Uraufführung nach fast 90 Jahren: „Grete Minde“ begeistert im Theater Magdeburg

Theater Magdeburg/GRETE MINDE/Raffaela Lintl/Foto © Andreas Lander

Verfolgung, Mord, Überleben: Die wahrscheinlich ungewöhnlichste Uraufführungsgeschichte des Jahres kommt aus dem Theater Magdeburg. Wer an „Grete Minde“ denkt, denkt an Theodor Fontane. Doch was kaum jemand weiß: Auch eine gleichnamige Oper existiert – und das bereits seit fast 90 Jahren. Geschrieben wurde sie von Eugen Engel. „Eugen, wer?“, mag sich manch eine:r fragen. Kein Wunder, lagerten die Partituren des in Sobibor ermordeten jüdischen Komponisten jahrzehntelang in einem Koffer in den USA. Darunter auch seine einzige Oper, „Grete Minde“. Sie kommt dieser Tage in Magdeburg zur Uraufführung. (Besuchte Vorstellung am 20. Februar 2022)

 

 

Tangermünde, 1619: Zwei Jahre nach einem verheerenden Stadtbrand, bei dem große Teile der historischen Hansestadt an der Elbe zerstört wurden, wird die uneheliche Patriziertochter Margarete von Minden als vermeintlich Schuldige zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Jahrhundertelang wird in den Kirchen der Stadt gegen die junge Frau als Inkarnation des Bösen gepredigt. Ende des 19. Jahrhunderts wendet sich das Blatt. Nachdem Theodor Fontane den Stoff in seiner Novelle „Grete Minde“ verarbeitet, werden die damaligen Gerichtsakten gesichtet. Schuldfrage? Zweifelhaft. Inzwischen gilt es als wahrscheinlich, dass die junge Frau zu Unrecht zu Tode verurteilt wurde. Der Grund? Die Bevölkerung will eine:n Schuldige:n für das verheerende Feuer sehen, die Familie sich nach einem Erbstreit einer lästigen Verwandten entledigen – so wird Margarete von Minden zum Justizopfer. Eine reichhaltige Geschichte, auch wenn sowohl in der Novelle als auch der Oper die Protagonistin tatsächlich das Feuer legt und gemeinsam mit ihrem Kind in den Flammen des einstürzenden Kirchturmes stirbt.

Theater Magdeburg/GRETE MINDE/R. Lintl, Z. Nyári/Foto © Andreas Lander

Es ist ein ungewöhnlicher Stoff, den sich Eugen Engel für seine einzige Oper wählt. Fontanes realistische Geschichten aus der Mitte der Gesellschaft haben wenig von Märchen, Macht und Mythos, die so häufig den Eingang in die Opernliteratur gefunden haben. Fontanes Erzählungen kommen ohne kraftvolle Effekte oder sensationelle Wendungen aus. Sie sind genauso bürgerlich-bodenständig wie Herkunft und Leben des Komponisten. Im heutigen Polen in eine jüdische Familie geboren, kommt Engel Anfang des 20. Jahrhundert nach Berlin. Im Hauptberuf Kaufmann, komponiert er in seiner Freizeit. Eine musikalische Ausbildung genießt Engel nicht, aber er liebt Musik. Regelmäßig ist er mit Partituren im Konzert und der Oper anzutreffen, er kommuniziert mit musikalischen Größen seiner Zeit. Kammermusik und Lieder sind seine ersten kompositorischen Versuche, bevor er beginnt sich im Jahr 1914 – im Alter von knapp 40 Jahren – seinem Opus magnum zu widmen.

Fast 20 Jahre arbeitet Engel an „Grete Minde“, eher er die Oper im Jahr 1933 vollendet. Zur Aufführung kommt sie jedoch nicht, auch wenn Engel sich redlich bemüht und seine Noten sogar Bruno Walter zur Durchsicht gibt. Sechs Jahre nach der Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten flüchtet Engel zu seiner Tochter nach Amsterdam. Während Tochter Eva 1941 mit ihrer Familie und den Partituren des Vaters in die USA emigrieren kann, wird Engel zwei Jahre später in das Vernichtungslager Sobibor gebracht und wenige Tage später ermordet. Während Engel stirbt, überlebt seine Musik in einem Koffer im Keller seiner Nachfahren in der neuen Heimat. Doch die Beschäftigung mit der Hinterlassenschaft des Vaters und Großvaters ist für die Nachfahren viele Jahre zu schmerzhaft. Erst infolge der Verlegung eines Stolpersteins vor Engels Berliner Wohnhaus, kehrt sie nach Deutschland zurück und kommt in die Hände von Dirigentin Anna Skryleva. Für die Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg ist schnell klar: „Grete Minde“ gehört auf die Bühne.

Theater Magdeburg/GRETE MINDE/Ensemble/Foto © Andreas Lander

Flirrende Streicher, glänzendes Horn, mystische Holzbläser, majestätische Orgel: Die Musik Engels ist die Entdeckung der Oper. Ein bisschen Korngold, etwas Humperdinck, eine Prise Richard Strauss – klingt die Oper zu Beginn noch ein wenig wie ein Potpourri aus den bekanntesten Komponisten der Zeit, entwickelt sie sich zu einem farbenreichen spätromantischen Klangrausch mit feinen Differenzierungen. Engel selbst notiert darüber hinaus zahlreiche Referenzen an Richard Wagner. Lyrisch, zart und rührend, im nächsten Moment aufbrausend und dramatisch: Der Autodidakt Engel schafft zahlreiche Kontraste, die die drei Akte zu einem Erlebnis werden lassen. Anhören lohnt sich. Es ist eine vertraute Musiksprache, die durch den Einbau von Dialekt auch Lokalkolorit nicht missen lässt. Engel bedient sich vieler Solos und Duette, flicht neben dramatischen Arien Kirchengesang und Chorszenen ein.

Die Magdeburger Philharmonie unter der Leitung von Wiederentdeckerin Skryleva stürzte sich mutig in die Noten und entwickelte die ganze Spannung der reichhaltigen Partitur. Rauschhaft und dennoch mit der nötigen Transparenz setzten die rund 60 Musiker:innen im Orchestergraben Engels Vorgaben um und arbeiteten die Verschiedenartigkeit seiner Komposition heraus. Die Musik kündigt an, verstärkt, rührt, ist so Spannungsträger des Abends und gleicht die Schwächen des Librettos aus.

Dieses stammt aus der Feder des Rundfunkpioniers und Journalisten Hans Bodenstedt und entstand im Jahr 1914. Wenig ist bekannt über die Beziehung zwischen Engel und Bodenstedt, einem ungleichen Paar. Während Engel im Konzentrationslager stirbt, ist Bodenstedt frühes NSDAP-Mitglied und Direktor mehrerer NS-Propagandablätter. Nach dem Krieg arbeitet er als Journalist des öffentlichen Rundfunks. Viel Neues schafft Bodenstedt mit seinem Libretto nicht. Stattdessen orientiert er sich sehr nah an Fontanes schriftstellerischem Vorbild, teilweise wortwörtlich. Eigene Akzente sind kaum zu erkennen. Während einige Szenen recht lang gehalten sind, werden andere – besonders für die Figurenentwicklung der Protagonistin – wichtige Ereignisse in allzu kurzer Zeit abgehandelt. So wird Gretes emanzipatorisches Einstehen für ihren rechtmäßigen Erbteil fast zu einem nebensächlichen Thema.

Theater Magdeburg/GRETE MINDE/Raffaela Lintl, Ensemble/Foto © Andreas Lander

Liebe, Eifersucht, Neid, Missgunst, Rache, die Rolle der Frau, gesellschaftliche Vorstellungen von Moral und Sitte und nicht zuletzt Religionskonflikte: Dank Fontanes reichhaltiger Vorlage, beeindruckt die Oper „Grete Minde“ dennoch mit einer großen Fülle an gesellschaftlich stets hochrelevanten Themen, die zahlreiche Anknüpfungspunkte für die heutige Zeit bieten. Eine Steilvorlage für jede Inszenierung, die bei dieser Uraufführung allerdings leider ein kleiner Wehmutstropfen bleibt. Regisseurin Olivia Fuchs in Kooperation mit Nicola Turner (Bühne, Kostüm) versucht die Oper in die Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts zu verlegen. Die Anspielungen an die Zeit des Dritten Reiches bleiben dabei jedoch allzu blass und sind nach dem Ende des ersten Aktes kaum mehr zu erkennen. Mehr Mut und Konsequenz, diese Anspielungen aus- und in die Handlung einzuarbeiten, hätten ihre Wirkung beim Publikum sicher nicht verfehlt. Lassen sich doch zahlreiche Parallelen zwischen den Konfessionskonflikten zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges und der Ausgrenzung und späteren Verfolgung von Jüd:innen im Dritten Reich ziehen. Spannend ist Fuchs und Turners Ansatz mit gut platzierten Videoinstallation historische und lokale Anknüpfungspunkte zu schaffen. So nehmen sie im langen Vorspiel zum dritten Akt die Zuschauer:innen mit auf Gretes Reise durch die Elblandschaft zurück nach Tangermünde. Ein Lokalbezug, der im nahgelegenen Magdeburg gut ankommt.

Neben Engels Musik und Skrylevas Dirigat war es die solide Ensembleleistung der Sänger:innen des Theaters Magdeburg die durch Vorstellung trug. Allen voran Raffaela Lintl als Grete. Ihr Gesang ist kraftvoll und abwechslungsreich, in drei Akten macht sie eine unglaubliche Entwicklung durch – von einem bodenständigen Mädchen, über eine liebevolle Ehefrau und Mutter bis zu einer wahnsinnigen Rächerin. Ihr gegenüber standen Zoltán Nyári als ihr Geliebter Valtin, der besonders in seiner Todesszene glänzte, und Kristi Anna Isene als Schwägerin und erstaunlich differenzierte Widersacherin Gretes.

Was am Ende bleibt, ist die Frage der Schuld des Individuums und der Gesellschaft. Wie werden Täter zu Tätern, Sünder zu Sündern – und welche Rolle spielen dabei die äußeren Bedingungen. Die Geschichte der Grete Minde ist eine Geschichte, die Zeiten überdauert. Und so kann man nur hoffen, dass dies auch für die Oper Eugen Engels der Fall sein wird und sie ihren Weg ins Repertoire findet. Verdient hätte sie es.

 

 

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