise Kémeny  und Christian Georg die große Oper des 19. Jahrhunderts. Das goldene Bett, in dem sie residieren, verwandelt sich nach ihrem Auftritt in einen Schlitten.

Die Krähe von David Fischer im schwarzen zerfledderten Frack und tiefschwarzer Perücke ist ein Kabinettstückchen eines Charaktertenors. Martin Tzonev stellt den Deubeltroll und das Rentier mit seiner Sehnsucht nach dem ewigen Eis zur Unkenntlichkeit verkleidet mit seiner markanten Bassstimme dar.

Ava Gesell als Tölpeltroll und Taras Ivaniv als Trotteltroll begleiten die Reise Gerdas zur Schneekönigin. Sie sind die Buffos in dieser Oper, da gibt es immer wieder was zu lachen.

Theater Bonn/DIE SCHNEEKÖNIGIN/ Marie Heeschen und Di Yang

Die Blumenfrau und das verschlagene Räubermädchen sind mit Katharina von Bülow, Mezzosopran, temperamentvoll besetzt.

Die Rolle der Großmutter und der Finnin spielt Susanne Blattertlangjähriges Ensemblemitglied, früher als Cherubino und Orpheus gefeiert, jetzt als Donna Elvira, Marzelline und Amastre auf der Bonner Opernbühne. Ihre Finnin, die in der Sauna angetroffen wird, ist wirklich auch optisch eine Charakterstudie.

Julia Bauer gibt eine eisige Schneekönigin mit großartigen Sprüngen und Spitzentönen. Ihr Kostüm erinnert an Eiskristalle, ihr Make-up an Frankensteins Braut. Großes Drama! Sie verkörpert die herzlose eiskalte Technokratin, die mit ihren Küssen den Lebensgeist ihres Opfers Kay zerstört.

Die Rolle des Baritons zu besetzen, der einen Jungen in der Pubertät spielt, stellt eine große Herausforderung dar. Di Yang, Student der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, nimmt man den Jungen Kay, der zunächst ein netter Junge ist, dann aber von Splittern des Zauberspiegels getroffen in ein herzloses Monster verwandelt wird, unbesehen ab. Er liefert die Karikatur eines nüchternen jungen Technokraten, der sich an einem für ihn unlösbaren Rätsel abarbeitet und den die Schneekönigin in ihrer Gewalt hat, mit geschmeidigem jugendlichem Bariton. Er vermag es, auch die Rückverwandlung in einen netten erwachsenen Mann glaubhaft zu verkörpern.

Theater Bonn/DIE SCHNEEKÖNIGIN/ Marie Heeschen

Star des Stücks ist das Mädchen Gerda, die Kay aus den Fängen der Schneekönigin rettet und dabei viele Abenteuer besteht.  Marie Heeschenals „Ella“ aus den „Geisterrittern“ von Reynolds (2017) und als „Birk“ in Ronja Räubertochter von Arnecke (2016) in bester Erinnerung, liefert hier eine schauspielerische und sängerische Glanzleistung. Sie ist auch optisch das junge Mädchen, das Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um ihren Freund aus den Fängen der Schneekönigin zu retten. Mit ihrem hell timbrierten lyrischen Sopran – in der letzten Spielzeit konnte sie als „Susanna“ in „Figaros Hochzeit“ brillieren – ist sie die ideale Identifikationsfigur, eine kleine Leonore, die den Tod nicht scheut, ihren Freund zu retten. Endlich einmal eine Befreiungsoper mit eindeutig positivem Ausgang!

Der Besuch lohnt sich für Familien mit Kindern ab 6 Jahren, und auch Erwachsene haben viel Spaß an dieser tiefgründigen bildstark inszenierten Familienoper aus der Rehe „Junge Oper Rhein-Ruhr“.

 

Die Schulvorstellungen am 29. Januar 2019 und am 12. März 2019 sind bereits ausverkauft, eine weitere gibt es am 9. April 2019 um 11.00 Uhr. Familienvorstellungen können unter DIESEM LINK gebucht werden.

 

  • Rezension der besuchten Premiere von Ursula Hartlapp-Lindemeyer/Red. DAS OPERNMAGAZIN

 

  • Titelfoto: Theater Bonn/DIE SCHNEEKÖNIGIN/ Marie Heeschen und Katharina von Bülow

 

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