Das London Symphony Orchestra und Sir Simon Rattle bringen Rachmaninows Heimatschmerz in die Alte Oper Frankfurt

Alte Oper Frankfurt/5.12.22-LSO/Sir Simon Rattle/© Alte Oper Frankfurt, Tibor Florestan Pluto

Die zahlreichen Gastauftritte des London Symphony Orchestra (LSO) in der Alten Oper sind beim Frankfurter Publikum derart beliebt, dass sogar Konzertprogramme mit unbekannteren Werken selbst bei Verzicht auf einen Starsolisten stets ausverkauft sind. Insbesondere ist dies der Fall, wenn der scheidende Musikdirektor Sir Simon Rattle sein britisches Orchester auf einer Tour begleitet. In der Vorweihnachtszeit kehrte dieser nun am Pult des LSO mit zwei weniger bekannten Tondichtungen von Jean Sibelius (Okeaniden, op. 73 und Tapiola, op 112) sowie der eher schwer zugänglichen und etwas unpopulären Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 44 von Sergej Rachmaninow zurück in die Alte Oper. Rattle ist als Sibelius-Dirigent weltweit geschätzt und lieferte auch an diesem Abend eine wie von ihm erwartet stürmisch-intensive Beschwörung der Waldgeister Skandinaviens. Noch aufregender geriet in diesem Konzert Rattles Beweis, wie sehr er sich auch die Sinfonien von Sibelius russischem Zeitgenossen Sergej Rachmaninow zu eigen gemacht hat. (Rezension des Konzerts v. 05.12.2022)

 

 

Sergej Rachmaninow wurde als Komponist zu Lebzeiten vom Publikum in Russland als auch später im Exil in den USA und Europa als letzter Vertreter der Spätromantik stets missverstanden. So haben sich heute lediglich eine Hand voll seiner Werke im Kanon der Konzertliteratur für Sinfonierochester etabliert. Neben zwei seiner Klavierkonzerte sowie der „Paganini-Rhapsodie“ sind in der Konzertliteratur als Rachmaninows einziges Orchesterwerk ohne Soloinstrument die Sinfonischen Tänze, Op. 45, etabliert worden. Denn Rachmaninow hat es der Musikwelt nie recht machen können: Von seinen drei Sinfonien galt die erste zu ihrer Uraufführung als zu gewagt und modern, wohingegen seine Zweite vom dann avantgardistischeren Publikum verschmäht wurde, weil dieses Werk wiederum allzu gefällig sei.

Auch Rachmaninows nun von Rattle in Frankfurt dargebotener Sinfonie Nr. 3 a-Moll, op. 44 wurde zur ihrer Uraufführung lediglich ein Achtungserfolg beschienen. Sie entstand wenige Jahre vor dem Tod des Komponisten, der sich zu dieser Zeit in der westlichen Welt vielmehr als Klaviervirtuose einen Namen geschaffen hatte, dreißig Jahre schrieb er keine Sinfonie mehr. Diesmal wurde sein Werk von den Zeitgenossen und der Kritik nicht verrissen, es wurde vielmehr übersehen, geradezu verkannt und erlang so erst viele Jahre nach der Uraufführung einigermaßen eine ihm zustehende Wertschätzung. Vermutlich weil Rachmaninow in seinen Werken stets nur seinen persönlichen Gefühlen und nicht dem Geschmack des Publikums folgte, traf er nie den passenden Zeitgeist und wurde damals wie heute so oft missverstanden. Nicht so von Rattle! Dieser zeigte erst kürzlich mit seiner im vergangenen Jahr veröffentlichten CD-Einspielung von Rachmaninows Sinfonie Nr. 2 e-Moll, op. 27, wie sehr er sich musikalisch in die Welt und auch den Heimatschmerz des russischen Komponisten hineinversetzen kann.

Alte Oper Frankfurt/5.12.22-LSO/Sir Simon Rattle/© Alte Oper Frankfurt, Tibor Florestan Pluto

In dieser Dritten Sinfonie sagt Rachmaninow nur mehr das Wesentliche. Und zu diesem emotionalen Kern wusste Sir Simon Rattle direkt vorzudringen. Die unverwechselbare, von chromatischen Klangfarben gefüllte Tonsprache Rachmaninows blieb durchhörbar, und wurde dadurch unmittelbar erlebbar. Die scharfen musikalischen Kontraste hob Rattle bereits hervor, indem er beispielsweise anfangs die schlichte, in Sekundschritten verlaufende Tonfolge – getragen im Pianissimo – mit äußerster Zärtlichkeit gestaltete, um just darauf das Publikum in krachender, sich auftürmender Dissonanz in seinen Sitz zu drücken. Das London Symphony Orchestra ließ besonders durch die Holzbläser eine unendliche Sehnsucht aus der Partitur heraushören, eine Sehnsucht nach der alten Heimat, die – trotz unzähliger Anspielungen auf kurze russische volksliedhafter Themen – nun nicht mehr existente Vergangenheit scheint. Die Motive erklingen zugleich dicht und knapp, werden dabei nie entwickelt, sondern jäh von abstrakten Akkord- und Klangfeldern abgelöst. Sie verhallen als bloße Erinnerung und können weder von Publikum noch Komponist festgehalten werden.

Im Finalsatz wollte Rattle doch noch eine Form der Heiterkeit versprühen, doch der im Exil lebende Rachmaninow konnte diese trotz eines hellen Einsatz von C-Dur ja gar nicht komponieren. Das letzte Vierteljahrhundert seines Lebens ist er nicht mehr in seine russische Heimat zurückkehrt. Selbst sein letzter Wille, wenigstens als Toter dort begraben zu werden, wurde Rachmaninow verwehrt. Die Alte Oper stellte in Vorbereitung dieses Konzerts mit einem aufschlussreichen Seminar der Musikwissenschaftlerin Dr. Ulrike Kienzle das Bewusstsein beim interessierten Publikum für den Gehalt dieser verkannten Sinfonie her. Welch ehrenwerter Beitrag, um Rachmaninows bis heute teils missverstandenes musikalisches Erbe wieder ganz neu zu entdecken.

 

  • Rezension von Phillip Richter /Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Alte Oper Frankfurt
  • Titelfoto: Alte Oper Frankfurt/5.12.22-LSO/Sir Simon Rattle/© Alte Oper Frankfurt, Tibor Florestan Pluto

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert