Lieder und Auszüge aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Stauss in Wiesbaden

Daniela Fally, Silvia Hauer/ Foto: Andreas Etter

Der Wiesbadener Intendant Uwe Eric Laufenberg ist der erste, der unter Pandemie-Bedingungen wieder Oper Live vor Publikum spielen lässt. Eröffnet wurden die Maifestspiele in Wiesbaden am 18. Mai 2020 mit einem Liederabend des gefeierten Basses Günther Groissböck mit der exzellenten Pianistin Alexandra Golubitskaya, der unter dem Motto stand: „Mein Geist dürstet nach Taten, mein Atem nach Freiheit.“(Rezension der Vorstellung v. 24.5.2020)

 

Eigentlich sollte am 24. Mai 2020 „Der Rosenkavalier“ mit Stargast Anja Harteros als Marschallin und Karl-Heinz Lehner als Ochs in der Regie von Nikolaus Brieger aufgeführt werden, selbstverständlich mit 16 Solisten, dem Chor und dem großen Orchester unter der Leitung von GMD Patrick Lange.

Alexandra Goloubitskaia, Johanni van Oostrum, Silvia Hauer, Daniela Fally/Foto: Andreas Etter

Stattdessen erklangen zwölf erlesene Lieder von Richard Strauss, abwechselnd vorgetragen von Johanni van Oostrum, Daniela Fally und Silvia Hauer, mit der atemberaubend einfühlsamen Pianistin Alexandra Goloubitskaia am Flügel. Die drei Sängerinnen und vor allem die kongeniale Pianistin gestalteten die zwölf Kunstlieder äußerst anrührend. Nicht nur „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen…“, das den Abschluss des ersten Teils vor der Pause bildete, zeigte, dass man kein großes Orchester benötigt um große Emotionen auszudrücken.

Es wäre allerdings hilfreich gewesen, wenn man die Texte der Lieder, die nicht allen Besuchern geläufig waren, im Programm abgedruckt hätte, obwohl alle drei Sängerinnen hervorragend artikulierten und mit großer Textverständlichkeit sangen.

Nach einer Pause folgten „Auszüge aus dem Rosenkavalier“. Richard Strauss und Hugo von Hofmannstahl wollten eine Mozart-Oper im Stil der Comedia dell´arte schreiben wie „Le nozze di Figaro“, haben aber darüber hinaus authentische Charaktere geschaffen und die Endzeitstimmung des Wiener Kaiserreichs kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs eingefangen.

In den „Auszügen“ fokussiert man sich ganz auf den Rosenkavalier Graf Octavian Rofrano, genannt Quiquin (Silvia Hauer), der morgens nach einer wilden Liebesnacht, ausgemalt im Vorspiel, das als Aufzeichnung vom Band eingespielt wird, bei der Marschallin (Johanni van Oostrum) aufwacht und sich am Nachmittag Hals über Kopf in die blutjunge Sophie (Daniela Fally) verliebt, der er im Auftrag des Baron Ochs auf Lerchenau die silberne Rose überreicht.

Im Monolog der Marschallin „Da geht er hin, der aufgeblasene schlechte Kerl“ reflektiert Johanni van Oostrum die Problematik einer Frau in den besten Jahren, die als blutjunges Mädchen einem ungeliebten standesgemäßen Ehegatten angetraut wurde. Ihr wird plötzlich klar, dass sie altert und dass sie die Zeit nicht aufhalten kann.

Daniela Fally, Silvia Hauer/ Foto: Andreas Etter

Im Duett „Ach, du bist wieder da“ deutet sich schon ihre Resignation in Bezug auf ihren 17-jährigen Liebhaber Quinquin an, und im Schlussterzett „Mein Gott, es war nicht mehr als eine Farce“ stellen die drei Sängerinnen, deren Stimmen perfekt harmonieren, die Problematik des jungen Mannes zwischen zwei Frauen dar, wobei schließlich die Marschallin Sophie und Octavian auffordert, aufeinander zuzugehen und sich um sie selbst nicht zu sorgen.

Die ausgeklügelte Personenregie der ursprünglichen Inszenierung – wer steht wo? wer geht auf wen zu? macht deutlich, dass es der Marschallin schwerfällt, ihren jungen Liebhaber einer anderen zu überlassen, die jünger und hübscher ist als sie selbst, dass sie aber das Format besitzt, Sophies Glück nicht im Wege zu stehen.

Sie ist jederzeit Herrin der Lage, und sie reift als Persönlichkeit, indem sie ihren jungen Liebhaber, den sie „recht lieb“ hat, der 15-jährigen hübschen Sophie überlässt.

Die Überreichung der silbernen Rose „Mir ist die Ehre wiederfahren“ gerät aufgrund der Abstandsregeln etwas ungewöhnlich- so würde niemand eine Rose übergeben, ist aber stimmlich und darstellerisch eine absolute Glanzleistung von Silvia Hauer und Daniela Fally, die berückende Spitzentöne beiträgt.

Die Klavierbegleitung durch Alexandra Goloubitskaia kann die subtilen Klangfarben eines großen Opernorchesters zwar nur andeuten, ist aber absolut kongenial und niemals aufdringlich. Die anwesenden Besucherinnen und Besucher applaudieren enthusiastisch.

Man vermisst zwar die derbe Komödie um den Baron Ochs auf Lerchenau, den Chor und die erlesene Instrumentierung von Richard Strauss mit ganz großem Orchester (unter anderem 16 erste, 16 zweite Violinen, Englischhorn, Celesta, zwei Harfen), hat dafür aber ein intimes Kammerspiel eines sympathischen jungen Mannes (Hosenrolle!) zwischen zwei Frauen und die philosophischen Ausführungen der Marschallin: „Die Zeit, sie ist ein sonderbar Ding …“ über Vergänglichkeit und Fassbarkeit der Realität. Es ist auf andere Weise ganz große Kunst.

Es wird in erschreckender Weise klar, wie fragil die großen Opern, die man jahrelang wie selbstverständlich hingenommen hat, sind, und welches Glück wir alle hatten, die Chance zu haben, solche Werke live zu erleben.

Internationale Maifestspiele 2020
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Aufgrund des Lockdown ab dem 11. März 2020 wurden zunächst die Maifestspiele und europaweit alle Opernvorstellungen bis zum 31. August 2020 abgesagt. Das hat harte Konsequenzen für die freiberuflich arbeitenden Künstlerinnen und Künstler, denen von einem Tag auf den anderen sämtliche Gagen wegbrachen.

Ab dem 24. April 2020 trat Schauspieler und Intendant Uwe Eric Laufenberg mit seinen kontrovers diskutierten Solo-Diskursen an die Öffentlichkeit, in denen er die Einschränkungen der Grundrechte, vor allem der Freiheit der Kunst durch die Corona-Prävention heftig kritisierte.

Aufgrund der in Hessen relativ frühen Lockerungen unter strengen Auflagen begann am 15. Mai 2020 der Vorverkauf für die an die Hygienevorschriften angepassten Maifestspiele mit Auftritten von Starkünstlern wie Michael Volle, Andreas Schager, Günther Groissböck, Catherine Foster und René Pape. 

Die ursprünglich geplanten Opern werden durch „Lieder und Auszüge“ ersetzt, im Theater präsentiert man Einpersonenstücke und kleine Formate wie „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett oder Kabarett.

Das Hygienekonzept erlaubt nur wenige Protagonisten auf der Bühne, da hier die Abstandsregel von 1,5 m rigide eingehalten werden muss. Ein Opernchor, ein Orchester im Graben verbieten sich von selbst, da die Einhaltung dieses Abstands dort unmöglich ist.

Im Zuschauerraum wird nur jede zweite Reihe besetzt, zwischen je zwei Besuchern oder Paaren aus dem gleichen Haushalt lässt man drei Plätze frei. So können in dem neobarocken Haus von 1041 Plätzen nur 189 angeboten werden. 

Der Intendant selbst ist als stolzer Gastgeber vor Ort und nimmt die Komplimente für seinen Mut und sein Durchsetzungsvermögen in Empfang. Er hat eindrucksvoll demonstriert, wie man mit dem Willen, trotz gravierender Einschränkungen Kunst und Kultur zu präsentieren, einen beglückenden Abend gestalten kann und den Protagonisten die Chance eröffnet, sich mit Formaten wie Kunstliedern, die sonst viel zu wenig Beachtung finden, zu profilieren.

Mehr zu dem angepassten Programm der Maifestspiele unter DIESEM LINK.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / RED: DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatstheater Wiesbaden
  • Titelfoto: Staatstheater Wiesbaden/Foyer Großes Haus/
    Foto: Sven-Helge Czichy
 

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