Opernhaus Zürich: Ballettprogramm „WALKING MAD“ am 2. Mai 2021

Opernhaus Zürich/Ballett Walking Mad/Esteban Berlanga, Meiiri Maeda/Photo @ Gregory Batardon

Die erste LIVE-Aufführung des Ballett Zürich in diesem Jahr zeigte zwei Choreografien von EDWARD CLUG und JOHAN INGER. Nach einer umständehalber derart langen Theaterpause herrschte eine besonders erwartungsvolle Stimmung im Hause. Gegenwärtig ist man für jede Aufführung dankbar, selbst wenn sie unter besonderen Bedingungen und vor einem nur gerade 50 Personen zählenden Publikum stattfinden muss.

 

Das erste zur Aufführung gekommene Werk war eine Wiederaufnahme des 2015 entstandenen und für das BALLETT ZÜRICH choreographierten Stücks CHAMBER MINDS, eine subtile und sehr anspruchsvolle Arbeit von EDWARD CLUG. Die Choreographie folgt gefühlvoll der aus dem Jahre 2014 stammenden Ballettsuite für Violine und Cembalo von MILKO LAZAR.  Die ausgezeichneten Interpreten dieses Stücks waren ADA PESCH, Violine und NAOKI KITAYA, Cembalo.

Dem Choreographen ist es gelungen, mit feinsten Bewegungsnuancen, teilweise humoristischen Ideen und eindrücklichen Formationen einen ganz eigenständigen Tanzstil zu erschaffen. Äußerst präzise gestalteten die Tänzer die wechselnden Stimmungen zwischen gefühlvoll und temporeich.

Stets neue Paare formieren sich für kurze Momente. 

Opernhaus Zürich/Ballett Walking Mad/Ensemble Ballett/Photo @ Gregory Batardon

Das hervorragende Ballettensemble setzte sich aus MÉLANIE BOREL, FRANCESCA DELL’ARIA, CHANDLER HAMMOND, AURORE LISSITZKY und ELIZABETH WISENBERG, sowie IACOPO ARREGUI, ESTEBAN BERLANGA, ALEXANDER JONES, LOÏCK PIREAUX und aus dem Junior Ballett THÉO JUST zusammen.

Markant am minimalistisch gehaltenen Bühnenbild von MARKO JAPELJ sind die vielen in alle Richtungen beweglichen gespannten Saiten, welche auf die beiden in der Ballettsuite vorkommenden Saiteninstrumente in Bezug stehen. Durch die in Höhe und Neigung verstellbaren und ständig sich bewegenden Saiten lassen sich interessante Stimmungen erzielen. Die Kostüme von LEO KULAŠ und die Lichtgestaltung von MARTIN GEBHARDT, ergänzen diese eindrucksvolle Arbeit. 

Opernhaus Zürich/Ballett Walking Mad/ Lucas Valente/Photo @ Gregory Batardon

Im zweiten Teil des Abends stand als Schweizerische Erstaufführung das im Jahre 2001 entstandene Ballett WALKING MAD vom schwedischen Choreographen JOHAN INGER zur Musik von Ravel‘s Bolero und Arvo Pärt.

Es beginnt mit einem Mann, der aus dem Publikum die Bühne betritt. Als einziges Requisit sieht eine große, überraschend wandelbare Holzwand. Die Wand lässt sich teilen, in alle Richtungen kippen mit Türen die sich wie von selbst öffnen und schließen. Einmal weit und dann wieder eine Enge darstellend, fasziniert diese Idee. Dadurch ergeben sich auch Podien für wilde Tänze. Durch die Verwandlung entstehen individuelle Räume für die drei sich in unterschiedliche Richtungen hin entwickelnden Frauen der Handlung. Die eine nach Anerkennung suchend, die andere lebenslustig, herausfordernd und selbstzerstörerisch und die dritte verkörpernd das biedere, zurückhaltende warten und hoffen. JESSICA BEARDSELL, MÉLISSA LIGURGO und SUJUNG LIM verkörpern diese Figuren mit großartiger Beweglichkeit und kraftvollem Ausdruck. 

Die Männer werden lustorientierte Gestalten auf der Suche nach Erfüllung Ihrer Träume skizziert. Das Ungestüme dieser Männer wird in Form von rasanten Ensembleszenen dargestellt. Davon ausgenommen ist der Mann, der anfangs die Bühne vom Zuschauerraum her betreten hatte und nicht den gleichen Weg wie die übrigen gegangen ist, vergleichbar mit der bieder gebliebenen der drei Frauen. Zwei in unserer Gesellschaft Gescheiterte? Am Ende springt der Mann über die Wand in den Abgrund.

Opernhaus Zürich/Ballett Walking Mad/Photo @ Gregory Batardon

Die Männergruppe verkörpern großartig RICCARDO MAMBELLI, KEVIN POUZOU, DOMINIK SLAVKOVSKY und drei Mitglieder des JUNIOR BALLETT: LUCA D’AMATO, ARCHILLE DE GROEVE und THÉO JUST. Begeisternd!

Die Musik von Ravels Bolero und die ideenreiche Choreografie geben diesen Stück eine mitreißende Energie. Zu Beginn schwingt viel Humor mit, aber nach und nach wird die Stimmung im Rausch der Musik immer aggressiver. Mitten im Geschehen bricht die Musik abrupt ab. Nur ganz leise im Hintergrund sind noch die vertrauten Töne des Boleros vernehmbar. Doch dann kommt abermals die volle Wucht dieser Musik ins Spiel zurück und man kann sich der Magie dieses Werkes nicht entziehen. Das Finale des Bolero erklingt und man glaubt, am Ende des Stücks angelangt zu sein, da erklingt beinahe sphärisch die wunderbare Musik von Arvo Pärt: „Für Alina“ und wir sehen ein emotionales Pas de Deux, aber ohne ein Happy End.

Das Bühnenbild und die Kostüme stammen ebenfalls vom Choreografen selbst. Die Lichteffekte wurden durch ERIK BERGLUND gestaltet. So entstand eine durchgestaltete, faszinierende Harmonie des ganzen Werks. 

Die 50 Zuschauer spendeten starken Applaus mit Bravos und man kann sich leicht vorstellen, was für eine Stimmung geherrscht hätte, wäre das Opernhaus wie stets bei solchen Aufführungen, ausverkauft gewesen.

 

  • Rezension von Marco Stücklin / RED. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Opernhaus Zürich / Stückeseite
  • Titelfoto: Opernhaus Zürich/Ballett Walking Mad-Chamber Minds/Matthew Knight, Inna Bilash, Lucas Valente/Photo @ Gregory Batardon

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