Staatsoper Hamburg: „La Fanciulla del West“ – Von der Sehnsucht nach Gold, Heimat und ewiger Liebe

Staatsoper Hamburg/La Fanciulla…/ Foto @ Brinkhoff/Mögenburg-2015

Mit noch heute legendären Künstlern, wie Arturo Toscanini am Pult, Enrico Caruso und Emmy Destinn in den Hauptrollen, feierte Giacomo Puccinis Oper La Fanciulla del West am 10. Dezember 1910 ihre umjubelte Uraufführung an der Metropolitan Opera in New York. Auch die gestrige Vorstellung von La Fanciulla del West  an der Staatsoper Hamburg wartete mit Namen auf, die einiges versprachen und auch hielten. Anja Kampe (Minnie), Marco Berti (Dick Johnson) und Claudio Segura (Jack Rance) boten dem Publikum, auf jede Art und Weise, einen Abend voller authentischer Emotionen und schönem Klang. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 7.5.19)

 

Fanciulla del West ist wie alle Pucciniopern durchkomponiert und erzählt, wie so oft, die Geschichte einer auf ihre Art stets starken und vom Schicksal geforderten Frau. Das Libretto stammt von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini, als Vorlage diente das Schauspiel The Girl of the Golden West von David Belasco.

Minnie ist eine Frau die inmitten einer rein männlichen Gemeinschaft von Goldgräbern den Saloon Polka führt. Alle verehren die äußerlich recht burschikose Frau, deren Schönheit von innen kommt, doch sie behandelt alle wie Brüder, erwehrt sich allen Avancen und sogar der ganz offen gezeigten Begierde von Spieler und Sheriff Jack Rance. Sie möchte den ersten Kuss und sich selbst nur dem (hin-)geben, der dann für immer bleibt. Diesen einen glaubt sie, auch dann noch in dem Fremden gefunden zu haben, der sich Dick Johnson nennt, als er sich als der gesuchte Bandit Ramerrez entpuppt. Als er von Jack Rance und seinen Männern gejagt und angeschossen wird, versteckt sie ihn. Auch pokert sie mit Rance um Johnsons Leben und betrügt, um zu gewinnen. Zwar erweist sich Rance als Ehrenmann und hält sich an die Wette, doch später wird er gefangen und nur Minnies Ansprache, dass sie nach all den Entbehrungen, die sie auch für die Männer auf sich nahm, endlich Glück verdient hätte, rettet Johnson vor dem Strick. Irgendwo fangen beide dann ein neues Leben an, lassen die anderen einsam zurück.

Staatsoper Hamburg/La Fanciulla…/ Foto @ Brinkhoff/Mögenburg-2015

Anders als in seinen Opern wie La Bohème, Tosca, Turandot oder Madama Butterfly fehlen hier die Arien, die einmal im Ohr, dort immer bleiben. Abgesehen von Johnsons Arie im dritten Akt, Ch’ella mi creda, dienen alle Soli, Szenen oder Duette eher dazu die Handlung zu verdeutlichen, zu verdichten. Wie zum Beispiel auch das Walzerthema, zu Johnson und Minnies ersten Tanz im ersten Akt, das besonders unter die Haut geht, wenn es a Capella aus ca. 20 Männerkehlen erklingt und sich bis durch den zweiten Akt zieht. Auch die Ballade Che faranno i vecchi miei von  Jake Wallace, eindrücklich gesungen von dem südkoreanischen Bass Shin Yeo, ist eher eine Darstellung des damalige Lebens als Goldgräber, als nur ein schönes Lied. Auch da an indianische Weisen angelehnte Wiegenlied, das Minnies Haushilfe Wowkle (Ruzana Grigorian) singt, berührt zutiefst.

Szenisch wie auch musikalisch besonders aufregend ist die Pokerszene, die einige kurze Generalpausen beinhaltet, bzw., allein mit dem Schlagwerk nur Minnies immer schneller werdenden Herzschlag andeutet.

Die Inszenierung von Regisseur Vincent Boussard, Bühnenbildner Vincent Lemaire,  Modeschopfer/Kostümbildner Christian Lacroix und die geschickt-eindringliche Lichtregie von Guido Levi unterstreichen das Kompakte, das Tiefschürfende und weitgehend von Romantik befreite von Musik und Handlung. Viel wird angedeutet oder auch auf ungewöhnliche Weise drapiert. Die Pokerpartie findet auf einem Bärenfell statt, und im dritten Akt ist die Bühne, bis auf eine, in den Bühnenhimmel reichende Leiter leer. Die Individualität von Lacroix‘ Kostümen unterstreicht die Personenführung von Boussard, der die Aufgabe hatte, circa einem Dutzend Sängern Profil zu geben um das zusammengewürfelte, und wie Boussard es nennt, “Entwurzelte“ zu verdeutlichen. Den Herren des Chors der Hamburgischen Staatsoper und auch die vielen, sonst oft mit führenden Partien betreuten Solisten, gelingt es mühelos Bussards Vorgaben umzusetzen und auch stimmlich zu überzeugen. Stellvertretend für alle, seien hier nun besonders erwähnt: Jürgen Sacher als umsichtiger Wirt Nick, Alexey Bogdanchikov als betrügerischer Sid, Victor Rud als spielfreudiger Bello. Aber vor allem auch Kartal Karagedik als bedächtiger selbstlos liebender Sonora.

Wie bereits am Anfang erwähnt, zogen alle drei Protagonisten das zu Beginn noch etwas zurückhaltende Publikum in ihren Bann, sie füllten die Szenen mit Schauspiel-, wie mit Sangeskunst. Abstriche, wenn überhaupt, gab es nur und auch hauptsächlich im ersten Akt bei der Stabführung von Josep Caballé-Domenech. Im Gegensatz zu Vorstellungen der vergangenen Aufführungsserie, schien er zu Beginn mehr auf sein Philharmonisches Staatsorchester Hamburg zu achten, als auf die Bühnendarsteller. Dann jedoch gelang ihm eine Symbiose zwischen der Spannung in der Musik und der Dramatik auf der Bühne.

Kartal Karagedik u. Claudio Sgura – Schlussapplaus/ 7.5.19

Spannung zu erzeugen und dabei auch das Unsympathische, und subtil Verzweifelte seiner Figur überzeugend zu zeigen, liegt Bariton Claudio Sgura im Blut. Der schlanke Hüne scheint wie geschaffen für Opernbösewichte, wie Rance, Jago oder Scarpia, bewies jedoch im Oktober 2017 hier an der Staatsoper Hamburg als einfühlsamer Simon Boccanegra seine darstellerische, wie auch stimmliche Wandlungsfähigkeit. Auch gestern überzeugte und überraschte er mit den vielen Tonfacetten seines Baritons: von tiefdröhnend bis volltönend warm und weich.

Marco Berti ist als Dick Johnson zwar der Mann der kleinen zurückhaltenden Gesten, doch die Energie die zwischen ihm und Rance in Form von Rivalität floß, die innere Zerrissenheit, mit der der Gangster in ihm, den, Minnie aufrichtig Liebenden, bekämpft waren deutlich spürbar. Dies im Besonderen auch durch die fast mühelose Kraft in seinem Tenor, dem strahlende Höhe genauso zu eigen ist, wie weicher Schmelz.

Die Titelrolle hatte sie inne: Anja Kampe, die die Wagnersängerin die in ihr schlummert, nicht verhehlen kann, was ihrer Minnie eine reizvolle Ambivalenz verleiht. Sie schmettert voller energischer Schönheit die Forte-Töne und besticht aber dennoch auch durch zarte Klänge. Sie moduliert und formt ihre Stimme entsprechend Minnies Emotionen, spricht schon mal eine kurze Passage, um ihr Ausdruck zu verleihen, kichert im Walzer mit Johnson wie ein verliebtes junges Mädchen. Die Melancholie, wenn sie von ihrer Sehnsucht nach einer Liebe so tief, wie die ihrer Eltern erzählt, ist mit Händen greifbar. Überhaupt ist sie als Gegenpol zu ihrer voluminösen Stimme, eine mädchenhafte Minnie, weicher in ihrem Charakter, als man sie sonst kennt, und vielleicht daher so faszinierend und stark.

Noch drei Mal (10., 15 und 19.5) bietet sich die Möglichkeit, diese gestern reichlich beklatsche Oper und einen Puccini, der etwa anderen-schönen Art, zu erleben.

 

  • Eindrücke des Abends von Birgit Kleinfeld / Red. DAS OPERNMAGAZIN
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  • Titelfoto: Staatsoper Hamburg/La Fanciulla…/ Foto @ Brinkhoff/Mögenburg-2015

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