Ein Ochs zum Verlieben: „Der Rosenkavalier“ an der Staatsoper Berlin

Staatsoper unter den Linden / Saalansicht/ Berlin/ © Gordon Welters phone +49 170 8346683 e-mail: mail@gordonwelters.com http://www.gordonwelters.com
Staatsoper unter den Linden / Saalansicht/ Berlin/ © Gordon Welters

Zwei Jahre nach Wiedereröffnung des sanierten Opernhauses vervollständigt die Berliner Staatsoper mit der Premiere der Neuinszenierung „Der Rosenkavalier“ in der Inszenierung von André Heller ihren Richard-Strauss-Kanon. Seine fünf bedeutendsten Opernwerke sind nun in würdiger Regie fest im Repertoire des Hauses verankert: „Ariadne auf Naxos“ als auch „Salome“ in ihrer teils provokanten, aber tiefgründigen Sichtweise von Hans Neuenfels haben ebenso wie die traumdeutend-symbolische „Frau ohne Schatten“ von Claus Guth und Patrice Chéreaus legendäre „Elektra“ ihre Akzente unter den Linden gesetzt. Der opulenten Ausstattung und den ausschweifenden und stilvollen Kostümen dieses neuen Rosenkavaliers ist anzusehen, dass die Staatsoper nach einer inszenatorisch möglichst harmlosen, aber gleichsam eindrucksvollen Produktion der Wunsch schien, diese möglichst langanhaltend im Repertoire führen zu können. Dies und noch vieles mehr ist dem Künstler André Heller erstaunlich gut gelungen, denn er verlegte die Handlung aus der Zeit von Maria Theresia in die des frühen 20. Jahrhunderts – das Wien des Librettisten, Hugo von Hofmannsthal – und bleibt gleichermaßen der originalen Handlung treu. (Besuchte Vorstellung 22.2.2020)

 

Jetzt einmal Hand aufs Herz, welcher Zuschauer hat sich bei den Auftritten des Baron Ochs auf Lerchenau, der männlichen Hauptrolle im Rosenkavalier, nicht schon einmal gewünscht, dass dieser Grobian doch endlich seinen Abgang findet? Selbst in der gekürzten Fassung scheinen seine nicht besonders melodiösen, aber dafür umso obszöneren Monologe kein Ende nehmen zu wollen. In der Tat ist der „Ochs“ für einen Bass keine besonders dankbare Rolle: Die Figur ruiniert das einfühlsame Duett „Mit Ihren Augen voll Tränen“ genauso, wie sie mit ihren Anstößigkeiten dem nachdenklichen Sinnieren der Marschallin ein Ende bereitet. In allen drei Akten der Oper hat der Ochs auch keine Arie, mit der er brillieren kann, seine Partie besticht dagegen durch Deklamation in purer Form. „Sir Morosus aus Richard Strauss „Die schweigsame Frau“ bietet vergleichsweise mehr Möglichkeiten, um als Bass auch gesanglich zu glänzen.“ Durchleuchtet man einmal die Rezeptionsgeschichte des Rosenkavaliers, gibt es kaum einen Sänger, der die Rolle des Ochs wirklich vollumfänglich für sich einnehmen konnte und diese bis heute prägt. Wahrlich gab es zahlreiche große Vertreter dieses Barons auf Lerchenau, aber ganz so wie Elisabeth Schwarzkopf, Renée Fleming oder Anja Harteros die Marschallin prägten, der Zuhörer als Octavian stets Christa Ludwig und Brigitte Fassbaender im Ohr hat und bei der jungen Sophie sofort an Lucia Popp denkt, ist die Situation bei dem Ochs auf Lerchenau eine gänzlich andere – bis Günther Groissböck die Bühne der Staatsoper betrat und alle bisherigen Darstellungen des Barons in den Schatten stellte!

Staatsoper Berlin/Rosenkavalier/Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau) und Michèle Losier (Octavian)/Foto@ Ruth Walz

In diesem Rosenkavalier, einer sonst durch weibliche Stimmen bestechende Oper, zog Günther Groissböck die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Der österreichische Dialekt, das rüpelhafte, aber gleichsam standesentsprechend sympathische und vornehme Auftreten, die sichere Stimme und überzeugende Mimik und Gestik – womöglich spielte Günther Groissböck als geborener Österreicher in dieser Rolle schlicht sich selbst? Für Groissböck wurden erfreulicherweise sonst übliche Striche in der Partitur geöffnet, so dass er sogar die vollständige Mägdeerzählung zur puren Freude des Publikums vortrug, von Langeweile keine Spur. Dank Günther Groissböck hätte die Staatsoper Berlin den Titel der Oper, wie ursprünglich einmal vom Komponisten angedacht, zurecht in “Die galanten Abenteuer des Barons von Lerchenau“ umbenennen können.

Er nahm den Baron so sehr für sich ein, dass man zurecht sagen kann, es hat vermutlich keinen derart überzeugenden Ochs auf Lerchenau vor ihm gegeben – und es wird sicherlich auch noch lange keinen nach ihm geben werden.

Das weibliche Trio, gewissermaßen der Gegenpart zum Baron, bewegte sich durchwegs auf sehr hohem sängerischem Niveau: Camilla Nylund gestaltete eine überaus natürliche und gelöste Marschallin, die auch szenisch ihrer Partie die gebotene Tiefe gab. Einzig ein wenig Melancholie und Zärtlichkeit ließ Nylund in ihrer Interpretation missen. Michèle Losier geriet in stürmisch-rasanter Darstellung ein gelungenes Portrait des burschenhaften Octavians.

Staatsoper Berlin/Rosenkavalier/Michèle Losier (Octavian) und Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg)/Foto@ Stefan Liewehr

Nadine Sierra ging vollends in ihrer Rolle der Sophie auf, ob lustig, kokettierend oder in charmant-verspielter Zärtlichkeit wusste die US-amerikanische Sopranistin nun auch in deutscher Sprache ihr Publikum um den Finger zu wickeln, im italienischen Fach hat sie bereits ihr Potential als Weltstar bewiesen.

Ebenso sangen all die kleinen Rollen der Oper erstaunlich homogen und kraftvoll, beispielsweise der samtig-klingende Polizeikommissar von Erik Rosenius oder Anna Samuil, welche erfrischend in einer jugendlichen Jungfer Marianne Leitmetzerin die vertraute Freundin von Sophie darstellte und nicht die alte, grummelige Haushälterin.

Zubin Mehta führte die Staatskapelle Berlin in langsamen Tempi. Mehta bewies eine Großzügigkeit im Dirigieren, die seine Musiker zu neuen musikalischen Höchstleistungen beflügelte. Der Rosenkavalier einmal langsam, gänzlich undramatisch und überhaupt nicht tänzelnd im Wiener Walzer… Warum eigentlich nicht? Weil’s unter Zubin Mehta „gar so schön is!“.

Diese gelungene Premierenserie war wohl erst der Auftakt zu vielen in den nächsten Jahrzehnten folgenden, unvergesslichen Aufführungen dieser Inszenierung von André Heller: Der Künstler verstand mit einem Augenzwinkern einen in Kostümen und Bühnenbild opulenten und geschmackvollen Rosenkavalier in Szene zu setzen, der stets ästhetisch ansprechend bleibt und an der schmalen Linie zum Kitsch zwar entlanggleitet, diese aber nicht überschreitet – eine Inszenierung für die Ewigkeit.

 

  • Rezension von Philipp Richter / RED: DAS OPERNMAGAZIN
  • Staatsoper Unter den Linden / Stückeseite
  • Titelfoto: Staatsoper Berlin/Rosenkavalier/Michèle Losier (Octavian) und Günther Groissböck (Baron Ochs auf Lerchenau)/Foto @ Ruth Walz

2 Gedanken zu „Ein Ochs zum Verlieben: „Der Rosenkavalier“ an der Staatsoper Berlin&8220;

  1. Nachdem ich heute im Fernsehen den Rosenkavalier gesehen und dann dazu die Kritik auf dieser Seite gelesen habe,
    war ich ein wenig erstaunt, dass ein Rezensent eines Fachmagazins die Rolle des Ochs als Bariton verortet und Sie dann auch noch dem Barak gegenüberstellt, der ja nun in der Tat dem Baritonfach zuzuordnen ist. Liest das kein anderer Kollege aus der Redaktion um zumindest nachträglich korrigierend einzugreifen?

    1. Während wir unsere Gedanken zum neuen Rosenkavalier an der Berliner Staatsoper zu Papier brachten, lief auf dem Plattenteller die Aufnahme dieser Oper von Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern und dem wunderbaren Walter Berry in der Rolle des Baron Ochs auf Lerchenau (hach…. und die vortreffliche Christa Ludwig als Marschallin) …. Jener Bassbariton Walter Berry war auch ein großer Vertreter des Baraks aus der „Frau ohne Schatten“ ist, und so kam es zu dieser Assoziation!

      Wir haben es nun korrigiert, originär ist der Baron selbstverständlich die Paraderolle eines Bassisten!

      Herzlichen Dank

      Phillip Richter, opernmagazin.de

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