Interessante Wiederentdeckung: „La Juive“ von Halévy begeistert in Dortmund

Theater Dortmund/Opernhaus / Foto @ Theater Dortmund

Nicht umsonst wurde „La Juive“ von Fromental Halévy in den letzten Jahren wieder häufiger aufgeführt, denn die Oper enthält große Chorszenen, dankbare Partien für virtuose Spitzensängerinnen und -Sänger und einen vielleicht etwas konstruierten echten dramatischen Konflikt, der am Schluss tragisch aufgelöst wird. Furcht und Mitleid sind garantiert. Die Oper galt seit ihrer Uraufführung am 23. Februar 1835 in Paris bis 1933 als Mahnmal für den Konflikt zwischen Christentum und Judentum. 1933 von den Nationalsozialisten verboten, geriet sie in Vergessenheit und wurde erst 1988 in Bielefeld, 1993 in Nürnberg und 1994 in Dortmund von John Dew aufgeführt. Es folgten zum Teil spektakuläre Inszenierungen unter anderem in Wien (1999), Paris (2007) und München (2014). Diese Oper war in der Tat zu Unrecht vergessen! (Rezension der Premiere v. 6.11.2022)

 

Der Beginn der Premiere am 6. November 2022 musste von 18.00 Uhr auf 19.30 Uhr verlegt werden – ein Hauptdarsteller war sechs Stunden vor Beginn ausgefallen, der Ersatz musste aus dem Ausland kommen. Aber das Warten hat sich gelohnt! Das Libretto ist vom Routinier Eugène Scribe, der mehr als 100 Libretti für Grands Opéras seiner Zeit verfasst hat, und enthält große Gefühle in zeitlosem Rahmen. Historischer Hintergrund der am 23. Februar 1835 in Paris uraufgeführten fünfaktigen Oper nach dem Schema der „Grand Opéra“ war die offizielle Gleichstellung der Religionen in Frankreich 1830.

Der jüdische Librettist Scribe und der jüdische Komponist Halévy spürten aber immer noch deutliche Ressentiments gegen Juden in der Bevölkerung. Antisemitismus war auch in Frankreich ein virulentes Thema, selbst wenn die Gleichstellung staatlich verordnet war. Scribe verknüpfte die 1414 in Konstanz spielende Geschichte des mit einer Nichte des Kaisers verheirateten katholischen Kriegshelden Léopold mit der Tochter Rachel des jüdischen Juweliers Éleazar, der gleich am Beginn der Oper mit der Todesstrafe bedroht wird, weil er am christlichen Feiertag hörbar arbeitet, mit der Rache des Éleazar an Kardinal de Brogni. Rachel und Éleazar werden durch den Fürsten Léopold, der sich als Jude ausgibt, zunächst gerettet.

Oper Dortmund/LA JUIVE/Mirko Roschkowski/Foto @ Thomas M. Jauk

Dazu kommt eine Hypothek aus der Vergangenheit: der Kardinal de Brogni hat, wie Éleazar, vor Jahren seine Familie in den Glaubenskriegen verloren und seinerseits Éleazars beide Söhne hinrichten lassen.  Er ist Geistlicher geworden und zum Kardinal aufgestiegen. Seine Tochter wurde als Säugling von Éleazar gefunden und als eigene Tochter aufgezogen, was de Brogni aber nicht weiß. Prinzessin Eudoxie kauft bei Eleazar ein Schmuckstück für ihren heimkehrenden Gatten Léopold und bittet ihn, ihr das am nächsten Tag zuzustellen. Rachel, die ihren Vater begleitet, erkennt, dass ihr Liebhaber der Gatte Eudoxies und Christ ist. Sie provoziert einen Skandal vor der feinen Gesellschaft, die zusammengekommen ist, um Léopolds glorreiche Rückkehr aus dem Krieg zu feiern, und wird mit Léopold der Rassenschande angeklagt und zum Tode verurteilt. Eudoxie fleht Rachel an, ihren Gatten, den sie immer noch liebt, zu entlasten. De Brogni besucht Rachel im Kerker und fühlt sich zu ihr hingezogen – die Stimme des Blutes!

Der dramatische Höhepunkt der Oper ist die Szene, in der Éleazar, der Rachel retten könnte, indem er ihre wahre Identität enthüllt, in einer großen Szene im 4. Akt seine Zerrissenheit beschreibt. Er könnte Rachels Identität aufklären und den Vorwurf der Rassenschande hinfällig machen, gönnt aber de Brogni die Wiedervereinigung mit der leiblichen Tochter nicht. Lieber opfert er sie als Märtyrerin. Im 5. Akt eskaliert der Konflikt. Das Volk will Judenblut sehen, der Chor schreit nach Rache. Der Richter im Look eines Volksgerichtspräsidenten Roland Freisler verkündet das Urteil: Éleazar und Rachel sind zum Tode verurteilt, Léopold ist freigesprochen. Zuerst wird Rachel abgeführt. Ein letztes Mal insistiert de Brogni. Éleazar offenbart Ihm: Rachel ist de Brognis leibliche Tochter, die er als seine eigene aufgezogen hat. Der Justizirrtum ist komplett, denn Rachel ist bereits hingerichtet.

Die Oper spielt während des Jahres 1414, wurde aber vom Regisseur in die unbestimmte Gegenwart verlegt. Das funktioniert in den ersten Akten recht gut, denn Spannungen aufgrund unterschiedlicher Ruhetagsregeln verschiedener Religionen und Liebesaffären junger Damen mit verheirateten Verführern sind zeitlos. Der Straftatbestand der Rassenschande ist jedoch spätestens 1945 hinfällig geworden. Trotzdem funktioniert das Stück, denn auch ohne religiösen Hintergrund gipfelt jeder Akt in einer spektakulären Szene. Die schlichte Einheitsbühne mit seitlichen Vorhängen ist sparsam möbliert. Beeindruckender Effekt ist die Treppe, die zum 4. Akt hinunter in den Kerker führt, während die Bühne hochfährt. Regisseur Sybrand van der Werf stellt die Beziehungen zwischen den Personen durch die Personenführung dar. Die Kostüme von Annette Braun deuten die soziale Stellung der Personen an: Juden tragen schwarze Anzüge und eine Kippa, der Kardinal ein rotes Gewand, das heutige Kardinalsroben an Pracht weit übertrifft, weil er dazu einen pinkfarbenen breiten Gürtel trägt. Rachel tritt im Marlenehosen und Trenchcoat auf. Der Chor trug individuelle Alltags- bzw. Gesellschaftskleidung.

Oper Dortmund/LA JUIVE/Denis Velev, Mirko Roschkowski, Barbara Senator, Opernchor Theater Dortmund/Foto @ Thomas M. Jauk

Philipp Armbruster dirigierte die Dortmunder Philharmoniker, den Opernchor des Theater Dortmund in der Einstudierung von Fabio Mancini und das perfekte Ensemble mit Enkeleda Kamani als Prinzessin Eudoxie, Barbara Senator als Rachel, Sungho Kim als skrupellosem Verführer Léopold, Daegyun Jeong als Albert, Hiroyuki Inoue als Haushofmeister, Carl Kaiser als Henker  und Mandla Mndebele als Ruggiero und Richter mit sicherem Stilgefühl. Die süffige Musik mit großen Szenen und anspruchsvollen Ensembles enthält zahlreiche dramatische Steigerungen. Besonders herausragend in jeder Beziehung war der Tenor Mirko Roschkowski in seiner Gestaltung des Éleazar, der den selbstbewussten jüdischen Goldschmied und zwischen Rache und Vergebung zerrissenen gedemütigten Vater beeindruckend glaubhaft machte. Er entwickelt sich immer mehr – früher als Don José, jetzt als Enée in Köln – zum profilierten Protagonisten des französischen Fachs.

Roschkowskis große Szene im 4. Akt war schon den Besuch der Oper wert. Die melancholische Cabaletta, die diese Szene einleitet, ist immer wieder, unter anderem von Caruso, von großen Tenören eingespielt worden, auch wenn die Oper vergessen war. Was dann noch folgt kann mit großen Szenen von Verdi mithalten! Das gedemütigte Opfer einer Intrige, das seine geliebte Ziehtochter opfert, um seinem Erzfeind, de Broglio, nicht verzeihen zu müssen, ist ein sehr komplexer Charakter.

Ebenbürtig mit seinem machtvollen tiefen Bass, der die Autorität des Kardinals wie man sie sich heute allerdings nicht mehr vorstellen kann, kennzeichnete, war Denis Velev als de Brogli, sein Gegenspieler, der sich selbst demütigte und den verachteten Juden Éleazar anflehte, ihn über das Schicksal seiner verlorenen Tochter aufzuklären. Letzten Endes verloren beide das, was sie am meisten liebten, nämlich Rachel, Tochter des Christen de Brogli, als Jüdin vom Juden Éleazar aufgezogenes Opfer eines Justizirrtums, das sich selbst opfert, um den Geliebten zu entlasten.

Der Hintergrund von Volksverhetzung, religiöser Diskriminierung und Klassenjustiz ist zeitlos. Es ist ein typisches Beispiel dafür, wie Hass immer wieder Hass gebiert. Eine lohnende Erweiterung des Repertoires, die allerdings bis ins letzte Detail sehr gute Protagonisten erfordert. Deshalb haben sich bisher auch nur große Häuser mit Starbesetzungen an die Realisierung gewagt.

Halévy beherrschte sein Handwerk: große Ensembles mit Chor, ergreifende Arien und Duette der Hauptdarsteller, fulminante Spannungssteigerungen und große Gefühle. Viele Effekte wie Hämmern auf der Bühne, Orgel als Instrument sind später von Richard Wagner übernommen worden. Hätte man nicht 1933 jüdische Komponisten verboten, diese Oper hätte sich im Repertoire halten können.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Dortmund / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Dortmund/LA JUIVE/Denis Velev, Mirko Roschkowski, Barbara Senator, Opernchor/Foto @ Thomas M. Jauk 

 

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