Nationaltheater Mannheim: „Hippolyte et Aricie“ am 1.5.21 – Stream/Rezension

NTM/Hippolyte/Patrick Zielke (Jupiter/Pluton), Amelia Scicolone (Aricie) /
Foto @ Christian Kleiner

Die erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckte französische Tragédie lyrique, das Opernerstlingswerk von Jean-Philippe Rameau, „Hippolyte et Aricie“, nach einem Libretto von Simon-Joseph Pellegrin nach Jean Racines „Phédre“, das am 1. Oktober 1733 in der Académie Royale de Musique Paris zur Uraufführung kam, und zweimal vom Komponisten umgearbeitet wurde, kam gekürzt und erweitert am 1. Mai 2021 von 19 Uhr bis 21.10 Uhr per Stream in französischer Sprache mit deutschen, französischen und englischen Untertiteln, zur Mannheimer Erstaufführung. Vom 21. bis 24. April 2021 war die Aufführung ohne Publikum im Nationaltheater voraufgezeichnet worden. 

 

In vorpandemischen Zeiten war die Mannheimer Premiere für den März 2020 angesetzt worden, musste aber kurz vor der ersten Hauptprobe pandemiebedingt abgebrochen werden und konnte erst im Folgejahr online zur Aufführung gelangen. Für die Onlinerealisierung unter Corona-Bedingungen stellte sich wie für viele andere Theater gleichermaßen die Frage nach der Einhaltung der Sicherheitsabstände, der Hygieneregeln, die Darstellung von Nähe und Intimität und die Reduzierung der Personenanzahl. Teile des Opernchores sangen in den Zuschauerlogen hinter Plexiglas, für die Chorsänger auf der Bühne und Teile der Solisten wurden Sicherheitsmasken und Handschuhe ins Kostüm integriert, die Technikeranzahl wurde verkleinert.

NTM/Hippolyte/Charles Sy (Hippolyte), Nikola Diskić (Thésee), Bewegungsstatisterie/
Foto @ Christian Kleiner

Die Opernhandlung in Kurzfassung: Als sich König Thésée in den Hades begibt, verbannt seine Witwe Phédres die Geliebte Aricie ihres Stiefsohnes Hippolyte in einen Tempel und gesteht ihm ihre Liebe, doch Hippolyte weist sie zurück. Er soll Phédres auf deren Wunsch mit einem Schwert töten, da erscheint Thésée, aus der Unterwelt zurückgekehrt. Oenone, die Amme von Phédres, belügt den Rückkehrer, Hippolyte habe seine Stiefmutter töten wollen, da sie ihn zurückgewiesen habe. Der Meeresgott Neptun, Vater des Thésée, soll Hippolyte ermorden, er verschwindet in den Flammen. Als sich Thésée verzweifelt umbringen will, erscheint Diana, die Hippolyte vor dem Tod gerettet hatte und ihn zum König der Waldbewohner ernannte, wo er seine Geliebte Aricie heiratete, und gibt ihm Entwarnung. Doch Thésée sieht seinen Sohn nicht wieder.

Eine eigene musikalische Fassung mit Kürzungen zur Reduzierung der Stückdauer (von drei Stunden auf ca. zwei Stunden), der Einfügung von gesprochenen Texten, eine Reduktion des Prologs, die Integration von Geräuschen und Musik aus anderen Rameau-Werken wie die Arie „Tristes apprets“ aus „Castor und Pollux“, wurden gerechtfertigt mit vagen Corona-Bedingungen. Die Musik erklang durch das Orchester des Nationaltheaters Mannheim unter Leitung des Barockspezialisten Bernhard Forck nicht in historisch informierter Aufführungspraxis, da Forck dies als Musealität ablehnt, vielleicht auch aus finanziellen oder organisatorischen Gründen, sondern in einer Mischung aus modernen und historischen Instrumenten wie Cembalo, Laute und Gambe für den Basso continuo, in moderner Stimmung, also einen Ganzton höher als in der barocken Stimmung. Doch war das Orchester im allgemeinen Getöse kaum zu hören. Im fünften Akt trat eine Musette, eine Art Dudelsackinstrument, das extra nachgebaut wurde, hinzu. Die Bühne (Paul Zoller, Loriana Casagrande) war durch ein Wirrsal an Requisiten, Bühnenbildern, die hoch und runter fuhren oder in der Luft hängen blieben, förmlich verstellt und wirkte wie ein Requisitenlager.

NTM/Hippolyte/ Nikola Diskić (Thésee), /Foto @ Christian Kleiner

Den Einstieg in die Tragédie lyrique brachte eine 20-minütige Handlungsnacherzählung durch Phédre im rosa Ballett-Tutu mit rosa Federbusch im Haar (Kostüme: Katharina Gault), die die berechtigte Frage nach der Notwendigkeit der Werkkürzungen aufwarf, wenn doch noch genügend Zeit blieb, um werkfremde Nacherzählungen als Vorspann einzufügen. Die österreichische Mezzosopranistin Sophie Rennert, sang als Gast diese Partie, in der ständige Barockkostümwechsel nötig waren, vom rosa Ballett-Tutu, zum blauen Reifrockkleid mit blauer Riesenschleife, zur weißen Korsage und schwarzer Trauerkleidung, als Thésée, der in dieser Inszenierung Selbstmord verübte, verstorben war. Sie glänzte mit warmen Timbre in schauspielerisch einwandfreier Leistung. Nikola Diskić als König Thésée ist ein moderner Monarch im schwarzen Anzug, weißem Hemd und königlich blauer Schärpe, beeindruckend durch seine füllige Tiefe und die Ausdrucksstärke seines kernigen Baritons. Der mehrfach preisgekrönte Charles Sy, seit 2019/20 Ensemblemitglied im Opernstudio der Staatsoper Stuttgart, als Hippolyte, ebenfalls in moderner Kleidung, überzeugte mit wohlklingendem, kraftvollem Tenor, krönte sich selbst und verstarb, entgegen der Handlung, mit sehr viel Theaterblut, – weniger ist oftmals mehr -, und verließ nach Erweckung durch Diana mit Rollkoffern und Handtasche mit seiner nunmehrigen Ehefrau Aricie, angedeutet durch Anlegen des weißen Schleiers, den Theatersaal. Die Italo-Schweizerin Amelia Scicolone, seit 2017/18 fest am Haus, mit schwarzer lockiger Hochfrisur, in moderner schwarzer Kleidung mit weißem Top und Handtasche, brillierte mit hellem, leichtem Koloratursopran. Patrick Zielke, Mitglied des Hauses seit 2017/18, überzeugte gesanglich als Jupiter mit barocker Lockenperücke, weiß geschminktem Gesicht und goldenem Barockkostüm und Gehstock, mit wunderbar geführtem profundem Bass. Die Südafrikanerin Estelle Kruger, seit 2013/14 im Ensemble, als Aricie, die Hippolyte mittels goldenem Konfetti zum Leben erweckte, ebenfalls im Barockkostüm mit braun-oranger Lockenperücke und großer Perlenkette, beeindruckte mit warmem Sopran in reinem Gesang. Hinzu kamen in soliden Leistungen die Mezzosopranistin Marie-Belle Sandis, seit 2003/04 im Ensemble, als Oenone / Amour in schwarzem Kleid mit Trauerumhang, der lyrische Tenor Uwe Eikötter, seit 1999 am Haus, als Tisiphone, und als  drei Parzen, bewaffnet und in Tarnanzügen, die Tenöre Christopher Diffey und Raphael Wittmer, seit 2014/15 im Ensemble sowie der Bariton Marcel Brunner, seit 2020/21 im Festengagement. Hinzu kam der kraftvolle Opernchor des Nationaltheaters Mannheim (Chorleitung: Dani Juris) in Barockkostümen mit irritierenden Nummern, die teilweise hinter Spuckschutzwänden im Rang, teilweise maskiert tanzend (Choreographie: Pascale-Sabine Chevroton) auf der Bühne interagierten. Statisterie und Bewegungschor des Hauses traten als Demonstranten mit Plakaten, überwiegend nackte Frauen, und als Mitglieder der Gesellschaft auf. Ein Statist in gelben Engelsflügeln spielte auf einer Musette, ein schwarzes und ein weißes Pferd tanzten über die Bühne und ein Pferd mit Kutsche transportierte den Sarg des Königs. Später traten rote Teufel hinzu, die Hippolyte und Aricie darin hinderten, in ihrem Auto von der Bühne zu sausen. Fackelträger kamen zum Begräbnis, Paparazzi verfolgten Hippolyte und Aricie. Hier hätte man eindeutig Personal einsparen können.

NTM/Hippolyte/Bewegungsstatisterie/
Foto @ Christian Kleiner

Die Inszenierung von Lorenzo Fioroni wird zum Opern-Kabarettstück, die in großen Teilen kaum mehr etwas mit Barockmusik zu tun hat, so fängt die eigentliche Tragédie lyrique erst nach 20-minütigem unnötigem Einführungsgeplauder an, später werden werkfremde Zwischentexte eingebaut, das wirft wiederum die Frage auf, weshalb dann so einschneidende Kürzungen in der Partitur vorgenommen werden mussten. Bereits ab Opernbeginn herrschte großes Durcheinander, mit halbnackten weiblichen Demonstrantinnen auf der Bühne, die für die Liebe auf die Straße gingen, überhaupt findet der Regisseur während der ganzen Aufführung viel zu viel Gefallen an nackter weiblicher Haut. Hektische Bildwechsel und viele Videoeinblendungen (Video: Christian Weissenberger) sorgen für eine förmliche Reizüberschwemmung, die die Musik und damit auch die Sänger*innen, auch das Orchester ist kaum hörbar, ganz in den Hintergrund drängen. Die Besetzung von König Thésée und seinem Sohn Hippolyte ist unglaubwürdig, da beide altersmäßig und von der Statur her nicht zur Rolle passen. Bei der verstörenden Mischung aus historischen und aktuellen Elementen drängt sich die Frage auf, warum manche Figuren in modernem Outfit, andere wieder in historischen Barockkostümen das Geschehen dominieren. Eine absolut desaströse Inszenierung, die dem Werk in keinem Augenblick gerecht zu werden verstand. Schade, um die stimmlich ausgewogenen Leistungen der Solist*innen,-  schauspielerisch war ihnen kein großer Spielraum gelassen -, die kaum zur Geltung kamen.

 

  • Gastrezension von Dr. Claudia Behn für Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Nationaltheater Mannheim / Stückeseite
  • Titelfoto: NTM/Hippolyte/Sophie Rennert (Phèdre), Chor, Bewegungsstatisterie/Foto @ Christian Kleiner

 

 

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