Weinviertler Festspiele: Tristan und Isolde unter freiem Himmel

Weinviertler Festspiele/Tristan&Isolde/Foto @ Gesine Görlich-Fletzberger

Tristan und Isolde unter freiem Himmel: Die Weinviertler Festspiele triumphieren dank hochkarätiger Sängerbesetzung!

Premierenbericht / Samstag, 15. August

 

Die Historie der dieses Jahr erstmalig stattgefundenen Weinviertler Richard-Wagner-Festspiele liest sich spannender als jede Scripted Reality Dokusoap: Von Bayreuth bis Aix-en-Provence, im Jahr 2020 fielen die weltweiten Sommerfestivals der Corona-Pandemie zum Opfer. Da wirkte die Idee des österreichischen Tenors Peter Svensson fast ein wenig größenwahnsinnig. Inmitten der Krise gründete er kurzerhand seine eigenen Wagner-Festspiele im Amphitheater Mikulov an der tschechisch-österreichischen Landesgrenze, knapp eine Stunde nördlich von Wien. Hierfür engagierte er gleich mehrere Orchester. Nur die Crème de la crème der weltweiten Wagner-Sängerinnen und Sänger sollte gut genug für seine Weinviertler Festspiele sein. Unter ihnen Thomas-Johannes Mayer, René Pape, Martina Serafin, Günther Groissböck und Tomasz Konieczny.

Weinviertler Festspiele/Tristan&Isolde/Foto @ Gesine Görlich-Fletzberger

Nicht eine, sondern gleich zwei Premieren versprach sein Spielplan: Zur Eröffnung eine glanzvolle Operngala gefolgt von „Der Fliegende Holländer“ sowie „Tristan und Isolde“. Ehre wem Ehre gebührt – so übernahm Peter Svensson als Intendant persönlich die Rolle des Tristan, die herausforderndste aller Heldentenorrollen Wagners. Vor der Premiere ging es noch drunter und drüber. Es kam beinahe täglich zu Besetzungsänderungen und die ursprünglich vorgesehen Musiker*innen – das Philharmonische Orchester Brünn – musste seine Teilnahme aufgrund verfrühtem Saisonstart in der Heimat kurzfristig absagen. Zu allem Überdruss verschärfte die tschechische Regierung wenige Tage vor der Festspielpremiere ihre Corona-Maßnahmen. Nichts konnte am Tatendrang von Svensson rütteln, er fand kurzerhand ein anderes Festspielorchester, legte einige Aufführungstermine zusammen und hielt schlussendlich sein Versprechen: Die Weinviertler Richard-Wagner-Festspiele in Mikulov fanden statt und wurden für ihn ein voller Erfolg. DAS OPERNMAGAZIN berichtet von der Premierenvorstellung von Tristan und Isolde.

Nach wochenlanger Sonne und gutem Wetter sollte ausgerechnet das Premierenwochenende der Weinviertler Festspiele verregnet werden. Nachdem am Vortag die Premiere des „Fliegenden Holländers“ schon um einige Stunden verschoben werden musste, klang der Wetterbericht mit Gewitterschauern auch für Tristan und Isolde als Open-Air-Festival äußerst suboptimal. Nach einem halbwegs trockenen 1. Akt öffnete sich urplötzlich der Himmel und fortan musste die Vorstellung zum Schutz der wertvollen Instrumente vor Feuchtigkeit mehrmals unterbrochen werden.

Weinviertler Festspiele/Tristan&Isolde/Foto @ Gesine Görlich-Fletzberger

Die Organisatoren und das Orchester strotzten jedoch vor Eifer und Motivation und zeigten Optimismus, ihren Tristan irgendwie durchzuziehen. Ein anderer Dirigent hätte nach dem ersten Regenschauer vielleicht abgebrochen und das Publikum aus Gründen der „höheren Gewalt“ nach Hause geschickt. Nicht so Matthias Fletzberger, der sich sein erstes Tristan-Dirigat von ein paar Tropfen nicht hat nehmen lassen wollen. So dauerte der Abend mit zahlreichen wetterbedingten Unterbrechungen bis weit nach 1 Uhr in der Nacht und fand schlussendlich in den Klangwogen von „Mild und Leise“ der Isolde von Martina Serafin seinen Abschluss – dafür hat es sich gelohnt! Diese Höllentour – im positiven Sinne – zog an den Nerven aller Beteiligten und des Publikums, aber das erwartet man ja auch ein wenig bei dieser „Handlung in drei Akten“ von Tristan und Isolde.

Die Gesangsleistungen der fünf großen Rollen waren wie erwartet durchwegs von allerhöchster sängerischer Qualität. Martina Serafin hätte eigentlich in diesem Herbst ihr lang erwartetes Debüt in der Rolle der Brünnhilde an der Opéra National de Paris feiern dürfen. Als Isolde hat sie dort erst kürzlich brilliert. Ihre kräftige und voluminöse Stimme hob sich von jeder der üblichen Isolden-Sopranistinnen ab, da Serafin ihr Organ lyrisch und sanft einzusetzen vermochte. Damit gab sie ihrer Rolle eine umso mehr menschliche Klangfarbe. Ebenso überzeugte der Intendant Peter Svensson mit dunkel gefärbter Stimme und eindrücklicher Gestik in der Rolle des Tristan. Aus Furcht vor weiteren Regenschauern verzichtete Svensson auf eine Labung zwischen zweitem und drittem Akt, ohne Pause schwang sich der Intendant nach dem Liebesduett und Markes Monolog direkt in den Fieberwahn des kräftezehrenden – wenn auch gekürzten – dritten Akts der Oper. Als gestandener Heldentenor musste selbst er schließlich sämtliche stimmlichen Reserven aktivieren!

Weinviertler Festspiele/Tristan&Isolde/Foto @ Gesine Görlich-Fletzberger

Mit einer Stimme „rau wie die irische See“ gestaltete TJ Mayer einen impulsiven und charakterstarken Kurwenal. Diese Rolle liegt ihm so gut wie kaum eine andere! Ähnlich auch Hermine May, die als flammende und leidenschaftliche Brangäne bestach. Zum Höhepunkt des Abends gerieten jedoch die 20-Minuten des Marke-Monolog des Basses Günther Groissböck. Dieser verband den intensiven und festen Klang seiner Stimme mit strenger und ausdrucksstarker Deklamation, die nicht nur seinem Gegenüber Tristan, sondern auch das gesamte Publikum markerschütternd zurückließ.

Das Ambassade-Orchester Wien unter der Leitung Matthias Fletzbergers zeigte im ersten Akt seine Stärken und ließ mit einem schlanken, hellen Streicherklang und präzise einsetzenden Soli-Passagen der Holzbläser etwas Großes für diese Opernpremiere erwarten. Im weiteren Verlauf des Abends, sicherlich auch aufgrund der zahlreichend Regenpausen und dem damit einhergehenden Auf- und Abbau der Instrumente, ließ die Konzentration der Orchestermusiker*innen jedoch merklich nach. Schlussendlich konnte der Dirigent im Liebesduett nur mit deutlicher Zeichengebung sein Orchester immer wieder zusammenhalten.

Auf der Open Air Bühne des Amphitheaters Mikulov diente eine stimmungsvolle Videoinstallation den kostümierten Solisten in halbszenischer Umsetzung als adäquate Regie dieser intimsten Oper Richard Wagners.

Außerhalb der Corona-Pandemie und mit etwas mehr Vertrags- und Terminsicherheit hinsichtlich der Sängerinnen und Sänger und des Orchesters sowie einhergehender sorgsamer Vorbereitung böte die südmährische Region Tschechiens mit ihren zahlreichen Burgen und Schlössern durchaus Potential als Festival-Spielstätte. Auch für Opernreisende ohne eigenes Auto sorgten die Veranstalter für eine attraktive Anreise: Ein Shuttlebus verband das Theater vor- und nach den Vorstellungen mit der Innenstadt Wiens. Ohne Stress und Parkplatzsuche konnte sich der Zuschauer so vollends dem Werk Richard Wagners widmen.

Weinviertler Festspiele/Tristan&Isolde/Foto @ Gesine Görlich-Fletzberger

Die Bühnentechnik und die Akustik des Amphitheaters als Open Air Spielstätte sollte bis zum nächsten Sommer jedoch noch einmal optimiert werden. Zwar wurde glücklicherweise auf eine akustische Verstärkung durch Lautsprecher verzichtet, aber die Geräusche des benachbarten Skateparks sowie einer recht stark befahrenen Straße trübten das klangliche Erlebnis. Vielleicht könnte man zukünftig mit akustisch abschirmenden Wänden und Decken arbeiten, die den Orchesterklang gezielter in Publikumsrichtung tragen und dabei den Künstlern auch Schutz gegen Wind und Regen bieten. Gerüchten zufolge soll im Jahr 2021 ein kompletter Zyklus von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ aufgeführt werden. Wir bleiben gespannt, Peter Svensson hat mit den diesjährigen Festspielen bewiesen, dass er Unmögliches bewältigen kann und ihm keine Krise ein Hindernis ist. Es wäre doch gelacht, wenn ihm der Ring-Zyklus nicht ebenso gelingen sollte.

In Kürze folgt ein Interview mit dem Intendanten der Weinviertler Festspiele, Peter Svensson, hier auf opernmagazin.de. Er wird auf die turbulenten Wochen zurückblicken und uns hoffentlich mehr über seine Festspiele im nächsten Sommer verraten!

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Weinviertler Festspiele
  • Titelfoto: Weinviertler Festspiele/Tristan&Isolde/Foto @ Gesine Görlich-Fletzberger 

Ein Gedanke zu „Weinviertler Festspiele: Tristan und Isolde unter freiem Himmel

  1. Ich bin über die Entwicklungsgeschichte der Weinviertler Festspiele informiert und war bei der Premiere vor Ort.
    Herrn Svenssons gebührt großer Respekt für seine enorme Leistung, in Zeiten wie diesen und trotz widrigster Umstände im Vorfeld ein derartiges Unternehmen mit einer international bewährten Besetzung auf die Beine zu stellen.
    Auch seinem Leading- Team ist herzlich zu gratulieren, denn ohne professionelle Mitarbeit ab den verschiedenen Schnittstellen ist so ein Projekt nicht zu stemmen.
    Als Anregung eines Opernkenners mit ausgeprägter Wagner- Affinität darf ich anmerken, dass sich aus meiner Sicht die Bühnen- Verhältnisse in Mikulov für eine schlüssige Darstellung einer Wagner- Oper kaum eignen.
    Eine Umsetzung im ursprünglich vorgesehenen Steinbruch von Falkenstein wäre wünschenswert!
    Viel Erfolg und beste Grüsse!
    M. Czerny

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