Innsbrucker Festwochen der Alten Musik: Der bestrafte Gottlose – „L’empio punito“

Festwochen Alte Musik Innsbruck/Foto© Birgit Gufler

Der bestrafte Gottlose, „L’empio punito“– Die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik überraschen mit früher Don-Juan-Vertonung

Besuchte Vorstellung: 21. August, Haus der Musik, Innsbruck 

 

Während im Jahr 2020 die Salzburger Festspiele der Corona-Pandemie trotzen und die gesamte Welt deren Opernpremiere „Elektra“ im Livestream verfolgte, gingen so manch andere Aufführungen dem Fokus der Öffentlichkeit verloren. Beispielsweise die Opernproduktionen der traditionsreichen Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Diese bieten alljährlich in geradezu familiär-freundlichem Rahmen ein erstklassiges Programm und haben sich gleichlaufend als Geheimtipp zum Glanz und Glamour Salzburgs etabliert. In diesen schwierigen Zeiten der Corona-Pandemie überraschten die Innsbrucker Festwochen mit einem spannenderen, umfangreicheren und diverseren Spielplan, als ihn jedes andere Sommerfestival kurzfristig auf die Beine hat stellen können. Ihrer Domäne blieben die Innsbrucker Festwochen auch diesen Sommer treu und gaben unzähligen, oftmals zu Unrecht vergessenen Komponisten der Barock-Epoche, ihre wohlverdiente Bühne. Die in Innsbruck zur Aufführung gebrachten Werke werden nur selten auf den Spielplan der Repertoirehäuser gesetzt. So auch die erste Don-Juan-Vertonung der Musikgeschicke – Alessandro Melanis Barockoper „L’empio punito“, zu Deutsch „Der bestrafte Gottlose“. Uraufgeführt wurde das Werk im Jahre 1669 im Palazzo Colonna in Rom und blieb bis heute praktisch unbekannt. Als Spielstätte diente das erst kürzlich eröffnete Haus der Musik Innsbruck, ein eindrucksvoller Konzertsaal mit Panoramaausblick auf den gegenüberliegenden Kaiserpalast der städtischen Hofburg.

Der Mythos dieses Frauenverführers Don Juan, welcher schlussendlich vom Himmel bestraft, durch die Reinkarnation seines Gegners auf einem Friedhof sein Ende finden muss, inspizierte zahlreiche Künstler. Die Komponisten Melani und Mozart vertonten beide den gleichen Stoff, setzen diesen aber denkbar andersartig in Musik und Libretto um. Alessandro Melani verlegte die Handlung in Vorsorge möglicher Zensur durch Politik und Kirche in das ferne Mazedonien und gab den Figuren neue Namen. In Retrospektive ist ein Vergleich zwischen Melanis Oper und Mozarts „Don Giovanni“ überaus unfair, konnte der Barockkomponist kaum ahnen, dass sich sein Werk mit der etwa 100 Jahre späteren und so oft betitelten „Oper aller Opern“ messen werden muss.

Festwochen Alte Musik Innsbruck/In der Hölle (v.l.): Nataliia Kukhar, Anna Hybiner, Ramiro Maturana/Foto© Birgit Gufler

Silvia Paoli arbeitete in ihrer Innsbrucker Inszenierung die Parallelen jedoch deutlich heraus. Dass Acrimante niemand geringeres als Don Giovanni selbst sein kann, erkannte das Publikum auch an seinem typischen Kostüm. Leporello hieß bei Melani übrigens Bibi und auch sonst erkannte man in der einen oder anderen Figur weitere Parallelen zu Mozart. Die Regisseurin Paoli verzichtete auf eine tiefere Deutungsebene und stellte in teils historisch-inspirierten, teils modernen Kostümen die Handlung ziemlich librettonah dar und arbeitete mittels einfacher Bühnenelemente den Kern des Werks deutlich heraus. Dankenswerterweise muss man zugeben, denn das Geschehen und die Figurenkonstellationen bei Melani erscheinen ohnehin verwirrend genug. Rote Bänder dienten als verbindendes Element der Liebenden, welche die Figuren aber gleichsam als fremdbestimmte Marionetten eins himmlischen Spiels erschienen ließen. In der dramatischen Zuspitzung verwandelten sich die Bande der Liebe gar in Fesseln ihrer Selbst.

Eine naheliegende Deutungsebene wurde von der Regisseurin leider verkannt: Dass die Titelfigur, der Frevler Acrimante (eigentlich eine Kastratenpartie), von einer Frau dargestellt wurde, hätte sicherlich manch feministische Ansicht auf das gesamte Sujet dieses Mythos zugelassen. Nichtsdestotrotz kitzelte Paoli aus ihrem Solistenensemble eine vorzügliche Personenregie heraus, die die Charakterzüge voller Sehnsüchte und Hoffnungen glaubhaft vermittelte.

Alessandro Melanis „L’empio punito“ wird sich aufgrund seiner musikalischen und dramaturgischen Schwächen mit zahlreichen Handlungssträngen der Nebenfiguren, sicherlich nie im Repertoire durchsetzen. Dass der Abend dennoch kurzweilig erschien war neben der Regie insbesondere der musikalischen Gestaltung des Barockorchester:Jung unter der Leitung von Mariangiola Martello am Cembalo zu verdanken. Mit zügigen Tempi, schnellen Szenenwechsel und dem Verzicht auf Zwischenapplaus gelang es ihr der wenig stringenten Handlung der Barockoper eine musikalische Dramatik zu entlocken, die der Komponist im 17. Jahrhundert verkannt zu haben schien.

Festwochen Alte Musik Innsbruck/Anna Hybiner, Lorenzo Barbieri/Foto© Birgit Gufler

Die Sängerinnen und Sänger des Cesti-Gesangswettbewerbs gestalteten diese Opernproduktion. Dieses äußerst homogene, mit viel Spielfreude agierende Ensemble, bestach durch helle, klare Stimmen. Allesamt bewiesen sie, dass sie die stimmlichen und darstellerischen Voraussetzungen mitbringen, um auch in den Hauptrollen von Mozarts „Don Giovanni“ auftreten zu können. Allen voran hat Lorenzo Barbieri voller tragischer Komik in der Rolle des Bibi schon ganz den Darsteller eins Leporellos an den Tag gelegt. Anna Hybiner verkörperte in der Titelpartie des Acrimante einen verletzlichen und geradezu menschlich-zerbrochenen Frevler alias Don Juan.

Die Wiederentdeckung von Alessandro Melanis „L’empio punito“ wurde für die Festspiele zu einem großen Erfolg. Eine win-win-Situation mit einem Publikum für Liebhaber der Raritäten des Barock: Ein absolut angemessener Rahmen, um solch herrlichen, jungen Stimmen eine Bühne und die wohlverdiente Aufmerksamkeit geben zu können.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Innsbrucker Festwochen der Alten Musik
  • Titelfoto: Festwochen Alte Musik Innsbruck/In der Hölle (v.l.): Nataliia Kukhar, Anna Hybiner, Ramiro Maturana/Foto© Birgit Gufler

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