Kölner Philharmonie: Großer Erfolg! Luisa Imorde springt ein für Yefim Bronfman

Luisa Imorde / Foto @ Julia Wesely

Die Kölner Philharmonie ist ausverkauft, am 15. Und am 16. März 2019. Es gibt Mozarts Totenmesse und den Trauermarsch für Klavier und Orchester von Jörg Widmann, der 2014 als Auftragskomposition der Berliner Philharmoniker uraufgeführt wurde und von dem es bisher noch keine Einspielung gibt. Luisa Imorde aus Salzburg, Jahrgang 1989, ist kurzfristig für Yefim Bronfman eingesprungen und kann sich gegen das Riesenorchester souverän durchsetzen.

 

Ihre Zugabe, der 2. Satz des Oboenkonzerts von Alessandro Marcello in d-moll in der Bearbeitung für Klavier von Johann Sebastian Bach, versöhnt die Konzertbesucher mit dem spröden Trauermarsch. Die zierliche junge Frau ist der erste Star des Abends.

Zweiter Star des Abends ist der Bass Franz Josef Selig. Sein „Tuba mirum …“ hat mich ungeheuer gerührt, die Stimme ist reif und voll. Er ist ein Ausnahmekünstler von Weltrang. In der letzten Zeit war er unter anderem als Daland im „Fliegenden Holländer“ an der Metropolitan Opera New York, als Gurnemanz und als Sarastro im Festspielhaus in Baden-Baden und als Seneca in „Incoronazione di Poppea“ in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin zu sehen. Als König Marke habe ich ihn mit dem WDR-Sinfonieorchester im konzertanten zweiten Akt von Wagners „Tristan und Isolde“ beim Abschiedskonzert von Semyon Bychkov 2009 erlebt. Zuletzt war Franz-Josef Selig am 18. und 19. März 2011 in der Basspartie von Beethovens 9. Sinfonie unter Jukka Pekka Saraste zu erleben. Sein „Oh Freunde, nicht diese Töne …“ werde ich nie vergessen.

Der 1975 in Moskau geborene Dirigent Dima Slobodeniuk ist der dritte Star des Abends. Wie er die Klangmassen des Trauermarschs bändigt und die Strukturen des Requiems hörbar macht ist ganz große Kunst. Man hört das Stück neu.

Die junge Musikwissenschaftlerin Friederike Holm, die den Einführungsvortrag hält, steht vor dem Problem, dass sie von Widmanns Trauermarsch keine Beispielmusik hat, weil er noch nie eingespielt wurde. Das Requiem von Mozart setzt sie als bekannt voraus.

Sie erörtert die Frage, wie man Trauer angemessen musikalisch ausdrücken kann und nennt als Beispiel unter anderem Dimitri Schostakowitsch, der sich seine eigene Trauermusik in Form eines Streichquartetts mit dem Motiv D,Es,C,H komponiert hat und darin seine eigenen Werke zitiert. Als Gefühle kämen Wut, Verzweiflung, Resignation und Hoffnung vor, die angemessen verarbeitet werden müssten.

Widmanns Trauermarsch ist eigentlich der langsame Satz eines Klavierkonzerts und setzt alle diese zum Teil widersprüchlichen Gefühle mit dem riesigen Klangapparat des großem Orchesters mit exotischen Instrumenten wie Peking-Oper-Gong, Lotosflöte und mit sordierten (die tiefste Saite wird einen Ton tiefer gestimmt) Celli und Kontrabässen um. Das Klavier beginnt, mit einem Halbtonschritt nach unten, einsam das Werk. Dieses Seufzermotiv für Trauer, Klage und Schmerz schlechthin zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Konzert. Luisa Imorde, die junge Pianistin, die kurzfristig für den erkrankten Yefim Bronfman eingesprungen ist, wird 20 Minuten lang gefordert, sich gegen das riesige Orchester, das sie zum Teil Tsunami-artig überrollt, durchzusetzen, wobei auch sie gewaltige Klangmassen, die zum Teil in vier Notensystemen notiert sind, umsetzen muss.

Jörg Widmann / Foto @ Marco Borggreve

Jörg Widmann, gefragter Klarinettist und viel gespielter Komponist wollte eigentlich ein viersätziges Klavierkonzert für Yefim Bronfman komponieren, fand dann aber den fertigen zweiten Satz so wuchtig, dass er ihn als Konzertstück für sich stehen lässt.

„Dieser Trauermarsch weckt Scheintote zum Leben. Mir ward ganz traurig von dem Krach und der Malträtierung der Instrumente“, so ein  Besucher, der mit dem polyphonen Satz und den dramatischen Ausbrüchen in gewaltigen Klangclustern offensichtlich überfordert war. Da half auch nicht ein delikates himmlisches Solo des Konzertmeisters José Maria Blumenschein.

Mozarts „Requiem“ in d-moll, der Todes-Tonart, ist die sagenumwobene Auftragskomposition, die Mozart als KV 626 begann, aber wegen seines eigenen Todes nicht vollenden konnte. Für das Honorar von 50 Dukaten – immerhin ein halbes Opernhonorar – nahm er den Auftrag an und komponierte zunächst die wichtigsten Stimmen, also die Chorstimmen, den Orgelbass und die tragenden Instrumente. Als er am 5. Dezember 1791 starb war erst der erste Satz vollendet, der Rest wurde von seinem Schüler Franz Xaver Süßmayr sinngemäß ergänzt, der Mozarts Handschrift täuschend echt nachmachen konnte. Dieses Werk, häufig von Kirchenchören in reduzierter Besetzung aufgeführt und verkitscht, von einigen auch wie große Oper dargeboten, hat es verdient, neu aufgearbeitet zu werden.

„Die Bearbeitung von Robert Levin will durch einen transparenten Satz und zurückhaltende Instrumentation die originalen Teile von Mozart deutlicher nachvollziehbar machen“, so Judith Nüsser im Programmheft. Der 1975 in Moskau geborene Dirigent Dima Slobodeniuk macht die Strukturen durchhörbar. Mozart klingt hier eher wie Bach und wird grandios interpretiert.

Die Musik wird entschlackt, die Präzision des hochprofessionellen WDR-Rundfunkchors unter der Leitung von Robert Blank macht den Aufbau der Chorfugen zu den lateinischen Messtexten sehr transparent. Dazu kommt das hochkarätige Solistenensemble mit Christina Landsamer, Sopran, Marie Henriette Reinhold, Alt, Martin Mitterrutzner, Tenor und Franz-Josef Selig, Bass, die zusammen mit dem überschaubar besetzten WDR-Sinfonieorchester agieren.

Der WDR als öffentlich-rechtlicher Sender hat hiermit seinen Auftrag erfüllt, Musik der Zeit zu pflegen und klassische Musik musikwissenschaftlich fundiert neu zu interpretieren. Beide Werke werden vermutlich in der Regel im Konzertsaal aufgeführt und immer mal wieder im Radio gesendet werden. Der Trauermarsch passt in seiner Wucht zu großen Naturkatastrophen; das Bild des Tsunami drängt sich unmittelbar auf. Mozarts Requiem wird in Kirchen kaum noch aufgeführt, weil niemand mehr etwas mit dem lateinischen Messtext anfangen kann, ist aber als Konzertstück, das neben den entsprechenden Requiems von Verdi, Dvorák und Britten gleichrangig mit Bachs Passionsmusik bestehen kann, unsterblich.

Das Konzert ist bis zum 15.4.2019 auf dem Konzertplayer abrufbar: http://konzertplayer.wdr3.de/

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer
  • Titelfoto: Blick in den Saal der Kölner Philharmonie / Foto © KölnMusik/Guido Erbring
  • Foto von Julia Imorde @ Homepage Julia Imorde

*

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.