Und immer wieder Richard Wagner in Leipzig: Siegfried

Oper Leipzig/Opernhaus/ © Kirsten Nijhof

Was verbindet die Staatsoper Wien mit der Oper Leipzig? Als einzige Bühnen weltweit führen diese beiden Opernhäuser Richard Wagners vierteiligen Zyklus „Der Ring des Nibelungen“ fest im Repertoire und führen diesen mindestens einmal jährlich – ggf. mit zusätzlichen Vorstellungen der Einzelwerke – auf. Andreas Schager, John Lundgren, Iréne Theorin oder Elisabet Strid: Die Oper Leipzig lädt stets Solisten mit Rang und Namen für ihren Ring-Zyklus ein und stellt diese in eine Reihe mit den Ensemblesängern ihres Hauses. In dieser Wiederaufnahme waren es nun Stefan Vinke als wohl angesehenster Heldentenor der Gegenwart und Daniela Köhler, die bis dato weitestgehend unbekannte Sopranistin der Brünnhilde, welche die Wiederaufnahme dieser szenisch fragwürdigen Inszenierung von Rosamund Gilmore spannend machten. Daniela Köhler gab in Leipzig schon einen Vorgeschmack auf eben jene Gotteskriegerin Brünnhilde, die sie im Sommer 2020 bei der Festspielpremiere in Bayreuth verkörpern darf.

Zum diesjährigen Zyklus der Oper Leipzig im Januar 2020 berichtet DAS OPERNMAGAZIN vom Siegfried am 18. Januar und auch der am Tag darauffolgenden Götterdämmerung.(Verwendete Fotos von der Premiere aus 2015)

 

Die Regisseurin Rosamund Gilmore bebildert in zeitloser Ästhetik irgendwo zwischen Märchen und Industrialisierung unter Zuhilfenahme eines Tanzensembles – „Mystische Elemente“ genannt – die Handlung von Richard Wagners Epos. Ihre teils belustigende, aber mitunter arg alberne Erzählart führt beispielsweise zu einer Fafner-Szene, die dem Publikum eher das Lachen als das Fürchten lehrt. Indem Gilmore den Kern ihrer Inszenierung als Choreographie ausbildet, schlägt sie eine Brücke zwischen modernem Regietheater und klassischer Inszenierungsästhetik. Womöglich entstand dieser Ring-Zyklus als Konsens einer Stilentwicklung zum Wunsch eines größtmöglichen Zuspruchs des vielseitig interessierten Publikums eines Repertoiretheaters.

Oper Leipzig/Siegfried/Foto ©Tom Schulze

Die schon zur Premiere vielkritisierte Inszenierung Gilmores folgt hierbei einer Regie-Ästhetik, wie sie Anfangs des letzten Jahrzehnts zunehmend für Richard Wagners Ring-Zyklus auf der Opernbühne realisiert wurde: Einen getanzten Ring gab es zu der Zeit schon in der Kooperation des Teatro alla Scala mit der Staatsoper Berlin von Guy Cassiers oder auch in Andreas Kriegenburgs visuell spektakulärer Deutung an der Bayerischen Staatsoper München. Allesamt vermeiden diese Inszenierungen eine konkrete Deutung und versuchen sich – mal mehr oder weniger erfolgreich – durch optische Illusionen einer visuellen Näherung dieses Werks, um so die Fantasie des Publikums zu beflügeln. Kaum eine Neuinszenierung des Siegfrieds scheint heutzutage ohne einen tanzenden Waldvogel auszukommen?

Und genauso ist auch diese Inszenierung der Oper Leipzig aus einer gewissen Strömung zu betrachten und bei genauerem Hinsehen eigentlich ein folgerichtiger Schluss für das Repertoiretheater: Die Kontinuität des Zyklus stellt das Tanzensemble als konstante Größe her, während für jede szenische Wiederaufnahme ein Austausch der Gastsolisten aufgrund mangelnder Personenregie reibungslos möglich bleibt. Gleichsam öffnet sich der komplexe Ring-Zyklus von Richard Wagner aufgrund seiner naiven, oberflächlichen Erzählweise einer Choreographie einem möglichst breitgefächerten Publikum. Für das Feuilleton ein Ärgernis, für den Wagnereinsteiger womöglich eine Offenbarung.

Den stimmigen Orchestereinsätzen des Gewandhausorchesters hörte man an, wie präzise und akkurat Ulf Schirmer – Ehrensache, dass er als GMD und Intendant sämtliche großen romantischen Opern von Strauss und Wagner persönlich dirigiert – den Ring-Zyklus musikalisch einstudiert hat. Solch orchestrale Ergebnisse zeugen von einem Anspruch an höchste musikalische Qualität. Bedauerlicherweise blieb Schirmer in seiner Interpretation der Partitur Richard Wagners äußerst objektiv und zahm. Obgleich ihm einige der besten Orchestersolisten ihres Faches zur Verfügung standen, wagte er wenig und blieb bei gemächlichen Tempi stets auf der sicheren Seite. Gleichsam begleitete er seine Solisten sorgsam. Schirmer verstand sein Handwerk, einen Orchesterklang zu erzeugen, der die Stimmen gut durchhören ließ. Größere dynamischen Abstufungen, mehr Accelerando oder mal eine Generalpause hätten den Abend trotz träger Regie zumindest musikalisch spannend werden lassen können. So blieb es bei technisch und handwerklich exzellenter Arbeit, der man jedoch das gewisse Etwas, das entfesselte Feuer der Brünnhilde, vermisste.

Oper Leipzig/Siegfried/Foto ©Tom Schulze

So waren es schlussendlich die durchweg exzellenten Solisten, die den Abend unvergesslich werden ließen: Stefan Vinke gastiert in der Partie des Siegfried an sämtlichen großen Opernhäusern der Welt. Sein dunkles Timbre in der festen Stimme, mit der er ohne Ermüdungserscheinungen die Spitzentöne erreichte, sucht seinesgleichen. Vinke gelang in dieser unerreichten Darstellung eine musikalische Rollengestaltung, die stets auf der Gesangslinie blieb, ohne dem Forcieren von Einzeltönen zu erliegen. Dan Karlström wird als Ensemblemitglied mit seiner spritzig-witzigen, fast schon karikierender Gestaltung des Zwergs, als „Mime vom Haus“ in die Geschichte der Oper Leipzig eingehen. Ebenso wusste auch Karin Lovelius, die für zahlreiche Mezzorollen bekannt ist, der Altpartie Erda gerade aufgrund ihres tiefen Timbres eine besonders eindrückliche Darstellung zu verleihen. Iain Paterson gestaltete mit voluminösem Klang einen noblen Wanderer.

Bayreuth 2020: You are in for a treat! Daniela Köhler wurde zur Überraschung schlechthin als die Bayreuther Festspiele die Besetzung der anstehenden Festspielpremiere, Wagners Ringzyklus, verkündet haben. Die bis dato weitestgehend unbekannte Sopranistin Daniela Köhler – die neben den Walkürenschwestern bislang einzig die Rollen der Sieglinde und Leonore im dramatischen Fach vorweisen kann – wird in der Oper „Siegfried“ die Rolle der Brünnhilde verkörpern. Einen Vorgeschmack dieser Partie ließ Daniela Köhler nun an der Oper Leipzig hören. Ihre große, helle und gleichsam voluminöse Stimme verband sie mit einem angenehmen Vibrato und – für Sopranpartien die Königsdisziplin – einer deutlichen Aussprache. Ihrer vorbildlichen Gesangstechnik sei Dank wusste sie die Melodien in einen großen Bogen zu spannen, an den richtigen Stellen zu atmen und mit einer leidenschaftlichen Hingabe das Publikum zu fesseln.

Gerade aufgrund dieser abwechslungsreichen Solistenbesetzung – gelegentlich ein gelungenes Rollendebüt, hervorragende Solisten des Ensembles und ein renommierter Star des Wagnerfachs – sind alle Teile des Leipziger Rings auch zukünftig immer wieder einen Besuch wert! Die Oper Leipzig fällt bei der Aufführung der Werke Richard Wagners stets positiv auf, denn wie dieser Ring-Zyklus wieder gezeigt hat, zeigen die Verantwortlichen stets ein gutes Händchen bei der Besetzungswahl.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Leipzig / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Leipzig/Siegfried/©Tom Schulze | alle Fotos von der Premiere am 12.04.2015 

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