„Der fliegende Holländer“ – ein dreifacher Coup der Bayreuther Festspiele 2021 mit Lyniv, Grigorian und Cutler

Bayreuther Festspiele 2021/DER FLIEGENDE HOLLÄNDER/Foto ®Enrico Nawrath

Das Trio bestehend aus Oksana Lyniv als erste Frau am Pult des Bayreuther Festspieleorchesters und den beiden Bayreuth-Debüts von Asmik Grigorian und Eric Cutler haben frischen Wind in die Segel der diesjährigen Festspielpremiere „Der fliegende Holländer“ gebracht. Es wurde genau jene musikalische Exklusivität und Einzigartigkeit versprüht, die das strenge Wagnerpublikum bei den Bayreuther Festspielen erwarten darf. (Besuchte Vorstellung. 7.8.2021)

 

Bis zum Jahr 2021 hat es gedauert hat, dass mit Oksana Lyniv endlich die erste Frau im mystischen Abgrund, dem Orchestergraben der Bayreuther Festspiele steht. Umso erfreulicher, dass die ukrainische Dirigentin mit ihrem Debüt gleich einen Coup landete und manch einen ihrer männlichen Kollegen in den Schatten stellte. Denn die angeblich so schwierigen akustischen Bedingungen im Festspielhaus mit dem verdeckelten Orchestergraben schienen ihr keinerlei Probleme zu bereiten. Sie führte souverän und selbstsicher durch die Partitur und schien sich hörbar wohl am Pult des Festspielorchesters zu fühlen. Ihr straffes Dirigat war geprägt durch eine unglaubliche Vitalität und spannende, gleichwohl fließende Tempiwechsel mit farbenreichen Klängen. Im berühmten Bayreuther Mischklang ließ sie die stimmenbegleitenden Holzbläserläufe hörbar werden und koordinierte dadurch mustergültig das Ensemble auf der Bühne mit dem Orchester.

Die Rollen des Erik und der Senta im „Fliegenden Holländer“ sind trotz ihrer Kürze unheimlich komplex und stellen besondere Anforderungen an die Stimmen dar, sodass unzählige bedeutende Tenöre und Sopranistinnen des Wagnerfachs diesen Partien aus dem Weg gegangen sind.

Bayreuther Festspiele 2021/DER FLIEGENDE HOLLÄNDER/Foto ®Enrico Nawrath

Die litauische Sängerin Asmik Grigorian hat in den letzten Jahren als Marie im „Wozzeck“, der Titelrolle der „Salome“ und als kleine Schwester der „Elektra“ die Salzburger Festspiele im Sturm erobert, nun gab auch sie ihr umjubeltes Bayreuth-Debüt. Sie ist eine ausgeprägte Musikdramatikerin, keinem Fach zuzuordnen, singt in allen Sprachen und die unterschiedlichsten Partien von Komponisten wie Tschaikowski, Strauss, Berg aber auch Verdi und Puccini. Mit ihrer voluminösen, markerschütternden, markant-polarisierenden Stimme wird jede ihrer Rollen unmittelbar zu einem unvergleichlichen Ereignis. Auf Aufnahmen ist ihre Stimme kaum einzufangen, ihre leidenschaftlichen Darstellung, mit der sie das Publikum in den Bann zieht, gilt es live auf der Opernbühne zu erleben. Ein Coup, denn Grigorian wird nun als die mitunter ungewöhnlichste, gleichwohl stimmlich intensivste und selbstbewussteste Senta in die Geschichte der Bayreuther Festspiele eingehen werden.

Auch Eric Cutler gab in der Rolle des Erik sein Bayreuth-Debüt. Der Tenor fokussiert sich meist auf die gemäßigten Tenor-Rollen wie Max, Bacchus und auch gerne das französische Fach. Und so zeigte es sich als ein weiterer Coup, die Rolle des Erik einmal nicht mit einem typischen Heldentor zu besetzen. Cutler sang die komplexe Partie des Erik makellos und ausgesprochen fehlerfrei, gerade die knifflige Kavatine im 3. Akt gestaltete er auf den Schlag genau im Takt. Seine Stimme, die er in einem wunderbaren Legato führte, bestach durch ihre warmes Timbre. Lyniv, Grigorian und Cutler, drei bravouröse Hügeldebüts!

Bayreuther Festspiele 2021/DER FLIEGENDE HOLLÄNDER/Foto ®Enrico Nawrath

Seit über zehn Jahren verkörpert Georg Zeppenfeld als Bayreuther Publikumsliebling sämtliche Bass-Partien in konstant hoher sängerischer Qualität. Auch die Rolle des Daland, Sentas Vater, brachte er in seinem unnachahmlichen, unaufgeregtem Gesangsvortrag zum Leben. Ein ähnlich alter Hase auf dem Hügel, in der Titelrolle der Holländers, ist John Lundgren. Zur Premierenaufführung wurde seine Leistung von den Kritiken noch als stimmlich unzureichend moniert. Erfreulich, in welch bester gesanglicher Verfassung er sich in der rezensierten, vierten Aufführung der Vorstellungsserie befand und mit seiner Stimme – rau wie die norwegische See – einen aggressiven Holländer mit deklamatorisch eindringlicher Intensität zeichnete.

Während aus dem Graben das Vorspiel der Oper erklingt, öffnet sich schon der Vorhang und der Regisseur Dmitri Tcherniakov zeigt eine starke Vorgeschichte aus der Kindheit des fliegenden Holländers, wie dieser den Selbstmord seiner Mutter und seine Ausgrenzung aus der Dorfgemeinschaft miterleben musste. Mit Beginn des ersten Akts, viele Jahre später, kehrt der fliegende Holländer um Rache zu nehmen als Berserker in seine Heimat zurück…

Bayreuther Festspiele 2021/DER FLIEGENDE HOLLÄNDER/Foto ®Enrico Nawrath

Dass ein Regisseur seine eigene, an Wagners Musikdrama angelehnte, aber doch vollkommen andersartige Geschichte erzählt, ist ein anregender und vielversprechender Ansatz. Mit einem ähnlichen Konzept triumphierte auch Tobias Kratzer mit seinem Bayreuther „Tannhäuser“.  Nach einem starken Auftakt flacht die Regie jedoch zunehmend ab, es mangelt insgesamt an Dramatik auf der Bühne, häufig kommt es zu Leerläufen in Tcherniakovs Erzählung. Der Regisseur weckt Assoziationen an die apokalyptischen, in Rauch und Feuer gehauchten Bühnenbilder eines Calixto Bieitos, nur eben leider in szenisch unzulänglicher Umsetzung. Tcherniakovs Spezialeffekte sollen das Publikum in Staunen versetzen und Spannung erzeugen, leider wirken sie mitunter unfreiwillig komisch und animieren das Publikum zu lachen. Statt in Bayreuth einen billigen Actionfilm auf die Bühne zu stellen, hätte sich der Regisseur lieber auf Richard Wagners eigene Identifikation mit der Figur des Holländers oder auch auf die Tiefenpsychologie im Mit- und Gegeneinander zu Senta konzentrieren sollen.

In seinen geschätzten, wirkungsvollen Inszenierungen von „Tristan und Isolde“ und „Parsifal“ an der Staatsoper Berlin hat Tcherniakov bewiesen, dass er Wagners Figuren, deren menschliche Psyche und Vorgeschichte versteht und sie mit wirksamen Bildern deuten und nacherzählen kann. Hoffen wir, dass Tcherniakov in der Werkstatt Bayreuth noch etwas handwerkern wird, um spätestens zur Wiederaufnahme diesen „Fliegenden Holländer“ vom bemühten Niveau eines Vorabendkrimis zum fesselnden Hollywood-Thriller zu heben.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayreuther Festspiele 2021
  • Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2021/DER FLIEGENDE HOLLÄNDER/Foto ®Enrico Nawrath

 

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