Staatsoper Hamburg: „Parsifal“ – Gesamtkunstwerk statt Bühnenweihfestspiel

Staatsoper Hamburg/Innenraum/Foto @ Niklas Marc Heinecke

Richard Wagners Parsifal ist eines der Werke, die traditionell am Karfreitag an der Staatsoper Hamburg aufgeführt werden und das in diesem Jahr zahlreiche Gottes- und Wagnergläubige aus der frühlingswarm strahlenden Sonne, in die düster kunstvoll künstliche Welt des Achim Freyer entführt. (Rezension der Vorstellung vom 19.4.2019) 

 

Wagners Werke sind oft mystischen Inhalts, sie beschäftigen sich mit höherem als menschlichen Begierden oder reiner Machtgier, denn letztlich verfolgen sie meist den Gedanken nach Erlösung, auf die eine oder andere Weise. In Parsifal wird die Geschichte von Gralskönig Amfortas erzählt, der einst von Kundry verführt wurde, sodass der Zauberer Klingsor ihm den heiligen Speer entreißen konnte. Er schlug Amfortas damit eine Wunde, die mit jeder Enthüllung des Grals durch Amfortas wieder zu bluten beginnt. Nur ein „durch Mitleid wissender, reiner Tor“, kann laut einer Prophezeiung, dersen Fluch brechen. Dieser ist Parsifal, der Kundry widersteht, Klingsor so bezwingt, Amfortas‘ Wunde mit de heiligen Speer schießt und der neue Gralskönig wird.

Achim Freyer ist ein Vollblutkünstler mit überbordender Fantasie und Schaffenskraft und zeichnet, wie stets, verantwortlich für Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht. So erwartet den Zuschauer ein Gesamtkunstwerk, das zugegebenermaßen, auch sich selbst und nicht allein die Musik, in den Vordergrund stellt und somit polarisiert. Freyer ist ein Meister der Symbole und Hinweise, die zu finden und zu entschlüsseln- oder auch nicht- er jedem selbst überlässt. Alles wirklich zu verstehen, zumindest auf den ersten Blick ist sicher kaum jemandem möglich. Und es ist auch fraglich, ob das wirklich nötig ist, um diesen Abend als Einheit zwischen Musik und Bühnenkunst zu empfinden und zu genießen. Es gilt nur sich zu entscheiden: Verurteile ich, was ich nicht verstehe, weil es mir unbekannte Wege weißt? Oder lasse ich alte Werte und Vorstellung für diesen Abend einfach mal los und lasse mich ein und erlaube mir zu erleben, statt unaufhörlich zu denken? Wer den zweiten Weg wählt, dem beschert Freyer zusammen mit Wagners vielschichtiger, beinahe fast hypnotischer Musik, dargebotenen vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter der dynamischen Wagneraffinen, stimmigen Stabführung Kent Naganos Faszinierendes, wenn auch ob der Fülle, Verwirrendes.

Staatsoper Hamburg / Parsifal/ Andreas Schager - Foto @ Hans Jörg Michel
Staatsoper Hamburg / Parsifal/ Foto @ Hans Jörg Michel

So gibt es Hauptfiguren, die wegen ihrer Kostüme, die beinahe karikiert wirken, wie „Riddler-Klingsor“, „Jesus- Amfortas“, “Harlekin-Parsifal” oder auch “Wildtier-Kundry“. Klingsos Zaubergarten hat etwas von einem Gartensommerfest auf mehrere Ebenen, voller Lampions. Hier tummeln sich die Blumenmädchen, (Elbenita Kajtazi, Ruzan Mantashyan, Gabriele Rossmanith, Nadezhda Karyazina und Ida Aldrian, – (die auch die Stimme aus der Höhe singt) – mit klaren schönen Stimmen singend, und auf recht skurrile Weise reizend. Unter den unzähligen, optischen Reizen und virtuellen Projektionen, ist die sich kippend senkende oberste Spiegelebene des Bühnenbildes während des Karfreitagszaubers die beeindruckendste. Zusammen mit den Klängen, die Nagano und sein Orchester dazu regelrecht zaubern, verursacht dieser Effekt eine Gänsehaut der Hoffnung, die auch das Innerste erreicht, wenn, während die letzten Takte verklingen, ein Wort auf dem transparenten Gazevorhang erscheint: Anfang.

Der Chor der Hamburgischen Staatsoper, Jürgen Sacher, Shin Yeo (Gralsritter), Na’ama Shulman, Ruzana Grigorian,Dongwon Kang, Sungho Kim (Knappen) und Tigran Martirossian (Titurel) meistern von Anfang bis Ende alle Anforderungen mit Bravour und Souveränität. Dafür, dass sie nicht selten von hohen Ebenen oder auch fast ungesehen singen und doch stets harmonisch und sicher klingen verdient eder einzelne Respekt. Anerkennung verdienen auch die stummen Doubels von Parsifal und Klingsor.

Egils Silins berührt als Christ-ähnlicher Amfortas durch seine Fähigkeit, zusätzlich zu seiner weiß aufgeschminkten Leidensmine, Schmerz und Todessehnsucht durch Körpersprache und stimmliche Modulation auszudrücken. Die Stimme des Lettischen Bassbaritons ist von warmen Klang und dennoch fehlt es ihm nicht an Kraft und Volumen.

Auch der südkoreanische Bass Attila Jun überzeugt als Gurnemanz auf ganzer Linie. Transportiert seine Ergebenheit Amfortas gegenüber, die Zweifel,aber auch die Hoffnung die er in Parsifal setzt durch Gestik und einn ausdruckstarken Bass der auch im tiefen Register sicher klingt und klar.

Staatsoper Hamburg/ PARSIFAL/ Foto @Hans Jörg Michel

Vladimir Baykov, der unter anderem bereits als Mephisto in Gounods Faust) und besonders als Rheingold-Wotan überzeugte, begeistert als Klingsor, weil er ihn auf ironisch-böse Weise porträtiert. Trotz einer geschminkten Maske, die suggeriert, Klingsor hänge ständig die Zunge aus dem Mund, wirkt Baykov nie albern. Neben der Klangschönheit seines Timbres, besticht er auch durch fast durchgängig sehr gute Textverständigkeit.

Robert Dean Smith muss als Parsifal, zumindest anfangs, ständig den Eindruck erwecken zu lächeln. Doch auch ihm gelingt die Gratwanderung, nie ins wirklich Alberne abzurutschen. Die auch in Wagners Melodien befindliche Unbeschwertheit seines Charakters, die endlich zu Reife wird, transportiert Smith mühelos. Nur im zweiten Akt in der großen Szene mit Kundry, scheint er kurzzeitig an die Grenzen seiner Kräfte zu kommen. Doch am Ende ist er wirklich der strahlend tönende Held.

Staatsoper Hamburg /Parsifal/ Andreas Schager, Claudia Mahnke - Foto @ Hans Jörg Michel
Staatsoper Hamburg /PARSIFAL/ Foto @ Hans Jörg Michel

Doch die wahre Heldin des Abends bleibt sie: Tanja Ariane Baumgartner. Es sei der enthusiastische Ausruf; „Welche wunderbare Kundry!erlaubt. Ihr, die in bodenlange, an Dreadlocks mahnende Zotteln gekleidet ist, die ihr oft auch das Gesicht verhüllen, gelingt es dennoch von Anfang an, präsent zu sein. Mehr noch als das Fürchten vor ihrer Erscheinung, lehrt sie Mitleid mit Kundry, der Sünderin, die Buße tun will. Um dies zu erreichen, bleibt Baumgartner wirklich nur ihre Art sich zu bewegen, sich auf dem Boden zusammen zu krümmen. Und natürlich ihre wunderbare Stimme, dessen Ausdrucksstärke nicht nur bei ihren Verzweiflungsschreien oder ihrem gesprochenen „Ich will nicht!“, die unvergessene Leonie Rysanek vor dem inneren Auge auferstehen lässt. So schwach Kundry selbst am Ende auch sein mag, Tanja Ariane Baumgartner verlässt die Strahlkraft ihrer Stimme nie.

Jedem der Wagner mag, sei es empfohlen diese Aufführungsserie zu besuchen, von Plätzen aus, die nicht zu weit vorne im Parkett sind oder ich in der Mitte eines der Ränge befinden. So geben Sie sich die Möglichkeit, neben den sehr guten Gesangsleistungen auch die erstaunlichen Effekte auf der Bühne zu genießen. Effekte, an denen die Damen und Herren der Bühnentechnik noch während der beiden Pausen intensiv arbeiten mussten. Darum einmal mehr einen herzlichen Dank an jene, die Gestern in den stürmisch enthusiastischen Applaus nicht mit einbezogen worden!

 

  • Rezension von Birgit Kleinfeld / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Weitere Termine, Infos und Kartenvorverkauf unter DIESEM LINK
  • Titelfoto: Staatsoper Hamburg /Parsifal/ Hellen Kwon, Athanasia Zöhrer, Andreas Schager, Dorottya Láng, Nadezhda Karyazina, Damenchor der Hamburgischen Staatsoper- Foto @ Hans Jörg Michel (alle Fotos aus der Premierensaison 2017/18)

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