Ovationen für Beethovens 9. als Plädoyer für Frieden und Demokratie in der Bonner Oper

Anna Skryleva/Foto @ Theater Magdeburg

Die Besucher*innen des ursprünglich als traditionelles „Karnevalskonzert des Bonner Beethoven-Orchesters“ angekündigten Konzerts bekamen am Vorabend die Mitteilung, das Konzert sei abgesagt, es werde stattdessen Beethovens 9. Sinfonie aufgeführt. Karten behielten ihre Gültigkeit, könnten aber auch zurückgegeben werden. Die Dame neben mir hatte eine zurückgegebene Karte gekauft und freute sich; das Haus war im Rahmen der erlaubten Platzzahl gut gefüllt. Es war ein politisches Konzert, denn Generalmusikdirektor Dirk Kaftan entschuldigte sich bei den Karnevalisten, betonte aber, man habe angesichts des Krieges in der Ukraine nicht zur karnevalistischen Tagesordnung übergehen wollen, und so habe er mit der Bonner Oberbürgermeisterin Katja Dörner abgesprochen, dass die russische Gastdirigenten Anna Skryleva mit dem Beethovenorchester, Solisten aus dem Ensemble der Bonner Oper und ca. 50 PCR-getesteten Chorsänger*innen aus verschiedenen Bonner Chören Beethovens 9. Sinfonie dirigieren werde. (Friedenskonzert am 25.02.2022)

 

 

Die traditionell als Gastgeberin auftretende Oberbürgermeisterin Katja Dörner der United-Nations-Stadt Bonn begrüßte die Konzertbesucher*innen und schilderte, sie habe „bangen Blickes“ bis zuletzt gezweifelt, ob das geplante Karnevalskonzert stattfinden könne und jetzt 24 Stunden vor Konzertbeginn entscheiden müssen, statt dessen Beethovens 9. Sinfonie aufzuführen. Dörner verurteilte den völkerrechtswidrigen Angriff Putins auf die Ukraine scharf. Die 9. Sinfonie Beethovens mit der Europa-Hymne im vierten Satz werde als Plädoyer für Brüderlichkeit und Demokratie und für unsere Solidarität mit der Ukraine gespielt.

Die Aggression gegen ein Land in der Mitte Europas könne nicht hingenommen werden. Man gedenke auch der vielen Kriegstoten und -Verletzten, die dieser Krieg schon jetzt gefordert hat. Bereits am Vortag habe es vor dem Rathaus eine spontane parteiübergreifende Demonstration gegen den Krieg vor dem Bonner Rathaus mit mehr als 1.000 Teilenehmer*innen gegeben. Sie zitierte die deutsche Außenministerin: „Wir sind fassungslos, aber nicht hilflos“ und nannte die Sanktionen der Europäischen Union, die am Vortag beschlossen worden waren, die zeigten, dass die Europäische Union für Demokratie und Menschenrechte eintrete. Sie als Oberbürgermeisterin stehe dafür, dass die Stadt Bonn Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen werde.

Die aus Magdeburg angereiste in Moskau geborene und aufgewachsene Gastdirigentin Anna Skryleva erzählte mir später, dass sie dort jedes Jahr zweimal Beethovens 9. Sinfonie aufführt, und zwar jedes Jahr am 16. Januar und eine Woche drauf noch einmal zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs im zweiten Weltkrieg. Die Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie sei ihre Pflichtaufgabe als Generalmusikdirektorin Magdeburgs. Die Dirigentin sagte vor Beginn des Konzerts zum Publikum: „Musik ist das beste Mittel, dass wir uns gemeinsam fühlen und auch vergessen, wer zu welchem Lager gehört. Die Werte bleiben gemeinsam. Mit dem Krieg kann man keinen Frieden schaffen!“

Das Beethoven-Orchester, der aus Sänger*innen des Bonner Opernchors, des Extra-Chors der Bonner Oper, des WDR-Rundfunkchors, des Bonner Philharmonischen Chors und der Chöre der Kreuzkirche bestehende Chor und die vier Solist*innen Anna Princeva, Dshamilja Kaiser, Kieran Carrel und Giorgos Kanaris aus dem Ensemble der Bonner Oper hatten im Endeffekt drei Stunden Zeit, die Sinfonie unter Frau Skrylevas Leitung zu einzustudieren, eine denkbar knappe Probenzeit für ein 70 Minuten langes Werk!

Man muss jedoch bedenken, dass Beethovens 9. Sinfonie zum Kernrepertoire des Beethovenorchesters gehört. Ich selbst habe sie noch am 21. Dezember 2019 unter Dirk Kaftan in der Bonner Oper erlebt. Trotzdem blieb es für Anna Skryleva eine enorme Herausforderung, ein  so komplexes und anspruchsvolles Werk mit dem Beethoven-Orchester aufzuführen, mit dem sie noch nie eine Sinfonie geprobt hatte.

Frau Skryleva gelang eine fulminante Steigerung. Sie dachte das Werk vom Schlusssatz her, der in seiner Dynamik eher schnell mit langsameren Passagen gespielt wird, daher nahm sie den dritten Satz besonders langsam, den zweite Satz sehr flott und den ersten in der Tat nicht zu schnell, aber ein wenig majestätisch, wie die Tempobezeichnung „Allegro ma non troppo, un poco maestoso“es vorgibt.  Man kann Aspekte eines Krieges und einen Trauermarsch heraushören. Mächtiges Donnergrollen der Pauken stellt Angst und Schrecken dar.

Das Scherzo (molto vivace, presto), also den zweiten Satz, nimmt Frau Anna Skryleva sehr flott. Die komplexe Taktstruktur arbeitet sie auch im Presto klar heraus. Dagegen nimmt Skryleva das Tempo im kantabilen dritten Satz (Adagio molto e cantabile – Andante moderato, B-Dur) sehr gemächlich, so dass die nacheinander einsetzenden Blasinstrumente, denen die Streicher folgen, aufblühen können. Trotz der Crescendi und schnellen Bewegungen in den Variationen herrscht auch hier eine eher bedrückende Stimmung, die die am Schluss erklingende Fanfare mit dem Übergang zum letzten Satz auflöst.

Der Kontrast zum vierten Satz, der mit seinem utopischen Schlusschor die Form einer Sinfonie sprengt, kann nicht größer sein. Die Tempobezeichnungen (Presto – Allegro assai – Andante maestoso – Allegro energico, sempre ben marcato – Allegro ma non tanto – Prestissimo) geben ein bewegtes bis sehr schnelles Tempo vor, und Skryleva hält sich daran. Der Satz beginnt mit einigen Dissonanzen der Bläser, die Wut und Verzweiflung der vorangegangenen Sätze spiegeln. Dagegen blüht zunächst schüchtern bei den tiefen Streichern das neue Freudenmotiv auf.

Der Einsatz „Oh Freunde, nicht diese Töne …“ des Baritons Giorgos Kanaris elektrisiert und leitet die Vertonung von Schillers „Ode an die Freude“ ein, die von den Solisten und dem Chor unter anderem in einer Doppelfuge („Seid umschlungen, Millionen …“ und „Freude schöner Götterfunken …“) gesungen wird. Die Sopranistin Anna Princeva setzt erst in der Zeile „wer ein holdes Weib errungen…“ ein. Tenor Kieran Carrels: „Froh, wie seine Sonnen fliegen, durch des Himmels prächtgen Plan …“ stellt den Bezug zur Natur her, und die Quartette mit Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser, ergänzt durch den Chor, laufen auf das lieto fine „Brüder, überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen, Freude, schöner Götterfunken“ hinaus, in dem Beethoven sich auch zu einer göttlichen Macht bekennt, die den Menschen die Freude als „Kuss der ganzen Welt“ gegeben habe.

Beethovens 9. Sinfonie hat sich als musikalisches Mahnmal für Frieden und Demokratie und als ein Bekenntnis zu den Werten der Europäischen Union etabliert. Ich bin stolz auf die Stadt Bonn und ihr Beethoven-Orchester, die in der Lage sind, binnen 24 Stunden eine Aufführung dieser Sinfonie mit etwa 50 PCR-getesteten Chorsänger*innen und vier hochkarätigen Solist*innen unter einer russischen Dirigentin auf die Beine zu stellen.

Die Dirigentin hatte bis zum Donnerstag in der Probenwoche das Karnevalsprogramm einstudiert. Sie zeigte sich sehr angetan von der Qualität des Beethoven-Orchesters, mit dem sie sehr gerne zusammengearbeitet habe. Es zeugt von ihrer Kompetenz und von der Qualität des Orchesters, der Solist*innen und des kurzfristig zusammengetrommelten Chores, dass diese Aufführung der 9. Sinfonie, wenn sie auch in den ersten beiden Sätzen nicht immer ganz präzise koordiniert war, eine überzeugende Leistung darstellte. Vor allem der sehr sorgfältig ausgearbeitete langsame dritte Satz und der Schlusssatz mit den Solisten und Chören boten eine fulminante Steigerung. Die offensichtlich mit Herzblut gestaltete Aufführung atmete den Geist des Friedens, der Menschlichkeit und der Versöhnung.

Das Publikum sah das genauso und spendete langanhaltenden Beifall mit stehenden Ovationen.

 

  • Bericht von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Anna Skryleva
  • Fotos @ DAS OPERNMAGZIN

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.