„Der fliegende Holländer“ am Theater Krefeld-Mönchengladbach / Seefahrerromantik und ein überraschendes Ende

Theater Krefeld/Mönchengladbach/DER FL. HOLLÄNDER/Foto @ Matthias Stutte

Die Ouvertüre beginnt mit einem Film der ungestümen See, bei dem die Wogen hochschlagen. Dann sieht man auf der Bühne eine Seemannsfamilie. Der Vater, offensichtlich Kapitän, geht wieder in See und lässt Frau und Tochter zu Hause. Das etwa 13-jährige Mädchen liest viel und macht sich ein Bild des fliegenden Holländers. Ein Schiff mit blutroten Segeln ist unter ihren Spielsachen. Der „Holländer“ ist ein Untoter, der seit Jahrhunderten dazu verurteilt ist, die Meere zu durchstreifen und nur alle sieben Jahre an Land gehen darf, weil er Gott verflucht hat. Wenn er eine Frau findet, die bis in den Tod treu an seiner Seite steht, darf er sterben. Eine absolut charismatische romantische Sagenfigur und ein alter Seemannsmythos! Roman Hovenbitzer inszeniert diese Oper aus der Sicht einer Senta auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. (Besuchte Vorstellung am 5.11.2022)

 

 

Im „fliegenden Holländer“ verarbeitet Richard Wagner eine turbulente, lebensgefährliche Überfahrt von Riga nach London im Jahr 1839, bei der er das Lokalkolorit der Seeleute und die Gewalten des Windes und der Wellen kennenlernte, die er so beeindruckend komponierte. Die Seemannschöre haben längst den Charakter von Volksliedern gewonnen. In der Inszenierung vom Roman Hovenbitzer wird die Seemannsromantik sehr bildstark dargestellt, aber auch kritisch hinterfragt, und zwar aus der Sicht der heranwachsenden Senta. Schon die Ouvertüre, zunächst mit wildem Wellengang bebildert, zeigt, wie Vater Daland immer wieder die Familie allein lässt, um auf der gefährlichen und tückischen See sein Geld zu verdienen. Das Kind Senta liest die Geschichte vom fliegenden Holländer und stellt sich vor, wie die wohl gehen könnte, wenn sie selbst Senta wäre. Auf einer Bühne auf der Bühne beginnt die Handlung in der zeitlosen Gegenwart, immer beobachtet von der jungen Senta im stilisierten Seemannskostüm à la „Fluch der Karibik“.

Dalands Schiff kann wetterbedingt nicht in den Hafen einlaufen. Man ankert an der Küste um besseren Wind abzuwarten, im Hintergrund tobt die See. Alle gehen zur Ruhe, und auch der zur Wache eingeteilte Steuermann (der junge Tenor Woongyi Lee) verschläft die Ankunft eines fremden Schiffs, dessen goldene Gallionsfigur plötzlich in die Bühne ragt. Da kommt ein Mann auf die Bühne: Dreispitz und schwarzer Gehrock wie aus „Fluch der Karibik“, lange Haare, dicker Bart. „Die Frist ist um…“ singt Oliver Zwarg,– es ist der fliegende Holländer, den Senta aus der Sage kennt. Kapitän Daland, der junge Bass Matthias Wippich, macht dessen Bekanntschaft. Nachdem er zunächst zögert wird er mit ihm sehr schnell einig, dass Senta seine Frau werden soll, weil der Holländer ihm eine Kiste mit Schätzen „für das Obdach einer einz´gen Nacht“ anbietet.

Theater Krefeld/Mönchengladbach/DER FL. HOLLÄNDER/Foto @ Matthias Stutte

Nach der Pause geht es im Haus Dalands weiter. Mary, Sentas Amme und vermutlich Dalands Lebensgefährtin im smarten Schneiderkostüm (Eva Maria Günschmann), hat eine Brautmodenschneiderei eingerichtet, und zum Lied: „Summ und brumm du gutes Rädchen …,“ werden von den jungen Frauen des Dorfes eifrig Brautkleider anprobiert, gestichelt und genäht. Die erwachsene Senta will nicht mitmachen. Sie trägt stattdessen die Ballade vom fliegenden Holländer: „Johohoe! …“, Kernstück der Handlung, vor. Sie will diejenige sein, durch die der Unselige erlöst wird. Ingegjerd Bagøien Moe ist eine charismatische Senta, die sich mit ihrem sehr gut geführten lyrisch-dramatischen Sopran richtig in diese Vision reinsteigert.

Senta ist vom Donner gerührt, als der Holländer plötzlich in Begleitung ihres Vaters vor ihr steht. Liebe auf den ersten Blick! Das Paar Holländer – Senta ist mit Ingegjerd Bagøien Moe und Oliver Zwarg ganz herausragend besetzt. Es knistert die Luft!

Es endet mit der Vorbereitung der Hochzeit, aber der Holländer hat erfahren, dass Sentas Jugendfreund, der Jäger Erik (Ralph Ertel), glaubt, ältere Ansprüche zu haben. Und Senta ist entsetzt, dass der Holländer sich plötzlich in genauso einen Langweiler und Trinker wie ihr Vater verwandelt. Mit gestutzten Haaren in einer adretten Kapitänsuniform ist da kaum noch ein Unterschied. Als daher der Holländer die Karten auf den Tisch legt und offenbart, er sei der fliegende Holländer, er werde jetzt ohne sie in See stechen, um sie nicht ins Verderben zu stürzen, singt sie zwar noch: „Hier steh ich, treu dir bis zum Tod“, aber dann versinkt des Holländers Schiff mit der Geistermannschaft, und die junge Senta nimmt die erwachsene Senta an die Hand und geht mit ihr in eine bessere Zukunft.

Theater Krefeld/Mönchengladbach/DER FL. HOLLÄNDER/Foto @ Matthias Stutte

Mit dem „fliegenden Holländer“ beginnt die Serie der Bayreuth-tauglichen Opern Wagners. Es ist eine durchkomponierte Nummernoper mit gewaltigen Chören, die die Handlung tragen und mehr beitragen als nur Lokalkolorit. In der Inszenierung Hovenbitzers wird alles relativiert, weil man es mit den Augen eines klugen Kindes sieht. Die falsche Romantik, die Plackerei im Alltag, die Gefahr durch Wetter und Fluten, die das Schiff des Holländers verkörpert. Die Reduktion der Frauen auf Ehe und Familie wird zugespitzt im Brautmodensalon Marys mit einem in der Mitte stehenden Kinderwagen. Der Regisseur distanziert sich deutlich von Wagners Idee der Erlösung des Holländers durch eine sich opfernde Frau, denn so etwas kann man heute nicht mehr erwarten. Ich fand es tröstlich, dass Senta diesmal überlebt und ihren Heimatort verlässt. Es bleibt die Frage danach, was im Leben wirklich wichtig ist.

Theater Krefeld/Mönchengladbach/DER FL. HOLLÄNDER/Foto @ Matthias Stutte

Das Bühnenbild der Bühne auf der Bühne ist nach rechts erhöht. Dadurch hat man ständig den Eindruck, in einem Schiff zu sitzen, das schief in den Wellen liegt. Bühnenfilmer Peter Issig hat hervorragende Videoprojektionen der See, die im Hintergrund immer zu sehen ist, und vor allem Großaufnahmen der Protagonisten, die live in schwarz-weiß projiziert werden, erstellt, die die Ästhetik des Kinos erzeugen. Auch die Kostüme von Mechthild Seipel sind in jeder Hinsicht eine Augenweide, auch weil sie im dritten Akt alle Frauen in Brautkleider und die Herren in Smokings bzw. moderne Seemannsuniformen steckt.

Es wird durchgängig gut gesungen, und der Opernchor und Extrachor des Theaters Krefeld und Mönchengladbach in der Einstudierung von Maria Benuymova und Michael Preiser legen sich mächtig ins Zeug. GMD Mihkel Kütson dirigiert die Niederrheinischen Sinfoniker mit flotten Tempi. Etwas schade ist, dass die Konfrontation der Norweger mit dem Geisterchor nicht szenisch umgesetzt wird, was aber beim gewählten Inszenierungskonzept durchaus Sinn macht.

Diese Inszenierung ermöglicht jungen Opernbesuchern einen Zugang zum Stück und Kennern des Werks eine faszinierende und bildstarke Umsetzung der Seemannsromantik und des Mythos vom fliegenden Holländer mit einem überraschenden Ende. Ich habe dem Richard-Wagner-Verband Bonn empfohlen, diese Inszenierung zu sehen und werde am 15. Januar 2023 die Vorstellung noch einmal besuchen. Ich hoffe, dann das Ensemblemitglied Johannes Schwärsky in der Titelpartie zu erleben, denn Oliver Zwarg war am 5. November 2022 kurzfristig eingesprungen.

 

Ein Gedanke zu „„Der fliegende Holländer“ am Theater Krefeld-Mönchengladbach / Seefahrerromantik und ein überraschendes Ende

  1. Guten Tag,
    Mit Interesse habe ich den Beitrag „der fliegende Holländer“ in Mönchengladbach am 5.11.2022 gelesen. Wie es manchmal so ist, kann ich die Meinung der Besucherin nicht teilen, für mich war das eine mittelmäßige Aufführung.

    Allerdings würde mich interessieren, welche Aufführung hier besucht wurde. In meiner Aufführung am 5.11.2022 hat Sebastian Engel das Dirigat übernommen. Gab es noch eine zweite Aufführung mit dem GMD?

    Beste Grüße
    Bernd Hartmann

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