Opernhaus Zürich: Premiere der Oper „ELIOGABALO“ von Francesco Cavalli

Opernhaus Zürich/ELIOGABALO/Foto @ Monika Rittershaus

Mit einer echten Rarität wartet das Opernhaus Zürich mit seiner letzten Premiere in diesem Jahr auf. Francesco Cavallis Oper „Eliogabalo“, welche ursprünglich für den Karneval 1668 komponiert wurde und zu welcher Aurelio Aureli das Libretto verfasst hatte, wurde kurz vor der Premiere von den damaligen Besitzern des Teatro S. Giovanni vom Spielplan gestrichen. Dies, obwohl der Impresario Marco Faustini diese Oper in Auftrag gegeben hatte, jedoch kurz vor deren Uraufführung von seinen Ämtern zurückgetreten war. Aureli wurde aufgefordert, Änderungen am Libretto vorzunehmen und die Komposition wurde dem jungen Komponisten Giovanni Antonio Boretti übertragen. So konnte die abgeänderte Oper dann doch noch in der Karnevalsaison 1668 aufgeführt werden. Erst 1999 wurde diese Oper dann in der Version von Cavalli, welcher zu seiner Zeit als erfolgreichster Opernkomponist galt, wiederentdeckt, erlebte aber bis heute nur ganz wenige Aufführungen. (Rezension der Premiere v. 04.12.2022)

 

 

Eliogabalo wurde schon mit 14 Jahren Kaiser von Rom und war bis zu seiner Ermordung vier Jahre später für seine zügellosen Eskapaden bekannt. Seine exzentrische perverse Triebhaftigkeit war bekannt und berüchtigt, denn kein Mittel liess er aus, um diese zu befriedigen. Ob mit einem Liebhaber sich vergnügend, oder als Frau verkleidet sich als Prostituierte anzubieten, sogar einen Senat aus lauter Frauen zu schaffen, nur um besser an diese heranzukommen, er kannte keine Grenzen. Politik interessiert den jungen Herrscher nicht.

Durch solche Verflechtungen entstanden in seinem Umfeld Intrigen, Rachsucht, Neid und Hass. Dieser Hintergrund schafft einen Handlungsablauf, welcher in der dreistündigen Oper für viel Verwirrung sorgt. Dass eine solche Charakterschwäche kein gutes Ende nehmen konnte und er für alle Taten mit seinem Leben bezahlen musste, überrascht nicht.

Opernhaus Zürich/ELIOGABALO/Foto @ Monika Rittershaus

Die Figur des Eliogabalo würde man heute mit dem viel bemühten Wort „Genderfluid“ bezeichnen und dies ist auch in der Inszenierung von Calixto Bieito sehr hervorgehoben. Calixto Bieito schuf zusammen mit der Bühnenbildnerin Anna-Sofia Kirsch wirkungsvolle Bilder. Er stellt die Ausschweifungen dieses Herrschers beinahe voyeuristisch dar. Warum das Opernhaus den Vermerk „Nicht jugendfrei“ zu der Ankündigung dieser Aufführung vermerkt, wird einem beim Besuch der Vorstellung klar. Alle Lust wird ohne Scham zur Schau gestellt und man fragt sich immer wieder, ob man es jetzt gerade mit einem Mann, oder einer Frau zu tun hat, denn Männer verkörpern Frauenrollen und umgekehrt. Erst nach der Pause wird im dritten Akt die Handlung kurzweiliger und gefällt durch gute Regieeinfälle, während zuvor teilweise unnötige Längen den Ablauf stören. Die Kostüme von Ingo Krüger, die wie immer hervorragende Lichtgestaltung von Franck Evin und die Videos von Adrià Bieito Cami trugen viel zum Gelingen dieser speziellen Aufführung bei.

Mit dem Dirigenten Dmitry Sinkovsky, welcher an diesem Abend als Geiger und nach der Pause mit der Darbietung einer Arie für Countertenor aus dem Orchestergraben überraschte, hat man einen grossen Kenner der Barockmusik erlebt. Er führte das hauseigene Barock-Orchester La Scintilla, welches international einen hervorragenden Ruf geniesst, zu Höchstleistungen. Am Opernhaus Zürich darf man stolz sein, ein solches Orchester zu haben. Jede feinste Nuance wurde ausgeleuchtet und liess diese Musik erstrahlen. Eine sehr bemerkenswert Leistung.

Für eine solche Umsetzung wird von allen Mitwirkenden große Bereitschaft gefordert, sich ganz diesen Regieideen hinzugeben. Für alle Beteiligten bedeutete diese Aufführung ein Rollendebut.

Opernhaus Zürich/ELIOGABALO/Foto @ Monika Rittershaus

In der Hauptrolle des Eliogabalo debütierte im Opernhaus Zürich der ukrainische Countertenor Yuriy Mynenko und bot ein eindrückliches Rollenportrait dieses hin und her gerissenen Herrschers. Mit seiner facettenreichen Stimme und in den Szenen mit seinem Gegenspieler Alessandro, der vom Countertenor David Hanson verkörpert wurde, entstanden aufregende Momente. Mit Sophie Junker als Atilia, Anna El-Khashem als Flavia und Siobhan Stagg als Anicia standen drei Sängerinnen auf der Bühne, welche dieses hochwertige Ensemble mit überzeugenden Leistungen bereicherten und auch schauspielerisch viel Einsatz zeigten.

Der Tenor Mark Milhofer, als Intrigantin Lenia, bot ein großartiges Rollenportrait dieser sehr präsenten Figur. Man sich keine bessere Besetzung dieser Partie vorstellen. Ebenfalls mit starker Stimme und viel Körpereinsatz konnte Beth Taylor als Giuliano das Publikum begeistern.

Opernhaus Zürich/ELIOGABALO/Foto @ Monika Rittershaus

Der Tenor Joel Williams als Liebhaber Zotico, Daniel Giulianini als Nerbulone, Benjamin Molonfalean als Tiferne, Aksel Daveyan, Un console und Saveliy Andreev, Altro console, vervollständigten ein Ensemble welches in jeder Hinsicht beeindruckte. Der Statistenverein am Opernhaus Zürich kam ebenfalls prominent zum Einsatz.

Obwohl sich die Zuschauerreihen nach der Pause sichtbar gelichtet hatten, wohl weil ein Teil des Publikums diese Inszenierung nicht goutierte, handelt es sich um eine Rarität in der Opernwelt und ist durchaus sehenswert.

 

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