Große Gefühle im Musiktheater im Revier: „La Bohème“

MiR Gelsenkirchen/La Bohème/Foto: Pedro Malinowski

Mimi ist gestorben. Rodolfo nimmt sie fest in seine Arme. Seine verzweifelten Schluchzer überdauern das eigentliche Ende der Oper. Ein Moment von ganz besonderer Intimität. Was für ein emotionales Schlussbild, was für eine berührend-schöne Inszenierung. Nach einem langen Moment der ergriffenen Stille schallen schließlich die ersten Bravorufe aus dem Publikum und der Premierenjubel hält minutenlang an. (Rezension der Premiere vom 1. Februar 2025)

 

 

Die Geschichte der vier Freunde und erfolglosen Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline, die mit ihren jeweiligen Talenten ein ärmliches Leben in einer Mansardenwohnung in Paris fristen, ist der Stoff aus dem Puccini seine Erfolgsoper La Bohème schuf. Trotz der Dauerebbe, die in ihren Portemonnaies vorherrscht, versuchen sie dem Leben auch schöne Seiten abzugewinnen. Wenn da nicht die Liebe wäre, die so vieles durcheinander bringt. Als der Poet Rodolfo die stille und bescheidene Mimi kennenlernt, beginnt eine der schönsten und anrührendsten Liebesgeschichten der gesamten Opernliteratur. Ganz im Gegensatz dazu das Paar Marcello, dem temperamentvollen Fassadenmaler und seiner Musetta, die lebenslustige und sich ihrer Schönheit und Begehrlichkeit stets bewussten Lebedame, die eigentlich unterschiedlicher nicht sein können. Aber es sind diese Unterschiede, die Puccini und seine Librettisten Luigi Illica und Giuseppe Giacosa in so vielen  Momenten dieser am 1. Februar 1896 in Turin uraufgeführten Oper so fein herausgearbeitet haben. Diese ständigen Wechsel von Lebenslust, Übermut und Leichtlebigkeit hin zu Augenblicken voller Schmerz, Eifersucht und Tragik. Und es sind eben auch diese starken Emotionen, die Puccini so meisterhaft vertont hat, die für den dauerhaften und ungebrochenen Welterfolg dieser Oper stehen. Eine einfache Liebesgeschichte unter Pariser Bohémiens des frühen 19. Jahrhunderts, die doch in ihrer emotionalen Wirkung gewaltig auf die Herzen des Publikums zielt.

MiR Gelsenkirchen/La Bohème/Foto: Pedro Malinowski

Und es sind diese besonderen Emotionen, die Sandra Wissmann in ihrer Regie immer wieder hervorhob und darstellte. Sicher gehörte dazu die eingangs erwähnte – sehr starke – Schlussszene, aber es sind auch und vor allem, die vielen kleinen Gesten der handelnden Personen, die diese Gelsenkirchener (Personen-)Regie so nahbar, anschaulich und mitfühlend machten. Frau Wissmann nutzte dazu auf effektive Weise die Möglichkeit einer Drehbühne. Das eigentliche Bühnenbild (Bühne: Britta Tönne, Licht: Thomas Ratzinger) besteht aus einem zweigeschossigen Gebäude, welches mittig auf der Drehbühne des Gelsenkirchener Musiktheaters angebracht ist. Im oberen Teil ist die spärlich eingerichtete Mansardenwohnung der vier Freunde angeordnet und im unteren Teil, welcher durch Treppenauf- und abgänge verbunden ist, mal das Cafe Momus und im dritten Bild dann ein Gasthof am Stadtrand, nahe der Zollschranke. Besonders im zweiten Bild der Oper, in dem das bunte Treiben rund um das Pariser Cafe Momus gezeigt wird, entfaltet das Bühnenbild eine besondere Wirkung. Sandra Wissmann nutzt dazu alle Ebenen des Bühnenbildes um die freudige Ausgelassenheit der Menschen in dieser weihnachtlichen Stimmung darzustellen. Das besondere Pariser Flair des beginnenden 19. Jahrhunderts, in dem die Handlung der Oper stattfindet, lässt sich auch sehr deutlich an den teils aufwändigen und bunten Kostümen (Kostüme: Beata Kornatowska) der handelnden Personen auf der Bühne erkennbar nachvollziehen. Eine überzeugende Inszenierung von Puccinis Meisterwerk, die der emotionalen Wucht und Wirkung der Partitur sehr viel Raum und Bilder gibt und dadurch so ungemein sehens- und erlebenswert ist. Viel Applaus des Publikums für die Regisseurin und ihr Team.

Musikalisch wurde das Premierenpublikum absolut verwöhnt:

MiR Gelsenkirchen/La Bohème/Foto: Pedro Malinowski

Mit der Sopranistin Heejin Kim verfügt das Musiktheater im Revier über eine geradezu ideale Mimi. Sie verkörpert diese Partie mit all ihren Facetten. Die verliebte Mimi, die glückliche Mimi und später dann die verzweifelte und todgeweihte Mimi. Eine sehr überzeugende darstellerische Leistung, die allein von ihrer gesanglichen Darbietung übertroffen wurde. Die Arie „Sì. Mi chiamano Mimì“ aus dem ersten Bild der Oper begann sie zart und zurückhaltend um dann im weiteren Verlauf der Arie die Passage „Ma quando vien lo sgelo, Il primo sole è mio. Il primo bacio dell’aprile è mio!“ mit großer Emotionalität und ebenso großer Stimme durch das Theater strömen zu lassen. Im darauffolgenden Duett mit Rodolfo „O soave fanciulla“  liess sie erneut ihren Sopran aufblühen und strahlen und gestaltete ihren Abschied vom geliebten Rodolfo („D’onde lieta uscì“) aus dem dritten Bild der Oper zu einem weiteren Höhepunkt des Abends. Eine großartige Gesamtleistung der jungen südkoreanischen Sängerin, die völlig zu recht und verdient einhellig bejubelt wurde. Bravo!

Als Rodolfo war Khanyiso Gwenxane zu erleben. Der südafrikanische Tenor erhielt bereits nach seiner ersten Arie („Che gelida manina„), die er gefühlvoll und höhensicher gestaltete, spontanen Szenenapplaus. Im weiteren Verlauf der Oper war die Darstellung seines Rodolfo gesanglich und darstellerisch sehr überzeugend, voller Spielfreude und dabei sehr berührend. Die Duette und Szenen mit Mimi waren Glanzlichter des Abends. Und wie er das emotionale Finale der Oper gestaltete, ging einfach unter die Haut. Gwenxane konnte mit diesem Rodolfo an seine bisherigen Erfolge am Musiktheater in Gelsenkirchen nahtlos anknüpfen.

Großen Applaus und Bravos auch für den Marcello des Abends, Simon Stricker. Mit klarer, kräftiger und wohlklingender Stimme begeisterte der Bariton das Publikum und verlieh dieser Partie großes Format.

MiR Gelsenkirchen/La Bohème/Foto: Pedro Malinowski

Margot Genet als exaltierte Musetta, die ihrer Partie die perfekte Mischung aus Verruchtheit und Menschlichkeit verlieh und gesanglich nicht nur mit dem Musetta-Walzer („Quando me’n vo‚“) glänzen konnte.

Yancheng Chen und Philipp Kranjc als Schaunard und Colline, die weiteren Freunde von Rodolfo, verliehen ihren Partien viel Charakter und Ausdruck und durften sich ebenfalls über den großen Zuspruch des Publikums freuen.

Benedict Nelson als Benoit und Alcindoro, Jin-Chul Jung als Parpignol und Oliver Aigner als Zöllner und Sergeant rundeten das Solistenensemble hervorragend ab.

Großes Lob auch an den Chor und Extrachor des MiR (Chor: Alexander Eberle), dem Kinderchor des MiR  und den Kindern der Akademie für Gesang NRW (Leitung Kinderchor: Željo Davutović und Veronika Haller) und der Statisterie des Musiktheaters im Revier, die alle viel zum großen Erfolg dieser Premiere beigetragen haben.

Am Pult der Neue Philharmonie Westfalen stand der musikalische Leiter des Abends Giuliano Betta, der seine Musiker mit viel Verve, aber ebenso viel Gefühl aufspielen liess und maßgeblich mit daran wirkte, dass diese Premiere zu einem großen Erfolg wurde. Auch für Betta und sein Orchester großer Applaus des Gelsenkirchener Publikums.

 

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