Bayerische Staatsoper: Abschied von Kirill Petrenko – Tristan und Isolde mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros

Bayerische Staatsoper München/Tristan und Isolde/A. Harteros, J. Kaufmann/Foto © Wilfried Hösl

Mit der Uraufführung von „Tristan und Isolde“ 1865 in München stellte Richard Wagner die Weichen für die westliche Musikgeschichte und beeinflusste nachhaltig alle ihm folgenden Musik des bevorstehenden 20. Jahrhunderts. An diesem Werk führt kein Weg vorbei. Für jeden Zuschauer und jede Zuschauerin, aber insbesondere für den Dirigenten und die beiden Titelpartien gilt: Es gibt eine Zeit „vor und eine Zeit nach Tristan und Isolde“. Denn keine andere Oper stellt höhere Anforderungen an die Stimme und keine Rollen fordern ein tiefgründigeres Verständnis für die menschliche Psyche als eben jenes Werk Richard Wagners. Nur die besten Sängerinnern und Sänger meistern sie mit Bravour, unzählige sind schon an den Rollen gescheitert – und wenn ein Debüt gelingt, spricht die gesamte Welt darüber.   (Rezension der besuchten Vorstellung am 31.Juli2021)

 

Jonas Kaufmann und Anja Harteros befinden sich beide auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren. Beide zählen in ihrem jeweiligen Gesangsfach zu recht zur absoluten Weltspitze. Für beide zählt nur die absolut vollendete musikalische Rollendarstellung. Sie verfügen über einzigartige, gleichwohl sensible Stimmen und sind stets bedacht, nur in absolut bester Verfassung aufzutreten – Kompromisse stehen für sie außer Frage. Nun haben sie beide gemeinsam, begleitet von Kirill Petrenko, einem der anerkanntesten Dirigenten unserer Tage, den Olymp der Operngeschichte bestiegen und ihre Rollendebüts von Tristan und Isolde gefeiert. Als scheidender Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper hat sich Petrenko den „Tristan“ bis ganz zuletzt aufgehoben und verabschiedete sich damit zu den Opernfestspielen am 31. Juli 2021 aus München.

Zur eigentlichen Premiere vier Wochen zuvor monierten noch die Kritiken, dass Harteros und Kaufmann sich zu sehr schonten, zu zurückhaltend sangen und wohl noch etwas Scheu vor ihren Partien zeigten. Lediglich die letzte Aufführung der Serie, nämlich die Abschiedsvorstellung von Kirill Petrenko, wurde im Stream, Radio und gleichzeitig vor großem Publikum bei „Oper für Alle“ in die Welt übertragen. An diesem Abend war weder bei Anja Harteros noch bei Jonas Kaufmann etwas von stimmlicher Zurückhaltung zu spüren, gefestigt in ihren Rollen und angetrieben von der Bedeutung dieser einzigartigen Vorstellung vollbrachen sie neue, einzigartige Höchstleistungen.

Bayerische Staatsoper München/Tristan und Isolde/O.v.d.Damerau, J. Kaufmann/Foto © Wilfried Hösl

Für Jonas Kaufmann schien der ideale Zeitpunkt für seinen ersten Tristan gekommen zu sein. Seine Stimme klang rund und gesund. Er brillierte in gewohnt dunkler, baritonaler Stimmfarbe mit gaumig-klangschöner Vokalfärbung. Klug disponiert meisterte er den nervenzerrenden dritten Akt, nahm auch dort jede Phrase äußerst musikalisch, musste nicht pressen und vermied es selbst in den Fieberkrämpfen zu schreien. Wenn es in die Extreme ging, hauchte er gekonnt einige Spitzentöne in rauchender Deklamation.

Und Anja Harteros übertraf selbst die höchsten Erwartungen, indem sie all das Ewigweibliche einer Isolde zeigte, was noch nie zuvor eine Sopranistin darzustellen vermochte. Sie prägte ihre Isolde mit der Klangfarbe von Strauss‘ Arabella, ganz außerhalb jeglicher Konventionen, vulnerabel und doch so unnachahmlich. Mit ihr gibt es nun endlich eine Charakterdarstellung der Isolde als wahre Frau – auch in Mimik und Gestik – als eine Frau voller Liebe, Emotionen und Leidenschaft und eben nicht als matronenhafter Brünnhilde-Verschnitt. Mit ihrem zart manierierten, lyrischen Ansatz aber doch kraftvoller, raumfüllender Stimme, weckte sie Erinnerungen an Margaret Price, welche im Gegensatz zu Harteros die Partie der Isolde lediglich im Studio verewigt hat. Der krönende Schluss, ein Liebestod in nie gehörter Intensität: Anja Harteros Stimme flackerte leicht, aber sicher wie ein Schimmern am Horizont trug sie den Klang in die Höhe. Ein Liebestod der nicht nur Isolde, sondern das gesamte Publikum verklärt zurückließ.

Anja Harteros und Jonas Kaufmann haben die größte Herausforderung ihres Sängerlebens gemeistert, nun ist alles erreicht, ihre Rollenportraits von Tristan und Isolde werden in die Operngeschichte eingehen und für immer den zentralen Einschnitt ihrer Karrieren bilden. Ein kleiner Wehmutstropfen bleibt, denn so schnell wird es dieses Traumpaar der Oper in Begleitung von Kirill Petrenko nicht wieder in diesen Rollen zu hören geben.

Bayerische Staatsoper München/Tristan und Isolde/A. Harteros, J. Kaufmann/Foto © Wilfried Hösl

Die Neuinszenierung von Krzysztof Warlikowski geriet an diesem Abend, dem letzten von Kirill Petrenko im Graben der Bayerischen Staatsoper, zur Nebensache. Denn Petrenko führte das Bayerische Staatsorchester in gewohnt straffen Tempi. Es war diese unabdingliche Determiniertheit, dieser fesselnde musikalische Wille in Petrenkos Dirigat, mit dem er Ensemble und Orchester in seinen Bann zog und welcher seine Opernvorstellungen so einzigartig werden lässt. Das Orchester drohte trotz hoher Lautstärke nie eine Gesangsstimme zu überdecken, denn Petrenko nahm dezent die starken Instrumentengruppen im Volumen zurück und trug Anja Harteros und Jonas Kaufmann klanglich auf seinen Händen.

Als neuer Stern am Himmel der Wagner-Bässe offenbarte sich Mika Kares in der Rolle des König Marke. Der bislang eher selten im deutschen Fach anzutreffende Finne bewies sich ganz in der Tradition seiner Landsmänner wie Martti Talvela oder Matti Salminen. Auch seine Stimmfarbe ist durch eine natürliche Melancholie geprägt, die seine einfühlsame, anrührende Vortragsweise stützte und glaubhaft machte. Der 42-jährige Kares demonstrierte als König Marke großes Potential um für die nächsten Jahrzehnte ein führender Vertreter seines Fachs im Wagner-Repertoire zu werden.

Genauso treu wie Kurwenal seinem Freund Tristan ist auch der Bariton Wolfgang Koch seinem Dirigenten Kirill Petrenko. Denn ob Jochanaan, Wotan oder Hans Sachs; an der Bayerischen Staatsoper war es über all die Jahre die konstant hohe sängerische Leistung Kochs, welche Kirill Petrenko in seinem Wagner-Dirigat ergänzte. Zwar hat seine Baritonstimme zuletzt etwas an Glanz verloren, aber diese eindrückliche, deklamatorische Intensität war es, die Kochs Kurwenal auch an diesem Abend so unnachahmlich werden ließ.

Aus einer intelligenten Ensemblepolitik der Bayerischen Staatsoper heraus ist die Sängerin Okka von der Damerau herangewachsen. Sie entwickelte sich über die Jahre zu einer der gefragtesten Mezzosopranistinnen unserer Tage. Auch sie brillierte in der Rolle der Brangäne mit ihrer hellen, raumausfüllenden Stimme in leidenschaftlicher Rollendarstellung.

Kirill Petrenko/ Foto © Wilfried Hösl

Für Kirill Petrenko wird nun die Zeit „nach Tristan“ beginnen. Die Berliner Philharmoniker werden nun seinen musikalischen Mittelpunkt bilden. Mit seinem Abschied von der Bayerischen Staatsoper München geht eine Ära zu Ende. An diesem Abend sang ihm das Münchner Opernpublikum „Muß i denn zum Städtele hinaus“, anschließend spielte ihm zu Ehren das Bayerische Staatsorchester noch die Rosenkavalier-Walzer. Der Vorhang ist gefallen, ein Höchstgenuss in musikalischer Vollendung.

Wagnerianer schwärmen ehrfurchtsvoll von Mitschnitten der Opernaufführungen wie dem „Böhm-Tristan“ aus dem Jahr 1966 mit Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen oder auch dem ersten Bayreuther Nachkriegs-Tristan mit Mödl/Vinay unter der musikalischen Leitung Herbert von Karajans. Unerreicht seien diese Aufnahmen, bis heute – denn nun wurde mit dem „Petrenko-Tristan“ vom 31. Juli 2021 die spärliche Reihe von Referenzeinspielungen erweitert. Eine Aufnahme in absoluter Ausnahmebesetzung und einzigartiger orchestraler Intensität. Derzeit ist der „Petrenko-Tristan“ als BR-Radiomitschnitt lediglich im Stream verfügbar, wir hoffen auf eine baldige CD/DVD-Veröffentlichung!

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatsoper München 
  • Titelfoto: Bayerische Staatsoper München/Tristan und Isolde/A. Harteros, J. Kaufmann/Foto © Wilfried Hösl

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