Gärtnerplatztheater München: „Luisa Miller“ – Charakterstudie ohne Charaktere

Gärtnerplatztheater/LUISA MILLER/Jennifer O’Loughlin ( Luisa), Timos Sirlantzis (Wurm)/Foto © Jean-Marc Turmes

Über Guiseppe Verdis Oper Luisa Miller schreibt das Gärtnerplatztheater auf seiner Website: „In bester Donizetti- und Bellini-Nachfolge schuf Verdi darin unter die Haut gehende Charakterstudien einer autoritären Gesellschaft, zuvorderst die virtuos-dramatische Titelpartie!“ Das schürt Erwartungen, die aber Torsten Fischers Neuinszenierung des Werks nur teilweise erfüllt. Nicht wenigen Figuren fehlt es an Tiefgründigkeit, die Beziehungen der Charaktere untereinander bleiben unklar. Musikalisch dagegen überzeugt der Abend auf ganzer Linie. (Rezension der Premiere v. 05. Mai 2023)

 

Torsten Fischer beginnt mit seiner Inszenierung schon in der Ouvertüre. In einer Art Prolog erzählt der Regisseur, wie Wurm, Handlanger des Grafen von Walter, in dessen Auftrag (er?) den Herrscher des Landes erschießt, sodass Walter selbst sich zum Staatsoberhaupt aufschwingen kann. Zeugen des Mordes sind Walters Sohn Rodolfo und seine Freundin, Luisa Miller, in dieser Szene dargestellt von Kinderstatisten, sowie Luisas Vater. Natürlich, über die Sinnhaftigkeit von ausinszenierten Ouvertüren lässt sich streiten. Zu Verdis Zeit waren jene Stücke dazu geschrieben, um, vor dem geschlossen Vorhang gespielt, die Menschen in den Saal zu rufen und rein akustisch auf den Beginn der Oper einzustimmen. Erst danach findet sich in den meisten Partituren der Vermerk: „Der Vorhang öffnet sich.“ Vorher schon zu erzählen, ist eine verhältnismäßig neue Erfindung, die Torsten Fischer aber sinnvoll nutzt. Die Vorgeschichte der Oper wird gut erzählt, was spätere Szenen prägnanter wirken lässt. Besonders der Dialog zwischen Wurm und Walter im zweiten Akt, in dem es darum geht, wie viel Rodolfo von den finsteren Machenschaften seines Vaters weiß, wird durch den Prolog viel leichter durchschaubar. Außerdem zeigt die Szene eindrucksvoll, wo die Inszenierung hinwill: Es geht um die junge Liebesgeschichte Luisas und Rodolfos vor dem Hintergrund einer grausamen Politik. Und natürlich einer autoritären Gesellschaft.

Gärtnerplatztheater/LUISA MILLER/
Inho Jeong ( Graf von Walter), Jenish Ysmanov (Rodolfo)/Foto © Jean-Marc Turmes

Leider gelingt es Fischer im weiteren Verlauf der Inszenierung nicht, an die Aussagekraft des Prologs anzuschließen. Von den angekündigten unter die Haut gehenden Charakterstudien in der Oper ist reichlich wenig zu sehen. Besonders die Frauenfiguren geraten sehr platt. Luisas Bühnenaktion beschränkt sich zu weiten Teilen darauf, herumzustehen oder herumgeschubst zu werden. Wenn sie im zweiten Akt einmal aufbrausend werden darf, so nur einen kurzen Augenblick lang, wenn es die Musik verlangt, nicht als ein Zeichen von Charakterentwicklung. Federica von Ostheim kommt nicht über die Charakterisierung als reiche Dame im Pelzmantel heraus. Auch Luisas Vater, Miller, gerät als Figur sehr verwaschen. Zunächst gelingt der besorgte Vater gut, doch dann passiert der Schwung zum überglücklichen Brautvater, der mit dem Chor Tänze einstudiert, viel zu plötzlich und zu radikal, um als zwei Facetten eines unentschlossenen Charakters durchzugehen. Es wirkt nicht so, als sei sich Miller nicht sicher, ob er sich für Luisa freuen solle oder nicht, sondern, als habe sich Torsten Fischer nicht entschieden, wie er die Figur interpretiert haben möchte. Dass mit Matija Meić ein hervorragender Sängerdarsteller die Rolle des Miller singt, der die Kunst erstklassig beherrscht, Schauspiel und Gesang zu verbinden, wird nur in Details deutlich – schade, dass er sein Talent in dieser Inszenierung nicht auch im Großen zeigen darf.

Natürlich stellen Libretto und Partitur von Luisa Miller nicht die leichtesten Vorlagen für eindrucksvolle Personenzeichnung dar. Besonders im Vergleich zu Friedrich Schillers Kabale und Liebe, auf dem die Oper basiert, fällt auf, wie eindimensional viele der Figuren sind. Das hat vor allem mit den Anpassungen Verdis und seines Librettisten Salvatore Cammarano an Zensur und Opernkonventionen der Zeit zusammen: Weil keine Primadonna erstens eine Mätresse und zweitens eine adelige Frau spielen würde, die zumindest emotional einem bürgerlichen Mädchen unterliegt, wurde aus der politisch aktiven, interessanten Lady Milford in Schillers Drama in der Oper die verwitwete Federica von Ostheim, deren Macht zwar besprochen wird, welche auf der Bühne aber immer nur kurz als Luisas romantische Gegenspielerin in Erscheinung treten darf. Auf die Entstehungsgeschichte von Luisa Miller und die Abstriche, die Verdi machen musste, wird im Programmheft zur Produktion ausführlich eingegangen. Insofern überrascht, dass Fischer scheinbar weder einen Versuch unternimmt, die Figuren aufzuwerten, noch ihre Unzulänglichkeiten szenisch kommentiert. Auch ein offensichtliches Potential für eine unter die Haut gehende Charakterstudie – der Kontrast zwischen Miller und Graf von Walter, die auf ihre Art beide das Beste für ihr Kind wollen – bleibt völlig ungenutzt. Der eine wirkt versehentlich widersprüchlich, der andere ist nur durch sein an die Fantasieuniformen realer Diktatoren angelehntes Kostüm charakterisiert und bleibt sonst nahezu völlig konturlos.

Vielleicht ist es aber gewollt, dass Graf von Walter ein bisschen untergeht. Auch wenn er formal die Staatsmacht innezuhaben scheint – die Handlung wird vor allem beeinflusst durch seinen Handlanger Wurm. Besonders ausdifferenziert ist dessen Charakterisierung auch nicht, im Gegenteil: Im schwarzen Lederoutfit mit Totenkopfgürtelschnalle, weißen Kontaktlinsen und Joker-Makeup inszeniert Fischer ihn als die wohl klischeehafteste Person auf der Bühne überhaupt. Die Idee ist kitschig, die Ausführung durch den Bass Timos Sirlantzis aber schier beeindruckend. Für die Rolle des gruseligen Bösewichts wirkt Sirlantzis wie gemacht. Nicht nur, dass er sich auf der Bühne fast schon wurmartig bewegt und auch wie ein Schatten hinter Walter stehend durch seine Ausstrahlung noch das ganze Bühnengeschehen kommandiert. Man hat auch das Gefühl, die Bezeichnung „Diabolisches Grinsen“ sei nur für diesen Sänger erfunden worden. Seine durchschlagende, gleichzeitig schöne und bedrohliche Stimme, macht die Gänsehaut hervorrufende Darstellung perfekt. Ein Bösewicht zum Niederknien.

Gärtnerplatztheater/LUISA MILLER/Jennifer O’Loughlin ( Luisa), Matija Meić ( Miller), Jenish Ysmanov (Rodolfo)/Foto © Jean-Marc Turmes

Durch sein intensives Spiel bringt Sirlantzis auch Bewegung in das bisweilen doch sehr starre Bühnengeschehen. Stellenweise ist die Inszenierung trotzdem schlichtweg langweilig. Emotional nimmt sie nur im dritten Akt an Fahrt auf. Fischer lässt den eisernen Vorhang nach unten fahren und Luisa eine Arie davorsitzend singen. Der Zweck dieses Vorhangs ist historisch, das Übergreifen eines möglichen Feuers vom Bühnenhaus auf den Zuschauerraum zu verhindern. Hat man dieses Hintergrundwissen, so versteht man Luisas Alleinsein vor dem „Eisernen“ als die ultimative Isoliertheit, vielleicht ist das sogar noch ausdrucksstärker als eine Person, die ganz allein auf einer leeren schwarzen Bühne sitzt. Aber auch ohne Hintergrundwissen gehen die wichtigen Informationen der Szene nicht verloren: Luisas Geliebter glaubt, sie betrüge ihn, ihr Vater will mit ihr die Stadt verlassen, als ob man die Erlebnisse der Oper einfach hinter sich lassen könnte: Die Protagonistin ist in dieser Szene wirklich völlig allein. In Form eines Gemäldes von Fernand Khnopff, der den Menschen als isoliertes Wesen betrachtet, das nur einsam enden kann, war Alleinsein schon vorher Thema in der Inszenierung. Ohne Kenntnisse der Kunstgeschichte oder den zugehörigen Text im Programmbuch, den mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht alle Zuschauer lesen werden, ist diese Anspielung aber nicht verständlich. Im übrigen Bühnengeschehen war Einsamkeit und Alleinsein auch nicht thematisiert. Die Inszenierung lässt einen ratlos zurück, was denn der Regisseur aussagen wollte.

Sängerisch allerdings ist der Abend schlichtweg beeindruckend. Jennifer O’Loughlin singt die Partie der Luisa Miller mit Bravour, mit einer feinen Höhe und einem wunderschönen, kräftigen, tiefen Register. Dazu gelingt ihr das Kunststück, verletzlich zu klingen, ohne dass ihre Stimme an Tragfähigkeit einbüßt, Jenish Ysmanov steht ihr mit seiner strahlenden Tenorstimme in nichts nach. Matija Meić kann seine Fähigkeiten zumindest vokal ganz entfalten und singt den Miller feinfühlig, da, wo es sein muss, aber auch mit einem Wotan-würdigen Donnern. Als Federica von Ostheim und Graf von Walter überzeugen Anna Agathonos und Inho Jeong. Das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz begeistert unter der Leitung von Chefdirigent Anthony Bramall, der den Musikern einen vollen und satten, dabei aber doch klaren Orchesterklang entlockt. Herausragend ist das Spiel mit Dynamik und die Balance zwischen den Sängern und dem Orchester: An keiner Stelle werden die Sänger übertönt, auch nicht, wenn Bramall das Orchester hochemotional und laut auftrumpfen lässt. Zumindest in musikalischer Hinsicht ist dieser Abend ein wahres Erlebnis.

 

  • Rezension von Adele Bernhard / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatstheater am Gärtnerplatz / Stückeseite
  • Titelfoto: Gärtnerplatztheater/LUISA MILLER/Jennifer O’Loughlin ( Luisa), Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz/Foto © Jean-Marc Turmes
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