Stürmischer Tschaikowsky in den Schweizer Alpen: Khatia Buniatishvili beim Gstaad Menuhin Festival

Foto @ Gstaad Menuhin Festival & Academy

Khatia Buniatishvili, Klavier
Jaap van Zweden, Musikalische Leitung
Gstaad Festival Orchestra / 13. August 2021, Festival-Zelt Gstaad

 

Im alpinen, landschaftlich malerischen Saanenland findet allsommerlich auf etwa eintausend Höhenmetern das „Gstaad Menuhin Festival“ statt. Unter den unzähligen Klassikfestspielen ist dieses wohl als authentischstes Musikfestival der Alpenrepublik zu bezeichnen. Denn das Gstaad Festival Orchestra ist nicht aus der halben Welt angereist, sondern setzt sich aus Musikerinnen und Musikern der eigenen großen Schweizer Klangkörper zusammen, wie beispielsweise dem Philharmonia Zürich und dem Kammerorchester Basel. Wie in vielen Regionen des Landes, spürt man auch hier den Reichtum seiner Gäste. Während man andernorts in St. Moritz sein Geld gerne zur Schau stellt, zeigt sich dieser „diskrete Luxus“ in Gstaad freundlich und einladend, geradezu sympathisch. Die gesamte Stadt ist autofrei, hier protzt niemand mit teuren Fahrzeugen, das Publikum geht wie selbstverständlich zu Fuß zur Spielstätte. Man definiert in Gstaad eben Luxus nicht nur über das Geld, sondern eben durch Kultur und musikalische Exzellenz. Erfreulicherweise ist auch das Publikum sehr gemischt, viele internationale Gäste, darunter zahlreiche junge Menschen. Am Festival-Zelt geht es recht leger zu und auch auf der Bühne verzichten die Herren des Orchesters auf den Frack. Sie musizieren lieber im weißen Hemd – Gemütlichkeit nach Schweizer Art!

Konzert 13.08., Festival-Zelt Gstaad Foto: Raphaël Faux

Trotz seiner rasant aufsteigenden internationalen Karriere mit seiner Berufung zum Music Director der New York Philharmonic bleibt Jaap van Zweden dem Gstaad Festival Orchestra treu und eng verbunden. Im Alter von nur 18 Jahren wurde er als Violinist der jüngste Konzertmeister in der Geschichte des niederländischen Concertgebouw-Orchesters. Leonard Bernstein animierte ihn schließlich dazu, einmal den Taktstock in die Hand zu nehmen und the rest ist history! Mittlerweile wird Jaap van Zweden in den Benelux-Ländern als Stardirigent überall hochgeschätzt, im deutschsprachigen Raum blieb er jedoch weitestgehend unbekannt und die Berliner und Wiener Philharmoniker hat er lediglich einmal dirigiert.

Mit der Ouvertüre zur Oper „Oberon“, die Geschichte um den Elfenkönig aus der Feder Shakespeares, eröffnete van Zweden beschwingt und lebhaft das Konzert mit dem Titel „Composed for London“. Denn Carl Maria von Weber brachte seine Oper im Royal Opera House zur Uraufführung. Sogleich zeigte sich, dass das Festival-Zelt durch seine holzverkleidete Bühne, eine Art Muschel, mit einer annehmbaren Akustik überzeugen kann.

Konzert 13.08., Festival-Zelt Gstaad Foto: Raphaël Faux

Inwiefern das darauffolgende 1. Klavierkonzert von Tschaikowsky unter dem Programmtitel seinen Platz gefunden hat, schweigt sich selbst das Programmheft aus, es ist aber auch recht unerheblich, denn mit dem Auftritt der energischen Khatia Buniatishvili am Klavier rückten thematische Bezüge schnell in den Hintergrund. Sie jagte durch Tschaikowsky Partitur in rasanten Tempi mit dynamischen Übergängen, wiegte sich gleichermaßen dabei in technisch absoluter Sicherheit – einfach fabelhaft! Mit ihrer gewaltigen Bühnenausstrahlung, schwarzes Kleid vor schwarzem Flügel, zog sie nicht nur ihr Publikum, sondern auch das Orchester in ihren Bann und spielte den Dirigenten förmlich an die Wand. Van Zweden nahm es sportlich und bettete seine Klaviersolistin in einen wuchtigen, dunklen Klang. Etwas mehr Empfindsamkeit hätte der Dirigent durchaus walten lassen dürfen, so sind in seinen Wogen die Details von Buniatishvili stürmischen Klavierläufen etwas untergegangen.

Dvořák komponierte seine siebte Sinfonie in d-Moll, op. 70 für die Royal Philharmonic Society in London, die ihn kurzerhand zum Ehrenmitglied ernannte, wodurch auch der programmatische Bezug des Abends wiederhergestellt wurde. Mit diesem Werk bewies der Dirigent Jaap van Zweden endlich seine eigene Weltklasse, als auch die des Gstaad Festival Orchestra. Mit dem dritten Satz, dem Scherzo, lies er den Abend zur orchestralen Sternstunde werden.  Mutig versah er die tänzelnden, entgegenläufigen Orchesterläufe mit jeweils eigenen Klangfarben, lies die Instrumentengruppen wild auseinandergehen um sie schlagartig – die Musikerinnern und Musiker wirkten wie in Trance unter seinem Dirigat – wieder zusammenzuführen. Weitere Auftritte des Gstaad Festival Orchestra sind in diesem Sommer exklusiv beim Rheingau Musik Festival in Wiesbaden zu erleben.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Gstaad Menuhin Festival
  • Titelfoto: Konzert 13.08., Festival-Zelt Gstaad Foto: Raphaël Faux

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