Speculum Maius – eine XR Oper

Ihr Ziel: ein neues Kapitel der Operngeschichte aufschlagen.

Ihr Referenzmedium: eine mittelalterliche Enzyklopädie.

Ihre Methode: digitale Kommunikationsstrukturen einsetzen.

Hört sich kryptisch an?

Bringen wir Licht ins Dunkel – was das Projekt, den Plan und die Protagonisten angeht.

 

 

Quo vadis, Oper? Dieser Frage widmen sich zurzeit renommierte Häuser wie die Oper am Staatstheater Augsburg, die Semperoper in Dresden und die finnische Nationaloper in Helsinki. Was allen dreien gemeinsam ist? Sie experimentieren mit den Mitteln der AR (augmented reality), der VR (virtual reality) und der XR (extended oder cross reality), also der erweiterten, der virtuellen und der übergreifenden Wirklichkeit. In Bonn bringt jetzt ein Kreativteam zwar in Kooperation mit, aber konzeptionell unabhängig von der Oper Bonn eine XR Oper auf die Bühne. Ein dezidiert innovativer Ansatz, der einen riesigen Bogen schlägt von einem Stubengelehrten des Dominikanerordens im 13. Jahrhundert bis zur Performance Art und der digitalen Kommunikation unserer Tage.

Über eine Internet-Plattform verständigten sich der Regisseur Martin Butler, die Komponistin Wen Liu und der Dramaturg Benedikt Holtbernd auf ein Kick-off Projekt für ein neues, digital-operales Zeitalter. Spontan einigten sie sich darauf, die umfangreiche Enzyklopädie des Mönchs Vincent de Beauvais als Urtext zu nutzen. Er arbeitete mit allen bekannten schriftlichen Quellen der Antike und verfasste seine Trilogie des Speculum naturaleSpeculum doctrinale und des Speculum historiale auf Latein; Ludwig IX stellte ihn als Bibliothekar am französischen Hof ein und sorgte so für das ungestörte Forschen und Schreiben. Das Ergebnis bildete das gesamte Wissen der damaligen Welt ab.

Zwischen den 12 Bänden der Universalkenntnis des Jahres 1264 bis zu den unendlichen Weiten und Tiefen der digitalen Galaxien liegen Welten. Aus dieser Diskrepanz ergaben sich für das Konzeptionsteam die grundlegenden Fragen an sich selbst, an Inhalt und Form der zu schaffenden Oper, an die Zuschauer und an den Zugang zu allgemeinmenschlichen Fragen. Benedikt Holtbernd übertrug Passagen des Speculum naturale, einer quasi Schöpfungsgeschichte oder Abhandlung über die Entstehung der Natur, ins Deutsche. Aus signifikanten Argumenten schuf er Dialoge auf Deutsch, die dann im Team als work in progress dekonstruiert und mit englischen Phrasen gemischt als „Libretto“ notiert wurden. Das Resultat: eine bewusst eklektisch verfahrende Dramaturgie ohne stringente Handlung.

Aber Gesang wird es geben: unter anderem schwierige Vierteltöne. Die Solistinnen und Solisten Ingrid Bartz (Mezzosopran), Ava Gesell (Sopran), Johannes Mertes (Tenor) und Mark Morouse (Bariton) gehören zum Ensemble der Oper Bonn. Sie bilden den Kooperationsbeitrag des Theater Bonn zum Speculum Maius. Alle haben bereits moderne Kompositionen gesungen und lassen sich nun mit dieser Produktion auf ein Wagnis ein. Vier Instrumente, zwei Geigen und zwei Celli, nehmen das titelgebende Motiv auf und spiegeln einander musikalisch. Die Komponistin des Werks, Wen Liu, hat sich mit multidisziplinären Projekten einen Namen gemacht. Sie gilt als hochgradig technikaffin und experimentierfreudig. Auf ihrer Homepage liest sich Folgendes: Wen Liu hat ein Gespür für die Mikrostruktur der Klänge und die Fähigkeit, das in größere formale Zusammenhänge zu binden. Sie verbindet instrumentale und vokale Gesten zu einer individuellen Musiksprache und hat ein starkes Klangbewusstsein.

Für die Regie zeichnet Martin Butler verantwortlich. Seit über 20 Jahren arbeitet er experimentell, verbindet Theater, Musik, Tanz, Technologie, Film und neue Medien. Sein erklärtes Ziel: genre-übergreifende Kunstformen zu ermöglichen. Als Opern- und Theaterregisseur hat der gebürtige Brite in Deutschland und in den Niederlanden erfolgreich auf dem Gebiet von innovativem Bühnengeschehen gearbeitet. Seine Frage an das Internet-Zeitalter: Was darf heute – anders als vor 800 Jahren – als gesichert gelten? Wem oder welcher Information können wir trauen? Wo steht der Mensch im Daten- und Informations-Overkill?

Diese Oper – wenn sie denn eine ist – hatte auch eine Schauspielerin im Cast vorgesehen. Nahezu folgerichtig allerdings ist dieser Part nun mit der Performance-Künstlerin und Tänzerin Maria Stamenkovic Herranz aus der Schule von Marina Abramović besetzt. Sie ver“körpert“ im wahrsten Sinne des Wortes das Zuhause des disparaten Menschen im digitalen Zeitalter. Es geht bei ihren Performances um die Kraft und die Ausdauer ihres Körpers – wortlos und repetitiv.

Die große Unbekannte in der Gleichung von Performance-Oper und digitaler Interaktion wird das Publikum sein. Jede und jeder erhält ein iPad und kann mit auch geringer Medienkompetenz am Geschehen teilhaben und den Fortgang der 75-minütigen Aufführung mitgestalten. Anders als in VR mit 3D-Brille und Kopfhörern, wo der Mensch mit seinem Erleben isoliert ist, setzt XR auf Interaktion. Jemand klickt auf ein Icon und der/die andere kann den Prozess nachvollziehen. Die einzelnen spüren einander, in ihrer Unsicherheit oder Entscheidungsfreude. Was kommt dann von den Künstlerinnen und Künstlern zurück? Das Operngeschehen hier als Spiegel auch von politischen Realitäten. Warum gehe ich wählen? Habe ich tatsächlich Einfluss auf kommende Entscheidungen? Wie ordne ich mich einem mehr oder weniger transparenten Ablauf unter?

Eine kleine technische Finesse sei hier schon verraten. Töne erzeugen Bilder – das ist ja schon fast gang und gäbe in der Verknüpfung von Musik und Darstellung. Aber Bilder schaffen Klänge – das wird hier eine tatsächlich neue ästhetische Erfahrung, ermöglicht durch die komplexen technischen Anforderungen von Speculum Maius.

Kurz: Wer teilnimmt, gestaltet mit. So oder so. Wer kommt, lässt sich auf Ungewisses ein. Wer dabei ist, blickt mit anderen in den Großen Spiegel (= Speculum Maius), der das menschliche Sein im Hier und Jetzt reflektiert.

Die Weltpremiere des Speculum-Spektakels findet am 9. Dezember 2022 im Kunstmuseum Bonn statt, zwei weitere Aufführungen dann an den beiden darauffolgenden Abenden. Selbstredend werden die drei Vorstellungen singuläre Bühnenereignisse, keins wie das andere, so nicht reproduzierbar. Die Interaktion mit dem Publikum erzeugt fluide Kunstproduktionen.

Der Eintritt ist frei, aber eine Anmeldung erforderlich. Wie?

Einfach die Foto-App im Smartphone öffnen, die Kamera hier auf den QR-Code halten und sofort öffnet sich das Dialogfeld. Namen eingeben und schon ist man Teil eines experimentellen Projekts.

Über Entstehung und Ziele dieser operalen Exploration mit digitaler Intelligenz sprach ich am 29.11.2022 mit dem Dramaturgen Dr. Benedikt Holtbernd, dem ehemaligen Operndirektor der Semperoper in Dresden, Musikwissenschaftler und internationalen Musikmanager.

 

 

 

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