„Hungrig nach Musik“ Julian Rachlins Leidenschaft zum Sinfonieorchester Kristiansand und seinem Konzerthaus „Kilden“

Julian Rachlin/Foto @Ashley Klassen

Im Süden Norwegens, dem etwa 100.000 Einwohner zählenden Kristiansand, wurde im Jahre 2012 eines der architektonisch ansprechendsten und akustisch brillantesten Konzerthäuser Skandinaviens eröffnet, das „Kilden Teater og Konserthus“. Der am Wasser gelegene Konzertsaal ist die Heimat des 70-köpfigen Sinfonieorchester Kristiansand, dem Kristiansand Symfoniorkester (KSO).

Kilden“ ist der norwegische Begriff für Quelle und so steht bei diesem Veranstaltungsort alles im Zeichen des Elements Wasser. Äußerlich besticht der Saal durch eine Glasfassade, die von einem hervorstehenden, wellenförmigen Holzdach eingerahmt wird. Das Eingangsportal mit Sicht auf den Hafen und die vorgelagerten Inseln bietet sowohl bei der Ankunft im „Kilden“, als auch beim Durchschreiten des Foyers einen einzigartigen An- und Ausblick. Der Bau verfügt im Inneren über zwei große Säle, einem Konzert- als auch einem Theatersaal, welcher auch als Spielstätte für Opernaufführungen genutzt wird.  

 

Und es wird eine Freundschaft daraus

Während einer Probe im September 2019 trafen unsere Redakteure Alexandra und Phillip Richter den 1. Gastdirigenten des Sinfonieorchester Kristiansand, Julian Rachlin. In Begleitung der renommiertesten Sinfonieorchester hat er sich als Solo-Violinist und Bratschist verdient gemacht, und ist nun schon seit über 15 Jahren auch als Dirigent erfolgreich.

 

opernmagazin.de: Als Solomusiker an der Violine und Bratsche gastieren Sie weltweit mit den renommiertesten Orchestern und bekanntesten Dirigenten. Was führt Sie ausgerechnet in den Süden Norwegens, nach Kristiansand?

Julian Rachlin: Es muss nicht immer London, New York oder Paris sein! Vor vielen Jahren wurde ich nach Kristiansand als Gastdirigent eines Konzertes eingeladen und die Chemie zwischen dem Orchester und mir hat sofort gestimmt. Die Qualität der Musiker hat mich ziemlich überrascht es wurde eine Freundschaft daraus!

Kein Musiker scheut sich hier vor der Probe; es gibt keinerlei Routine. Und nicht nur mit dem Orchester, sondern auch im Management herrscht eine wunderbare Atmosphäre. Jährlich bin ich nun drei Wochen in Kristiansand und lerne das Orchester dabei immer besser kennen und darf von seinen Musikern stets etwas Neues lernen.

opernmagazin.de: Wie beschreiben Sie den Klang des Orchesters, des Kristiansand Symfoniorkester?

Julian Rachlin /Foto @ Ashley Klassen

Julian Rachlin: Das Orchester ist hungrig nach Musik! Musik als abstrakte Kunst lässt sich jedoch schwer in Worte fassen, denn die Musik selbst ist ja schon die eigene Sprache des Orchesters. Kristiansand hat ein sehr junges Orchester – es ist im Jahre 2003 gegründet worden – und steht damit noch in keiner Tradition. Vor dem Konzert hat man den Luxus von drei Tagen Probezeit, in welcher der Dirigent mit seiner eigenen Klangvorstellung und Vision die Musiker vom Werk faszinieren lassen kann. Die intensive Arbeit findet gleich im Konzertsaal mit seiner herrlichen Akustik statt. Durch meine ganz klare Probenstruktur schaffen wir für das Konzert einen Raum für – im besten Sinne des Wortes – „Improvisation“.

opernmagazin.de: Welche Beziehung haben Sie zu norwegischen Komponisten?

Julian Rachlin: Ich muss Sie mit dieser Antwort enttäuschen. Edvard Grieg ist natürlich das Hauptkonstrukt der norwegischen Musik, aber darüber hinaus habe ich mich nicht mit weiteren norwegischen Komponisten beschäftigt, gerade weil ich mich als Dirigent noch ausführlich mit dem Grundrepertoire befasse. Um die höchste Qualität zu halten begann ich strukturiert mit der Wiener Klassik und tastete mich dann erst langsam an die Komponisten der Romantik heran. Erst in einigen Jahren werde ich auch Musik aus der Gegenwart dirigieren. Als Instrumentalist bin ich sehr offen für neue Musik, studiere jedoch aufgrund
meiner vielfältigen Arbeit – ich habe eine Professur an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien – keine neuen Werke mehr ein.

opernmagazin.de: Seit 15 Jahren sind Sie – neben Ihrer Karriere als Solomusiker – als Dirigent tätig. Wie hat dies Ihren Musizierstil und Ihren Umgang mit den Orchestermusikern beeinflusst?

Julian Rachlin: Ich analysiere die Partituren ganz neu. Als Beispiel sei das Violinkonzert von Beethoven genannt, zu dem ich immer wieder zurückkehre, da die Solo-Violine unglaublich anspruchsvoll zu spielen ist. Schon als kleines Kind habe ich dieses Violinkonzert gespielt und sehe nun als Dirigent plötzlich das gesamte Bild. Die Geigenstimme erscheint mir nunmehr umso nebensächlicher, da ich mir Gedanken um das zweite Fagott oder das zweite Horn machen muss. Aus der eindimensionalen Sicht des Solisten an der Violine erlebe ich nun eine Art „Multi-Surround-Sound“.

Konzerthaus Kristiansand

opernmagazin.de: Welche Pläne haben Sie mit dem Orchester für die Zukunft?

Julian Rachlin: Wir werden gemeinsam Schostakowitschs 5. Sinfonie und „Don Juan“ von Richard Strauss einstudieren. Ebenso sind Brahms und Prokofjew ein großes Thema für die nahe Zukunft. Ich bin zwar in Wien – und in der Tradition seiner Komponisten – aufgewachsen, habe zu den russischen Komponisten jedoch eine besondere Beziehung, da mein Vater aus Russland kommt und ich selbst die Sprache spreche.

Ich werde ständig meine Grenzen neu definieren, um zu erkennen, was ich gerade nicht kann. Von mir werden Sie niemals einen Paginini auf der Bühne hören. Ich spiele ihn auf der Violine fast täglich für mich persönlich, jedoch habe ich andere Erwartungen an einen Auftritt. Für Paganini sind meine Finger nicht geschaffen, denn die hierfür ganz eigene Technik wird nur von wenigen Instrumentalisten beherrscht. Ob diese Geiger dann auch einen langsamen Satz einer Brahms-Sonate genauso gut spielen können, ist ein anderes Thema.

opernmagazin.de: Vielen Dank für das Gespräch!

 

  • Das Gespräch führten Alexandra und Phillip Richter/Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Homepage Julian Rachlin
  • Fotos: Künstlerportraits@ Ashley Klassen / Titelfoto@ A. Richter

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