Konzert zur Saisoneröffnung 2018/19 in der Elbphilharmonie im Zeichen französischer Komponisten

NDR Elbphilharmonie Orchester Opening Night, Krzysztof Urbański, Elbphilharmonie, Großer Saal 01.09.2018/Foto @ Claudia Hoehne
NDR Elbphilharmonie Orchester Opening Night, Krzysztof Urbański, Elbphilharmonie, Großer Saal 01.09.2018/Foto @ Claudia Hoehne

Der Sommer geht – die neue Elbphilharmoniespielzeit 2018/ 2019 kommt – und wie! ( Bericht vom Konzert v. 1. September 2018 )

 

Der Abend der Opening Night der Saison 2018/19 der Elbphilharmonie stand ganz im Zeichen französischer Komponisten: Maurice Ravel, neben Claude Debussy bekanntermaßen der wichtigste Vertreter des Impressionismus‘ in der Musik und Guillaume Connesson, der 1970 in Boulogne-Billancourt geboren wurde.

Die Rezension eines rein sinfonischen Konzerts ist immer eine besondere Herausforderung, fehlt doch das Ausweichen können auf die Schönheit und Strahlkraft von Stimmen, der Worte, das Einbeziehen der optischen Reize. Nein, hier gibt es allein das Werk des Komponisten. Und das Orchester, das es unter der Leitung des Dirigenten erklingen lässt und so auch oftmals Geschichten erzählt. Es gibt keine sichtliche Handlung und der optische Reiz besteht in erster Linie aus Instrumenten und einem Meer aus sie haltenden und sich wiegenden Menschen in Schwarz und ein wenig Weiß.

Krzysztof Urbański und dem NDR Elbphilharmonie Orchester gelingt es jedoch mühelos, neben absolutem musikalischen Genuss, dem Publikum eigene Bilder, ja Geschichten, nicht nur hören, auch vor dem inneren Auge  sehen und  spüren zu lassen.

Draußen, tief unter dem großen Saal geht die Sonne im für Hamburg typischen, pinkstichigen, Orange unter, als sie im Saal akustisch aufgeht. Denn das Konzert beginnt mit der 2.Suite des sinfonischen Fragmentes zu Maurice Ravels Ballett Daphnis et Chloé, deren 1. Teil „Lever du Jour/Tagsanbruch“ heißt. Optisch wird der Satz des Werkes, dem Ravel selbst auf Grund der kompositorischen Form, den Untertitel „Symphonie choréografic“ geben wollte, davon das die Wand hinter der Orchesterplattform in rotes Licht getaucht ist, welches im Laufe des Satzes immer heller wird. Wie bei einem tatsächlichen Sonnenaufgang. Eine stimmungsvolle Idee, die jedoch zum Verständnis nicht wirklich benötigt wird. Urbanski und das NDR Elbphilharmonie Orchester machen das Flirren der Luft, die sich ins Crecendo steigernde Kraft der aufgehenden Sonne an einem frühen Morgen, das Erwachen der Natur, der Vögel, die Flötenmelodie eines noch fernen Hirten, mit wahrer musikalischer Empathie hörbar. Ebenso wie die Zartheit und Leidenschaft, einer Liebesgeschichte im 2. Satz „Pantomine“ mit einem von Wolfgang Ritter wirklich virtuos dargebotenen Flötensolo. Der letzte Satz dann beginnt mit einem „Danse générale/Schlusstanz“, der in einem furiosen und mitreißenden „Bacchanale“ endet. Das Publikum ist begeistert.

Elbphilharmonie Hamburg / Großer Saal/ Foto @ Michael Zapf
Elbphilharmonie Hamburg / Großer Saal/ Foto @ Michael Zapf

Auch für das nächste Werk zeichnet Maurice Ravel verantwortlich: „Konzert für Klavier und Orchester, G-Dur“mit dem Pianisten Bertrand Chamayou, der für den ursprünglich vorgesehenen, Jean-Yves Thibaude kurzfristig eingesprungen ist. Das Zusammenspiel zwischen ihm und dem Orchester in diesem ebenfalls 3-sätzigen Stück, kann perfekter nicht klingen. Das gilt für das gesamte Orchester, wie aber auch die zahlreichen kurzen Soli, in den Blech- und Holzbläsern, deren Protagonisten ich leider nicht namentlich nennen kann.
Bertrand Chamayou ist ein Künstler, dessen Vortrag von sichtlicher Spielfreude, aber frei von effektvollen Gesten ist. Er wirkt hoch konzentriert, spielt ohne Noten und lässt seine Finger beim fröhlich, schnellen 1. Satz (Allegramente) über die Tasten fliegen. Beim eher gemächlichen „Adagio assai“ dann, bekommt die brillante Leichtigkeit des Werkes, einen melancholischen Touch. Sanft, fast zärtlich, doch stets mit der verlangten Kraft und Lautstäke berührt Chamayou die Tasten seines Instrumentes, um dann im Presto wieder in Vollen zu gehen.
Als Zugabe brachte der sympathisch und bescheidene wirkende Künstler ein weiteres Werk von
Ravel zu Gehör: Pavane pour une infante défunte“, ein Stück, das einen angenehmen Kontrast zu den eher dramatisch oder kraftvollen anderen Werken bietet.

Nach der Pause dann, ein Werk des jungen Komponisten Guillaume Connesson, nach einer Geschichte des Horror-Fantasy Autors H.P. Lovecraft (1890-1937), der noch heute Musiker verschiedener Genres (z. B. Metallica) , und andere, inspiriert. Connessons „Les trois cités de Lovecraft“ gefallen und inspirieren zum träumen, auch wenn man, weder die Kurzbeschreibung, hinter den drei Städten/Sätzen: „Celephaïs  „Kadath“ und „La Cité du soleil cochant“  liest, noch sich eingehend mit der Beschreibung im Programmhefft beschäftigt.

Für mich haben die „Cités“ viel von Filmmusik, die gut zu Darkfantasy oder auch Filmes noires passt, auch weil es atonale Passagen gibt und ungewöhnliche Klangkörper, wie die Windmaschine. Vom ersten Ton an wird der Zuhörer in eine Geschichte entführt, in eine Welt von Angst und Verfolgung, Helden, geheimnisvollen Festen.

Auch hier brillieren die NDR-Elbphilhamoniker unter der Leitung von Krzysztof Urbanski durch ihr Zusammenspiel, ihre Einheitlichkeit. 

Es ist, abgesehen von der Zugabe, das letzte Werk, das er an diesem Abend dirigiert. Das letzte Stück, mit dem der junge Dirigent nicht nur durch seine Interpretation begeistert, sondern auch durch die Art wie er das Orchester führt. Er ist ebenfalls einer jener „immer-Musiker“, die keiner Posen oder großen Gesten bedürfen um ihr Können zu zeigen. Seine Anweisungen werden ästhetisch weich oder auch exakt zackig dargeboten, doch selbst wenn er manchmal, ganz in der Musik gefangen, auf der Stelle zu tanzen scheint , fehlt es ihm stets an Übertriebenheit oder Manieriertheit. Nein, wie er sich bewegt, bestätigt eigentlich nur die Berechttigkeit der Bilder und Gefühle, die die jeweilige Musik heraufbeschwört.

Der Abschluss des Abends waren „Les trois cités“ jedoch nicht, denn es gebührte Maurice Ravels „Boléro“, einen genussvollen Abend zu einem ebensolchen Ende zu bringen. Es ist etwas, das Urbanski nicht zum ersten Mal macht. Etwas das die Qualität des Orchesters, wie auch seiner Zusammenarbeit mit diesen Musikern auf eine für das Publikum unterhaltsame Art und Weise zum Ausdruck bringt. Wie es sich gehört verbeugt er sich vor Beginn des Stückes, aber nur um Podest und Bühne sofort wieder zu verlassen und es sich, nun auch ganz Zuschauer, auf einem freien Platz bequem zu machen. Eine Geste die erfrischend selbstsicher oder gar selbstironisch, mit der ewigen Frage spielt: Braucht ein Orchester eigentlich wirklich einen Dirigenten?

NDR Elbphilharmonie Orchester Opening Night, Krzysztof Urbański, Elbphilharmonie, Großer Saal 01.09.2018/Foto @ Claudia Hoehne

Die NDR- Elbphilharmoniker bieten eine „führungslose“ Interpretation eines Stückes, das zu den bekanntesten der neueren Klassik gehört, immer wieder gerne auch in der Werbung verwendet und leider nur selten in seinem ursprünglichen Sinne, als Tanzstück/Ballett aufgeführt wird. Doch auch in sinfonischer Aufführung ist die Steigerung von Zurückhaltung bis hin zu Extase, im immer selben Rhythmus, zweifellos hör- und spürbar. Dieses Stück fasziniert durch eine kompliziert komplexe Einfachheit und Eingängigkeit, die durch das unaufhörliche Hinzufügen von Instrumenten nie eintönig wird.

Auch ohne Dirigenten klappt alles wie am berühmten Schnürchen, Gänsehaut entsteht, großäugiges Staunen und Bewunderung für die Ausführenden, deren Spiel, deren Deutung hier und da doch neues zu bieten scheint. Hat das Legato der Streicher nicht hier und da etwas mehr Schmelz als gewöhnlich, wirkt das Spiel der Solisten nicht doch etwas prägnanter?

Wie man diese Fragen auch für sich entscheiden mag, die Version ohne Krzysztof Urbanski, war ebenso großartig wie der Teil mit ihm, den er als Zugabe wählte.

Es war ein beeindruckender Abend mit fantastischen Künstlern und einem Dirigenten, der es sich nicht nehmen ließ, jeden Solomusiker einzeln aufstehen zu lassen um den wohlverdienten tosenden Applaus entgegen zunehmen.

Ein Konzert in der „Elphi“ ist nicht nur ob der Architektur, der Akkustik und der dort gastierenden Künstler ein Genuss, es ist auch immer wieder schön zu erleben, dass das Publikum, sich annähernd unisono mit Standing Ovation für ein solches Erlebnis bedankt.

 

  • Besprechung des Saison-Eröffnungskonzert am 1.9.2018 von Birgit Kleinfeld
  • Website der Elbphilharmonie
  • Titelfoto: NDR Elbphilharmonie Orchester Opening Night, Krzysztof Urbański, Elbphilharmonie, Großer Saal 01.09.2018/Foto @ Claudia Hoehne

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