Oper Köln – Mit Kreisler im „Nachtzug“

Oper Köln/ Martin Koch/Nachtzug/Foto © Paul Leclaire

Mit Kreisler im „Nachtzug“ – Operette und Kabarett mit Martin Koch und Rainer Mühlbach im Staatenhaus

In der Oper Köln wird wieder für Publikum gesungen und gespielt! Es gibt zwar noch kein großes Orchester, weil noch nicht klar ist, wie die Musiker jeweils zwei Meter Abstand voneinander halten sollen, aber Regisseurin Eike Ecker hat mit Martin Koch und Rainer Mühlbach am Klavier ein halb szenisches Kreisler-Programm aufgelegt, mit dem am 6. Juni 2020 das Eis gebrochen wurde. Der Abend am 19. Juni 2020 ist ausgebucht, das Publikum nimmt das Angebot an.

 

Im Schweinsgalopp durch Operette und Kabarett, garniert mit Zitaten aus Opern aller Art reist Tenor Martin Koch mit Rainer Mühlbach, der auch mal einen Text rezitiert, am Klavier, im Nachtzug. Die Reise steht unter den Corona-bedingten Motto: „Wo Sie schon immer mal hinwollten und es gerade nicht können.“

Regisseurin Eike Ecker schafft mit einer alten Bank aus einem Reisezug und einem Koffer voll Requisiten zusammen mit der Lichtregie von Andreas Grüter den Hintergrund, auf dem sich Martin Koch mit der Reise durch das Traumland der Operette voll entfalten kann.

Es ist eine wilde Mischung: mit der Zigeunerromantik der „Zirkusprinzessin“ Kalmans, russischem Sentiment beim Wolgalied des „Zarewitsch“, der „Barcarole veneziana“ aus der „Balkanliebe“, italienischem Flair bei „Torna a Surriento“, mit großer Grandezza „Granada“, alles verknüpft mit lockeren Texten und reichlich Zitaten, entfacht Martin Koch augenzwinkernd ein Feuerwerk beliebter Operettenmelodien und Schlager.

Oper Köln/ Rainer Mühlbach, Martin Koch/Nachtzug/Foto © Paul Leclaire

Er ist ein kluger Charaktertenor, der bei den Operettenschnulzen zusammen mit seinem Klavierpartner Rainer Mühlbach die nötige ironische Distanz herstellt. So kann man auch heute noch Operettenarien präsentieren. Mit sichtlich großer Spielfreude simuliert Rainer Mühlbach am Klavier scheinbar mühelos das Operettenorchester, und es funktioniert. Regisseurin Eike Ecker, Rainer Mühlbach und Martin Koch sind seit „Adam Schaaf hat Angst“ im Februar 2019 ein eingespieltes Team.

Mit der Gattenmordphantasie „Ich fahr mit meiner Clara in die Sahara“ von Stransky & Rotter beginnt das kabarettistische Programm, und da geht mit schön bösen Chansons von Georg Kreisler (zeitlos: „Gelsenkirchen“, „Frau Schmidt“ und „Der Euro“) dann so richtig die Post ab. Passend zur Location nimmt „Opernboogie“ die Oper und ihr Publikum ordentlich auf die Schippe.

Der Musikkritiker“ hat mir besonderes Vergnügen gemacht, Martin Koch hat mich sogar persönlich angesprochen! Dieses Chanson verarscht einerseits dilettantische Kulturschaffende, andererseits gnadenlose konservative Kritiker, die selbst unmusikalisch sind und sich mit eigenen Darbietungen blamieren. Ich halte es da mit einem mir bekannten Kulturpolitiker: wir führen nichts auf, wir reden und schreiben nur und lassen die anderen arbeiten.

Ich habe zu Hause gleich wieder die alten Kreisler-Platten rausgeholt und gehört. Es ist, als ob Kreisler eine Reinkarnation erfahren hätte, so intensiv lebt Martin Koch diese anspruchsvollen, tiefsinnigen, doppelbödigen und makabren Chansons. Stilsicher entwickelt er sie behutsam weiter, so gibt er als Zugabe: „Tauben vergiften am Dom.“

Oper Köln/ Rainer Mühlbach, Martin Koch/Nachtzug/Foto © Paul Leclaire

Mit sichtlichem Vergnügen geht das Publikum mit, obwohl man so etwas eigentlich in einer viel intimeren Atmosphäre aufführen müsste. Die lockere Sitzordnung – jede zweite Reihe ist entfernt, zwischen je zwei Fremden bleiben zwei Plätze frei – wirkt zunächst beklemmend, man vergisst aber über dem Feuerwerk an Einfällen das Ambiente. Stefan Reich (Tontechnik) hat den Sänger mit einem dezenten Headset ausgestattet, denn die Akustik der Messehalle ist unplugged nur mit großer Besetzung einer Oper erträglich.

Zu unserer großen Freude lag im Foyer druckfrisch das Programm der kommenden Spielzeit aus, vieles Corona-bedingt unter Vorbehalt. Martin Koch wird als Siegfried in der „Götterdämmerung für Kinder“ zu erleben sein, und ein Highlight dürfte die Premiere von Gounods „Faust“ am 23. Mai 2021 unter Francois Xavier Roth in der Urfassung mit gesprochenen Dialogen werden, die in Deutschland noch nie gespielt wurde.

Mehr dazu unter DIESEM LINK.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln / Homepage
  • Titelfoto: Oper Köln/ Rainer Mühlbach, Martin Koch/Nachtzug/Foto © Paul Leclaire 
 
 

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