Beethoven und die französische Revolutionsmusik – Gesprächskonzert aus dem Woelfl-Haus

Prof. Margit Haider-Dechant/Foto @ Giovanni Ausserhofer

Mit einem Gesprächskonzert der besonderen Art krönt Frau Prof. Margit Haider-Dechant ihre Vorlesung an der Universität Bonn über die Vorläufer von Beethovens Oper „Fidelio“. Mit ausgewählten Musikbeispielen beweist sie, dass Beethoven in der französischen Musikkultur fest verwurzelt ist. „Beethoven ist kein Wiener Klassiker, er ist ein revolutionärer Klassizist“, so ihr Fazit des Live-Streams aus dem Woelfl-Haus.(Livestream v. 22.8.2020)

 

Die Oper „Le Devin du Village“ (Der Dorfwahrsager) ist ein 1752 uraufgeführtes Schäferstück, das das einfache Leben auf dem Land verherrlicht. Der Komponist Jean Jacques Rousseau, unsterblich durch seine philosophischen Ausführungen zum Gesellschaftsvertrag, war ein Universalist. Als Musiktheoretiker hat er sogar eine eigene Notation erfunden, die sich allerdings nicht durchsetzen konnte. Er grenzt sich durch die Betonung des Gefühls von der nüchternen Rationalität der Aufklärung ab.

Rousseau legt sehr viel Wert auf das Wort, daher gibt es in seinen Opern gesprochene Dialoge, keine Melodie darf das Wort stören. Bei den Arien und Ensembles steht die Melodie im Vordergrund. Die bombastischen Verzierungen der Barockmusik lehnt er ab. In der Tonsprache erinnert das Stück an Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Bastien und Bastienne“, das Leopold Mozart als „Opéra comique“ bezeichnet hat.

Alexandra Thomas/Foto @ privat

Rousseau erteilt dem höfischen Leben eine Absage; der Schäfer Colin kehrt nach einer Affäre mit einer Gesellschaftsdame reumütig zu seiner Schäferin Colette zurück. Die Musik drückt dabei die Gefühle aus. Mit der Arie: „J´ai perdu tout mon bonheur“ beklagt Alexandra Thomas als Colette mit ihrem warmen Mezzosopran den Verlust ihres Geliebten, und mit schlankem Tenor freut Ralf Friedrich sich, zu seiner charmanten Gefährtin zurückzukehren.

Den Abschluss bildet ein Duett, in dem die glückliche Wiedervereinigung des Paares gefeiert wird. Alexandra Thomas und Ralf Friedrich singen die liedhaft-schlichten Arien und Ensembles stilsicher als wären sie von Mozart. Musikalisch wird die Melodie gegenüber der Begleitung, die Frau Prof. Margit Haider-Dechant am Boesendorfer-Flügel spielt, aufgewertet.

Die Handlung der Oper „Richard Coeur de Lion“ von André Ernest Grétry, uraufgeführt 1784, hat frappierende Ähnlichkeit mit der Handlung von Beethovens „Fidelio“, nur ist es hier der Kreuzfahrer Richard Löwenherz, der im Staatsgefängnis Burg Linz gefangen gehalten wird und der von seinem Diener Blondel gesucht und schließlich auch befreit wird.

Löwenherz tritt erst im 2. Akt auf und wird durch die Melodie der Arie: „Une fièvre brûlante“, die in zahlreichen Variationen in der Oper auftaucht, charakterisiert. Damit hat André Ernest Grétry das Leitmotiv erfunden, das später Richard Wagner zur Perfektion entwickelt.

Ralf Friedrich / Foto @ Sandra Then

Ralf Friedrich verkörpert hier den treuen Diener Blondel, der auf seiner Geige das Erkennungslied des Richard Löwenherz spielt. Geiger Theodor Schibel spielt das Leitmotiv zunächst solo, dann mit Frau Prof. Haider-Dechant zusammen.

Dieses Leitmotiv hat Ludwig van Beethoven 1795 aufgegriffen und dazu acht anspruchsvolle Variationen komponiert. Die 7. Variation karikiert Rokokomusik, die 8. Variation nimmt stilistisch die Romantik vorweg. Man kann sich illustriert vorstellen, wie der 25-jährige Klaviervirtuose Beethoven den reaktionären Wienern die Variationen einer französischen Opernarie um die Ohren fetzt!

Margit Haider-Dechant entfacht ein Feuerwerk der Virtuosität, das besonders beeindruckt, weil man ihr durch eine an der Decke angebrachte Kamera auf die Finger schauen kann. Beethoven hätte seine Freude gehabt!

Das 1794 unter dem Titel „Hymne de la liberté“ von Etienne-Nicolas Méhul komponierte Marschlied war von 1804 bis 1815 unter dem Titel „Le Chant du Départ“ die Nationalhymne der Ersten Französischen Republik. Naturgemäß ist der Marschrhythmus mitreißend und pathetisch. Das Stück eignet sich hervorragend dazu, von großen Chören – gerne auf den Champs Elysées am 14. Juli – geschmettert zu werden. „Le Chant du Départ“ wurde noch unter Valéry Giscard d´Estaing gerne aufgeführt und verherrlicht das souveräne Volk und den Opfertod für die Nation als patriotische Heldentat.

Bernt Hahn / Foto @ Katja Allner

Die Strophen der „Hymne de la liberté“ werden im Original von verschiedenen Solisten gesungen, der Refrain von verschiedenen Chören. Schauspieler Bernt Hahn rezitiert Auszüge aus dem Text sehr ausdrucksvoll auf Deutsch, bevor Margit Haider-Dechant mit den beiden Solisten das Stück spielt. Das Arrangement ist kongenial, man vermisst die großen Chöre überhaupt nicht.

Beethoven hat diese Hymne gekannt, denn der Geiger und Opernkomponist Rodolphe Kreutzer, dem die Kreutzer-Sonate gewidmet ist, hat ihm 1798 ein Heft mit offizieller Revolutionsmusik geschenkt. Die napoleonische Überwältigungsästhetik der Musik inspirierte Beethoven unter anderem auch zu seinen Trauermärschen in seiner Klaviersonate Nr. 12 As-Dur, Maestoso Andante, „Marcia funebre sulla morte d´un eroe“ und natürlich seinen berühmten Trauermarsch „Maestoso andante“ in der 3. Sinfonie „Eroica“. Mit dem „Trauermarsch“ hat Beethoven ein neues Satzformat geschaffen.

Tonio Schibel/ Foto @Mikhail Blank

Höhepunkt dieses Konzerts ist das „Adagio sostenuto. Presto“ aus Beethovens Kreutzersonate. Tonio Schibel, Geiger und Konzertmeister der Duisburger Philharmoniker, und Margit Haider-Dechant spielen den 1. Satz dieser virtuosen Sonate als Revolutionsmusik. Das wütende Presto in a-moll mit den wilden Läufen und Tremoli verlangt den beiden alles ab, man hört buchstäblich die Revolution aufmarschieren.

Frau Prof. Margit Haider-Dechant und ihr Mann Prof. Hermann Dechant haben im Bonner Woelfl-Haus einen Konzertsaal für 70 Personen geschaffen, der schnell zu einer der ersten Adressen für Kammermusik in Bonn wurde.

Als im Zuge der Corona-Pandemie beide ihre musikwissenschaftlichen Vorlesungen an der Universität Bonn per Videokonferenz halten mussten, haben sie kurzerhand Geld in die Hand genommen und den Konzertsaal mit drei professionellen Kameras ausgerüstet.

Das Gesprächskonzert „Beethoven und Frankreich“ wurde im Rahmen der Programme zu Beethovens 250.Geburtstag vom Bonner Woelfl-Haus (Link: https://www.woelflhaus.de/) in Zusammenarbeit mit der Universität Bonn, dem Richard-Wagner-Verband Bonn (Link: https://rwv-bonn.de/) und dem Bonner Institut Français (Link: https://rwv-bonn.de/) geplant.

Woelfl Saal Bonn

Das Konzert wurde am 22. August 2020 per Live-Stream übertragen. Manchmal wurden die Bilder aller drei Kameras nebeneinander gezeigt. Leider war der Ton am Anfang übersteuert, aber die Techniker bekamen das schnell in den Griff. Natürlich ist die Aufnahmequalität nicht mit Konzertmitschnitten des WDR vergleichbar, und das Live-Musikerlebnis mit anschließendem Austausch in geselliger Runde fehlt doch sehr.

Aber die Aussage kommt authentisch rüber: Beethoven war ein von den Ideen der französischen Revolution geprägter selbstbewusster Bürger und Künstler, der seine Wurzeln im liberalen Rheinland hatte. Er hat die französische Musik aufgegriffen und virtuos weiterentwickelt. Dass er französische Revolutionsmusik verarbeitete hat man im erzkonservativen monarchistischen Wien erfolgreich verdrängt.

Prof. Margit Haider-Dechant und Prof. Hermann Dechant sind die Gastgeber dieses spannenden Konzerts, das den Besuchern den risikofreien Genuss am eigenen Computer oder Fernsehgerät ermöglicht und es weiter entfernt wohnenden Freunde des Woelfl-Hauses gestattet, virtuell an einem solchen Event teilzunehmen.

Dr. Stefan Plasa von der Universität Bonn, der mit Frau Prof. Dechant das Gespräch über ihre Forschungen führte, äußerte die Hoffnung, dass man mit einem solchen Format auch jüngere Konzertbesucher begeistern könnte.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Woelfl-Haus Bonn
  • Titelfoto: Woelfl-Haus

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