Ballett Zürich: „DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZERN“ – Suche nach Wärme

Ballett Zürich/Das Mädchen mit den Schwefelhölzern/Michelle Willems/Foto @ Gregory Batardon

Wer kennt es nicht, das berühmte Märchen von Hans Christian Andersen, welches die traurige Geschichte vom Mädchen erzählt, welches am Silvesterabend auf die Strasse geschickt wird, um Schwefelhölzer zu verkaufen. Keiner der Vorbeigehenden jedoch will etwas von diesem armen Kind wissen und ignoriert es. Vor lauter Kälte schlotternd zündet es ein Schwefelhölzchen nach dem anderen an, um sich an dem Flämmchen zu wärmen. Sie beginnt von warmen Zimmern und einem reich gedeckten Tisch zu träumen, bis schliesslich ihre verstorbene Großmutter erscheint. Damit Sie diese möglichst lange bei sich behalten kann, zündet es die restlichen Hölzer an. Im Glanze dieses Lichts nimmt die Großmutter das Kind auf den Arm und sie fahren gemeinsam zum Himmel. Am anderen Morgen findet man das erfrorene Kind mit einem Lächeln im Gesicht auf der Strasse. Das BALLETT ZÜRICH bringt diese Erzählung auf eine ganz neue Weise auf die Bühne. (Rezension der Premiere vom 12.10.2019

 

CHRISTIAN SPUCK, bekannt für sein aussergewöhnliches Talent, immer neue Ausdrucksformen zu gestalten, hat sich lange mit der sehr anspruchsvollen klanglichen Begleitung des Werkes von HELMUT LACHENMANN’s Version dieses Märchens beschäftigt Am Opernhaus Zürich besteht besonders viel Bereitschaft, Neues zu wagen. Dort fanden Helmut Lachenmann und Christian Spuck die geeigneten Voraussetzungen, sich dieser enormen Herausforderung zu stellen. Helmut Lachenmann will mit dieser Partitur die Kälte und Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber den Mitmenschen hervorheben.

Er lässt auch die Terroristin Gudrun Ensslin auftreten, welche in ihrer Kindheit, mit der Familie des Komponisten, Hausgenossen im Tuttlinger Dekanat waren. Ensslin hatte 1968 in einem Frankfurter Warenhaus Feuer gelegt und hat später Menschen umgebracht. Dies, weil sie die politischen Ereignisse jener Zeit nicht ertragen konnte. Wie das Mädchen im Märchen, hat auch Sie «gezündelt» und wollte auf die Situation in der Gesellschaft aufmerksam machen, wurde jedoch ebenfalls ignoriert. Es wird auch ein Brief von Ihr zitiert. Dem Komponisten geht es nicht darum, diese Taten zu entschuldigen, sondern die Folgen der Ignoranz aufzuzeigen. Ensslin hatte sich schliesslich umgebracht. Das Mädchen wurde ein Opfer der Gleichgültigkeit.

Ballett Zürich/Das Mädchen mit den Schwefelhölzern/Michelle Willems u. Ballett/Foto @ Gregory Batardon

Ebenfalls wird ein Brief von Leonardo da Vinci vorgelesen, welcher eine Wanderung in einem Vulkangebiet beschreibt. Er schrieb darin über die Angst und Neugier vor der Naturgewalt, in einer Gegend wo, das Schwefel gewonnen wird und somit den Bezug zum Mädchen mit den Schwefelhölzern herstellt.

HELMUT LACHENMANN erscheint auf der Bühne um in staccato gesprochenem Stil diesen Brief zu zitieren. Auch hier ist man aufgefordert, genau hinzuhören. Das Werk mit der Musik, oder in diesem Fall sollte man sagen anspruchsvollen Klangkulisse, von HELMUT LACHENMANN, wurde 1997 in Hamburg uraufgeführt. Es erschien seither immer wieder auf den Programmen. Heute keine Selbstverständlichkeit! Eine der schwierigsten Aufgaben, welche man einem Orchester abverlangen kann, denn wir hören keine Melodien, welche einem umschmeicheln oder man sich merken kann.

Die ganze Partitur drückt die Kälte, das Leiden und die Trauer aus, welche dieser Geschichte zugrunde liegen. Fernab vom klassischen Spielen der Instrumente, stets aus neuen Varianten bestehend, entsteht ein Klangbild, welches die Musiker und das Publikum zum genauesten Hinhören auffordern. Ein Teil des Orchesters befindet sich im Zuschauerraum und in den Logen. Auf diese Weise entsteht ein ganz besonderes Erleben dieser Musik. Wohl kaum zu ahnen, was für eine spannende und herausfordernde Probenarbeit hier geleistet wurde.

Die PHILHARMONIA ZÜRICH unter der Leitung von MATTHIAS HERMANN, einem großen Kenner der Musik dieses Komponisten, haben dieses Kunststück virtuos gemeistert und man kann nicht genug Anerkennung für diese Leistung aussprechen. Besonders erwähnen muss man die beiden Sopranistinnen ALINA ADAMSKI und YUKO KAKUTA, welche ihre schwierigen Partien virtuos meisterten.

Die Flexibilität der BASLER MADRIGALISTEN unter der Leitung von RAPHAEL IMMOOS war ebenfalls sehr gefordert und boten eine sehr eindrückliche Leistung.

Ballett Zürich/Das Mädchen mit den Schwefelhölzern/M. Willems u. E. Antrobus/Foto @ Gregory Batardon

Die Choreografie und die Inszenierung von CHRISTIAN SPUCK, welcher sich vor ganz neue Aufgaben gestellt sah, findet in feinstens ausgearbeiteten Figuren und Ensembles genau den richtigen Ausdruck, um diese Geschichte zu erzählen. Es gelingen schaurig schöne Auftritte. Die Tänzerinnen und Tänzer des BALLETT ZÜRICH zusammen mit dem JUNIOR BALLETT konnten, nicht wie gewohnt, mit Zählen ihren Part erlernen, sondern mussten mit auf Bildschirmen eingeblendeten Nummern die einzelnen Aufgaben umsetzen. EMMA ANTROBUS und MICHELLE WILLEMS verkörpern die Mädchen, welche mit Ihrem Tanz und ihrer Ausstrahlung, viel Mitgefühl aufkommen lassen. Also genau das, was der Gesellschaft so fehlt und wovon diese Geschichte handelt. Was dieses Ballett einmal mehr geboten hat, ist eine enorme Leistung.

Zusammen mit seinem Bühnenbildner RUFUS DIDWISZUS und der Kostümbildnerin EMMA RYOTT wird der Bühnenraum zum düsteren Szenario dieser traurigen Handlung. Ungemein raffinierte Lichteffekte (MARTIN GEBHARDT) und Videos (TIENI BURKHALTER) erzeugen bedrückende aber auch bezaubernde Bilder. Die Idee, alle Teile der Partitur jeweils auf die Wand im Hintergrund zu schreiben, führt einem durch das Geschehen auf der Bühne. Besonders die Szene der Himmelfahrt ist von unheimlich ergreifender Schönheit.

Es handelt sich bei dieser Aufführung um ein Gesamtkunstwerk aller Beteiligten und man verlässt das Opernhaus mit vielen Eindrücken. Die wichtigste Voraussetzung für den Besuch dieser Aufführung ist die Aufgeschlossenheit, etwas ganz Neues zu erleben. Das Premierenpublikum jedenfalls hat sich mitreissen lassen und bedankte sich bei allen Mitwirkenden mit grossem Applaus.

 

  • Rezension von Marco Stücklin/RED. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Opernhaus Zürich / Stückeseite
  • Titelfoto: Ballett Zürich/Das Mädchen mit den Schwefelhölzern/E. Antrobus/Foto @ Gregory Batardon

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.