Interview mit Markus Wolf, Konzertmeister des Bayerischen Staatsorchesters

Markus Wolf / Foto @ Sigrid Reinichs

Markus Wolf ist seit über dreißig Jahren der Erste Konzertmeister des Bayerischen Staatsorchesters in München. Wolfgang Sawallisch, Carlos Kleiber und Kirill Petrenko; Markus Wolf spielte an der 1. Violine unter den bedeutendsten Dirigenten der letzten Jahrzehnte. Im Gespräch mit DAS OPERNMAGAZIN gerät Markus Wolf ins Schwärmen: Von der Staatsoper und seinen Musikern, von der Vielfalt der klassischen Musik im Allgemeinen, aber auch von der ungeheuren Repertoirekenntnis der Musiker seines Orchesters.

 

(DAS OPERNMAGAZIN -OM): Sie haben mit fast allen großen Dirigenten gespielt, die in den letzten 30 Jahren an die Bayerische Staatsoper gekommen sind, welcher Dirigent hat Sie besonders geprägt?

(Markus Wolf -M.W.): Ich bin einer der dienstältesten Konzertmeister. Zu meiner Anfangszeit hat mich Wolfgang Sawallisch besonders geprägt, später dann auch Carlos Kleiber oder nun Kirill Petrenko. Einen Dirigenten wie Kleiber kann man als Orchestermusiker niemals aus seinen Erinnerungen streichen. Darüber hinaus verstehe ich mich mit Zubin Mehta sehr gut, wir haben bis heute eine sehr enge Beziehung, da er für mich wie eine Vaterfigur gewesen ist. Bei ihm beruht vieles auf Gegenseitigkeit, Mehta zeigt eine unglaublich große Liebe für das Bayerische Staatsorchester und wurde dadurch schließlich auch unser Generalmusikdirektor.

Bayerisches Staatsorchester K. Petrenko 2015 Foto @ Myrzik und Jarisch

OM: Was unterscheidet einen durchschnittlichen Dirigenten von einem Carlos Kleiber oder einem Kirill Petrenko?

M.W.: Ein überzeugender Dirigent muss gar nicht viel mit dem Orchester reden. Das Orchester zeigt sich durch seinen Gestus und Willen beeinflusst und folgt ihm auch ohne Worte. Das für mich entscheidende ist, dass ein Dirigent zwingend ist. Der musikalische Wille muss so gewaltig und überzeugend sein, dass sich das Orchester dem überhaupt nicht entziehen kann und der Dirigent zum Dompteur seiner Musiker wird. Und doch ist beispielsweise ein Zubin Mehta unglaublich warmherzig und offen. Er strahlt eine Großzügigkeit im Dirigieren aus, die einen Orchestermusiker im schöpferischen Gestalten und Musizieren nie ausbremsen wird. Zubin Mehta ist dankbar für alles, was der Musik dienlich ist.

OM: Wie wichtig sind die Orchesterproben an der Bayerischen Staatsoper für Sie?

M.W.: Wir spielen jedes Jahr Repertoirewerke wie „La Bohème“, und selbst diese werden immer wieder geprobt, da wir ja mit wechselnden Sängern und Dirigenten arbeiten. Proben ist natürlich wichtig, aber durch zu viel Proben kann das Orchester auch träge werden und in eine gewisse Gemütlichkeit verfallen, sodass die Reaktionsfähigkeit während der Vorstellung nachlässt. Carlos Kleiber hat zum Beispiel einmal eine „Bohème“ ohne Probe übernommen und dadurch eine ganz spezielle Atmosphäre für die Aufführung geschaffen. Man ist als Orchestermusiker dann ganz anders wach. Es gibt ohnehin keine hundertprozentige Sicherheit, da wir ja keine Roboter oder Maschinen sind. Das Entscheidende an einer gelungenen Aufführung ist ja auch gar nicht, dass alles zu 100 % reibungslos abläuft.

OM: Welches Werk möchten Sie unbedingt noch im Orchestergraben spielen?

M.W.: In der Tat sind viele meiner Wünsche in den letzten Jahren in München in Erfüllung gegangen. Ich freue mich beispielsweise nächste Saison endlich die „Tote Stadt“ spielen zu dürfen. Auch „Il trittico“ und das „Totenhaus“ waren ein jahrelanger Wunsch von mir. Von Richard Strauss habe ich „Intermezzo“ und „Daphne“ nicht gespielt, das wäre vielleicht etwas für die Zukunft.

Von Hans Pfitzner habe ich eine Violinsonate eingespielt, das Stück ist genial! Ich liebe „Palestrina“, von ihm möchte ich sehr gerne noch ein weiteres Opernwerk spielen. Von Mozart hätte ich ja sehr gerne sein Jugendwerk, die „Gärtnerin aus Liebe“ noch gespielt. Dieses ist übrigens ein Münchner Stück, die „Gärtnerin aus Liebe“ wurde im Opernhaus am Salvatorplatz uraufgeführt.

 

Markus Wolf / Foto @ Sigrid Reinichs

OM: Gibt es einen Komponisten oder Werke, dass Sie nicht mehr spielen möchten? Dreißig Jahre lang immer wieder „La Bohème“ – Sind Sie der Musik nicht irgendwann müde?

M.W.: Nein, diese Musik ist einfach zu gut. Die „Bohème“ kitzelt mich immer wieder! Aber auch eine „Tosca“, jedes Mal packt mich das Werk aufs Neue, da bin ich noch gar nicht verbraucht. Nach vielen Jahren merkt man erst wie gut einige Opern eigentlich wirklich sind, „Don Carlo“ oder „Otello“ – der Verdi ist so großartig, er zieht mich immer tiefer hinein.

OM: Wie stehen Sie zu den beiden anderen Spitzenorchestern der Stadt, den Münchner Philharmonikern oder dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk? Gibt es da Kooperationen oder gar Rivalitäten?

M.W.: Ich bin als Musiker sehr froh in München zu sein. Ich komme ja aus Wien und war dort Konzertmeister bei den Wiener Symphonikern, dem städtischen Orchester, dass sich immer gegenüber den Wiener Philharmonikern behaupten muss. Die Philharmoniker haben ein derart hohes Ansehen, dass geradezu eine Belastung für alle anderen Musiker der Stadt von ihnen ausgeht. In Berlin ist es ähnlich, die Berliner Philharmoniker haben diesen einmaligen Status, an die kommt erstmal niemand heran. In München unterscheidet sich die Kultur, hier gibt es gar keinen Status eines der renommierten Orchester, alle stehen mit ihrem Aufgabenbereich für sich und bald wird auch jedes Orchester seinen eigenen Konzertsaal haben.

Das Opernhaus in München ist einmalig und eines der schönsten und akustisch idealsten Gebäude der Welt. Ich kann mir keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen. Auch aus der Presse erhalten wir keinerlei Druck eine Konkurrenz zu den anderen Orchestern der Stadt aufzustellen. Mir stellt sich somit gar nicht die Frage, ob die Münchner Philharmoniker besser oder schlechter sind als unser Orchester oder das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Herzlichen Dank für das freundliche Gespräch

 

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