Oper Dortmund: Carmen hatte eingeladen – Warum nicht mal ein Artikel über die Oper im weitesten Sinne?

Christoph Strehl (Don José), Ileana Mateescu (Carmen)  ©Thomas M. Jauk / Stage Picture Schließen
Christoph Strehl (Don José), Ileana Mateescu (Carmen)
©Thomas M. Jauk / Stage Picture 

Gastartikel von Conny Schindler, Lifestyle-Bloggerin aus Dortmund*

Carmen hatte eingeladen. Es war ein wunderbarer Abend mit vielen Gästen, interessanter Location, wirklich guter Live-Musik und einem unterhaltsamen Programm. Allerdings muss ich gestehen, dass ich von Carmens Outfit total enttäuscht war. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mehr von ihr erwartet. Sie war der Hauptakt des Abends. Stand sie doch den ganzen Abend im Rampenlicht. Alles drehte sich fast nur um sie. Hatte ich mir doch gemäß dem Veranstaltungsmotto einfach mehr „Zigeunerromatik“ erhofft.

Wo war der Zigeunermädchen-Look?

Ich an ihrer Stelle hätte eher einen Look ähnlich dem des Zigeunermädchens aus „Sissi, Schicksalsjahre eine Kaiserin“ gewählt. Eine kleine, weiße Rüschenbluse, geschnürt mit einem Mieder, ein weiter Tellerrock, gestützt von mehrlagigen Unterröcken, kleine Stiefelchen, eine wilde, schwarze Lockenmähne und große, goldene Ohrringe. Wild, rebellisch, geheimnisvoll, begleitet von einem Hauch Melancholie und wahnsinnig viel Sexappeal.

Okay, sie hatte sich für ein rotes, knielanges, seitlich gerafftes Kleid entschieden. Je nach Bewegung rutschten die Ärmelchen lasziv über die Schultern. Das Kleid war ganz nett, mehr aber auch nicht. Der Stoff sah aus der Entfernung sehr billig aus. Ich denke, über eine Qualität oberhalb von Polyester kam er nicht hinaus. Insgesamt taten der Schnitt und die Qualität des Stoffes Carmen keinen Gefallen. Malte sich doch beim Tanzen über Tisch und Bänke ihre Unterwäsche durch. Es ist Fakt – das Bindegewebe einer Carmen entflieht nicht automatisch der Schwerkraft, nur weil sie viel Temperament besitzt. Nun ja, ich will nicht zu hart über sie urteilen. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Schön ist was gefällt und jeder immer frei nach seinen Möglichkeiten.

Wer ist diese Carmen eigentlich?

Lange nachdem sich Carmen unzählige Male für den nicht verhallenden Applaus bedankt und sich der Vorhang zum letzten Mal geschlossen hatte, dachte ich noch über sie nach. Wer ist diese Carmen eigentlich? Carmen, die tragische Hauptfigur einer Oper in vier Akten, geschrieben von Georges Bizet, basiert auf der literarischen Vorlage von Prosper Mérimée. Speziell vorbereitet hatte ich mich auf den Opernbesuch nicht. Outfitmäßig natürlich schon, das kleine Schwarze hatte auf hohen Absätzen seinen Auftritt, das versteht sich wohl von selbst. Ich hatte überlegt, einen Fascinator zu tragen. Im weitesten Sinne reizt mich das Thema Hut, oder besser gesagt Hütchen, ja schon lange. Und das wäre ja eine Gelegenheit gewesen. Allerdings habe ich dann davon doch Abstand genommen. Immerhin sitzt ja den ganzen Abend auch jemand hinter mir. Ich wollte niemandem zumuten, „Carmen“ durch abstehende schwarze Federn zu betrachten.

Aber zurück zum Thema. Warum wich meine Vorstellung von Carmen kostümtechnisch so sehr von dem, was sich mir auf der Bühne darbot, ab? Gut, dass ich kurz vor der Vorstellung ein Programmheft geschenkt bekommen hatte. Ich selbst hätte mir nie eins gekauft. Damals dachte ich, das ist reinste Geldverschwendung. Doch heute muss ich sagen, dass dieses kleine Heftchen eine gute Investition war. Hat der Inhalt doch etwas Licht ins kostümtechnische Dunkle gebracht. „Ungekünstelte, realistische Figuren, ohne romantische Verbrämung und falsche Illusionen.“ So ein Zitat der Regisseurin Katharina Thoma. Okay, das war mal ein Statement.

Was die Kostümbildnerin dazu sagt

Diesen Satz musste ich erstmal verdauen. Die Regie verlangte also eine rationale, sachliche, objektive Darstellung Carmens ohne überflüssige Emotionen. Mit dieser Vorgabe konnte meine Kostümerwartung „Zigeunerromantik“ ja nur ins Leere laufen. Der brutale Absturz war vorprogrammiert! Aber in der logischen Konsequenz bedeutete das jetzt… WAS? Ich brauchte noch mehr Input!

Habe ich doch kurzerhand die Fachfrau Irina Bartels in Fragen „Kostüm“ zu Rate gezogen. Irina Bartels hatte Carmen in dieses rote Kleid gesteckt. Sie erklärt mir, dass sie als Kostümbildner in erster Linie nach der Grundidee der Regie arbeitet und versucht, die Charaktere in ihrem Sinne authentisch darzustellen. Da die Inszenierung von Carmen im Dortmunder Opernhaus in die heutige Zeit übersetzt wurde, war also auch die Kostümfindung zeitgenössisch zu gestalten. Und das war das Stichwort. Carmen sollte alltagstauglich aussehen, nicht wie in meiner Sissi-Vorstellung sozialromantisch verkleidet!

Ileana Mateescu (Carmen), Christoph Strehl (Don José)  ©Thomas M. Jauk / Stage Picture
Ileana Mateescu (Carmen), Christoph Strehl (Don José)
©Thomas M. Jauk / Stage Picture

Heute verstehe ich das rote Kleid. Mittlerweile schätze ich es als geniale textile Interpretation ihrer tragischen Geschichte. Wie ich zu diesem Sinneswandel komme? Knallharte Arbeit. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, musste ich Carmen erstmal näher kennenlernen. Detlef Obens beschreibt in seiner Premierenkritik die tragische Geschichte Carmens wie folgt: „Die Geschichte der Femme Fatale Carmen ist eine, die davon erzählt, wie eine Frau ganz bewusst ihre Reize einsetzt ,um dem Patriarchat die Zähne zu zeigen und gleichzeitig damit den Ausstieg aus ihrer miserablen sozialen Situation mit Hilfe der Männer erreicht. Daraus erwächst ihre Stärke und auch die Anziehungskraft, die sie auf das männliche Geschlecht ausübt. Liebesbeziehungen sind für sie Mittel zum Zweck. Und sie enden dann, wenn der jeweilige Zweck erfüllt ist.“ Eine kurze, aber sehr treffende Zusammenfassung.

Zunächst erscheint Carmen als eine emanzipierte Frau. Sie liebt ihre Freiheit, verdient ihren Lebensunterhalt selbst, pocht auf ihre Unabhängigkeit und sucht sich ihre Liebhaber frei aus. Eigentlich eine Beschreibung, die dem heutigen Anspruch einer moderne Frau gerecht wird. Selbstbestimmung in jeglicher Hinsicht ist das höchste Ziel in der bisherigen Emanzipationsgeschichte. Ein rotes Kleid ist die beste Wahl, um diesen unabdingbaren Willen nach Unabhängigkeit auszudrücken. Rot hat Charakter und Rückgrat. Verspricht absolutes Selbstbewusstsein. Rot verkörpert den Puls des Lebens und schreit förmlich nach: „Hallo Welt, hier bin ich!“

Schön, sexy, skrupellos

Auf der anderen Seite setzt Carmen ihre Schönheit und Sexappeal gnadenlos beim männlichen Geschlecht ein, immer mit der festen Absicht, einen Vorteil für sich zu ergattern. Solche Frauen werden bis heute abschätzig behandelt. Wer Sex gegen Gefälligkeiten eintauscht, ist in unserer Gesellschaft nicht gern gesehen. Die Hoffnung auf soziale Verbesserung im Handel gegen körperliche Liebe ist aus der Sicht einer modernen Frau eine Ohrfeige für die Emanzipation.

Begriffe wie Schlampen, Flittchen oder sogar Hure liegen für sie bereit. Auch hier ist das rote Kleid eine wunderbare Interpretation. Ein verruchtes Rot, das der Männerwelt prickelnde Abenteuer verspricht. Ein anschmiegsamer Stoff, der mit den weiblichen Kurven spielt. Ein rutschender Träger, der einen kurzen, fast zufälligen Blick auf nackte Haut erhaschen lässt. Ein Kleid aus schlechtem Material, das bei Tageslicht mehr Schein als Sein verspricht. Ein flüchtiges Abenteuer ohne viel Qualität und keinesfalls von Beständigkeit. Das rote Kleid ist keine Spielerei. Für Carmen ist es eine Überlebensstrategie, auch ökonomisch. Dieses Rot haucht ein erotisches „Hallo…“ daher und lässt sämtlichen Phantasien freien Lauf.

Ein Business-Kostüm

Christoph Strehl (Don José), Ileana Mateescu (Carmen)
Christoph Strehl (Don José), Ileana Mateescu (Carmen)

Carmen wechselt das Kostüm, als sie merkt, dass ihre Vitalität schwindet und sie sich bewusst wird, dass dieses „leichte“ Leben, dass sie bisher in diesem roten Kleid geführt hat, keine Zukunft mehr für sie bietet. Carmens Lolita-Attraktivität schwindet. Sie entscheidet sich für ein gesetzteres Leben mit Don José an ihrer Seite, einem berühmten und begehrten Stierkämpfer. Das rote Kleid hat an dieser Stelle ausgedient. Carmen tauscht es gegen ein strenges, weiß-rotes Business-Kostüm. So wie sie da auf der Bühne ihres Lebens steht, habe ich mir immer souveräne Karrierefrauen vorgestellt. Carmen, die Frau, die es aus dem Milieu geschafft hat, und heute im zeitlosen Klassiker vor uns steht . Ein schmeichelnder Schnitt unterstreicht ihre Weiblichkeit, ohne aufdringlich und eindeutig zu werden. Dieses Kostüm ist der Versuch Carmens erwachsen zu werden. Die Haare streng zum Dutt genommen, die wilde Mähne gebändigt, aber ob das ausreicht, um Carmens wilde Seele zu zähmen? Ich glaube nicht. Das Kostüm ist in einem hellen Ton gehalten.

Weiß als Farbe der Reinheit und Unschuld. Doch das Rot verlässt sie nicht. Das zwiespältige Rot, das zum einen Freiheit, Kraft, Lebens- und Abenteuerluft verspricht, zum anderen aber auch das Rot, das für Carmen überlebensnotwendig ist. Rote Punkte zieren ihr Kostüm, wie kleine Blutspritzer. Blut als Zeichen des Lebens. Sie ist wie sie ist, da kann sie tragen, was sie will. Kleider machen Leute, aber unterm Strich lässt sich ihr Charakter nicht verleugnen. Im Finale stirbt Carmen. Ermordet von Escamillo, einem Mann, dem sie das Herz gebrochen hat. Was für ein tragisches Ende. Der Mann, der sie abgöttisch liebt, wird letztendlich zu ihrem Mörder. Er kann es nicht akzeptieren, dass Carmen sich nicht für ein Leben mit ihm entschieden hat und ihn ablehnt. Vor Wut sieht er rot. Er sticht ihr ins Herz. Carmen ist tot. Der Vorhang fällt.

Und Carmen war perfekt angezogen

Jetzt, nachdem ich etwas länger über Carmen, ihre Geschichte und die Interpretation der Operninszenierung nachgedacht habe, komme ich zu dem Fazit, dass Carmen die perfekten Kostüme getragen hat. Sowohl das rote Kleid, als auch das weiße Kostüm wurden allen Anforderungen uneingeschränkt gerecht. Die Aufgabe, ein Bühnenkostüm so authentisch erscheinen zu lassen, dass es nicht als Verkleidung wahrgenommen wird, ist für mich an dieser Stelle einzigartig gelöst.

Mit einem Augenzwinkern kann ich sagen, dass es ja auch nicht so lange gedauert hat, bis ich das so erkannt habe. Hätte ich mir im Vorfeld mehr Gedanken IM Kopf gemacht, als über die Frage sinniert, ob ich etwas AUF dem Kopf (ich erinnere an den Fascinator) trage, hätte ich Carmens Kostüme im Einklang mit der Musik intensiver genießen können. Vielleicht beim nächsten Mal. Zum Schluss bleibt mir nichts anderes zu sagen als: Bitte einen großer Applaus für die Kostümbildnerin Irina Bartels, die Carmen so schön angezogen hat.

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*Conny Schindler(LadyLifeStyle) ist Lifestyle-Bloggerin aus Dortmund und sieht die Dortmunder CARMEN-Inszenierung aus ihrem ganz eigenen Blickwinkel.  Der ist durchaus modebewusst, geht aber in diesem speziellen Fall weit darüber hinaus.  Ein schlichtes rotes Kleid lässt Conny Schindler Gedanken verfassen, die es wert sind, einfach mal mitgedacht zu werden. Ich danke Frau Schindler für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung ihres Artikels auf meinem OPERNMAGAZIN.

Artikel erschien zuvor auf dem Blog r2inside.de

*Fotos: Bühnenfotos Oper CARMEN, Theater Dortmund- ©Thomas M. Jauk / Stage Picture

*Info zur Dortmunder Carmen:  weitere Termine und Karten

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