Die Sopranistin Aile Asszonyi im Portrait

Theater Bonn: ELEKTRA/ Aile Asszonyi/Foto @ Thilo Beu

Mechthild Tillmann, die Herausgeberin des Opernblogs  live in der Oper , traf im Vorfeld der Bonner Premiere der Strauss-Oper ELEKTRA die Titelheldin – die Estin Aile Asszonyi. Daraus entstand der folgende Artikel, der die Sängerin eindrucksvoll und lebensnah vorstellt. Das sie ein Interview mit einer der nunmehr international besten ELEKTRAS führen sollte, war zu dem Zeitpunkt zwar erhofft, sollte sich aber wenige Tage später nach der glanzvollen und gefeierten Opernpremiere bestätigen. DAS OPERNMAGAZIN dankt seiner Opernfreundin Mechthild Tillmann für die freundliche Genehmigung, ihr Portrait mit der Sopranistin an dieser Stelle für die Leser/-Innen des DAS OPERNMAGAZINs übernehmen zu dürfen. Viel Spaß beim Lesen!

 

Aile Asszonyi, die Estin mit dem dramatischen Sopran

Worauf gründet sich der Nationalstolz der Esten? Auf das Singen! Das estnische Liederfest gehört zum UNESCO Weltkulturerbe und just in diesem Jahr findet es wieder – wie alle fünf Jahre – in Tallinn statt. Nahezu selbstverständlich also, dass Aile Asszonyi, die am 10. März 2019 mit der Titelrolle in Richard Strauss‘ Elektra debütiert, ihre sängerische Karriere im Estnischen Philharmonischen Kammerchor der Hauptstadt begann.

 

Einiges zu ihrem Hintergrund will sie gleich zu Beginn loswerden. In ihren Adern fließt ungarisches Blut und um das zu veranschaulichen, entblößt sie ihre Handgelenke – als ob man es wirklich sehen könnte. Zwei Stunden mit Aile siedeln sich auf meiner Künstlerskala bei der  Intensität eines kleinen Vulkanausbruchs an. Sie sprüht vor Erzählfreude, vor witzigen Anekdoten, eben auch zu ihrer Familiengeschichte. Der Großvater war calvinistischer Geistlicher in den Karpaten, ehemals dem k. u. k. Habsburgerreich zugehörig. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Region der Ukraine zugeschlagen und faktisch ein Teil der UdSSR. Zusammen mit Kollegen schrieb er einen Protestbrief an den Genossen Stalin, der wenig amüsiert war. Umgehend ordnete er die Deportation in ein Arbeitslager mit Kupfermine an. Der Großvater überlebte, fand seine Frau und die vier Kinder wieder und ließ sich im useligen Estland nieder. Sein Sohn András heiratete eine Estin – et voilà nach einem älteren Bruder wurde Aile geboren.

„Ich glaube, meine Mutter hat ihr Leben lang versucht, mir das aufbrausende ungarische Temperament auszutreiben. Früher konnte ich aus friedlich, ruhiger Stimmungslage in einer Nanosekunde den Schalter zu wutschnaubend und rasend umlegen.“ Aile lacht, mittlerweile hat sie sich selbst gezähmt. Und ich lache mit, wenn sie ein wenig um der Pointe willen übertreibt. „Die Esten wie die Finnen bewegen die Lippen und das Gesicht beim Sprechen so gut wie gar nicht. Sie sprechen lange nichts und dann sehr langsam.“ Ihre Landsleute halten sie für einen Alien und diagnostizieren in Sekundenschnelle, dass sie im Ausland gelebt hat.

Sechs Jahre Italien haben natürlich ihre Spuren hinterlassen. Mit all‘ den Vokalen, dem Gestikulieren, der Körpersprache … An die wunderbarste Zeit ihrer Sängerausbildung denkt sie mit Wehmut zurück. „Meine Eltern haben ihr Sommerhaus verkauft, um mir diesen Traum zu ermöglichen.“ Zwei Monate residierte sie in Busseto im Hotel „I due Foscari“ (ah … der genius loci!) und studierte bei Maestro Carlo Bergonzi. Einerseits waren das Proben und das Rollenstudium streng reglementiert – keine Freiheiten, kein freier Ton! Andererseits dauerte der tägliche Unterricht beim Maestro auch schon mal zwei statt einer Stunde – ad libitum!

Aile Asszonyi / Foto @ Theater Bonn

Früh erkannten die Eltern ihr Talent, organisierten Klavierunterricht und schickten sie auf eine musisch ausgerichtete Schule. „Das waren die Jahre nach 1990, als die UdSSR zusammenbrach und die baltischen Staaten alles daransetzten, autonom zu bleiben. Embargos folgten, kein Strom, Essensmarken. Harte Zeiten, in denen Aile beharrlich ihr Ziel verfolgte.

Ihre Gesangslehrerin, eine konservative, ukrainische Instruktorin mit festem musikalischem Kosmos, bildete sie zur Mezzosopranistin aus. Aile stellt sie karikierend dar. „Warum willst du Soprano singen, Kind. Musst du alberne Koloraturen darbieten. Nichts für dich, zu hoch.“ – Wenn jemand an Ailes Vermögen zweifelt, erzeugt das reflexartig eine Jetzt-erst-recht-euch-werd-ich’s-zeigen Haltung. Was ihre erste Gesangslehrerin meinte: „Du hast eine große, vielleicht etwas unbiegsame Stimme, deshalb Mezzo.“ Aile sinniert über die unterschiedlichen Hörweisen, auch von Experten. „Meine Stimme hat sicher einen sehr großen Umfang, mit viel Kraft und Klang in den unteren, tiefen Registern, aber gleichzeitig verfügt sie über das leichte, mühelose Ansteigen zu weichen, geschmeidigen Höhen. Also ein Mezzo für die einen und ein Koloratursopran für die anderen.“ Mittlerweile hat sie eine menschliche und künstlerische Reife erreicht, die diese Flexibilität zu einer Auszeichnung macht. Beauty lies not only in the eye of the beholder, but also in the ear of the listener!“, wenn ich das Plato-Zitat mal abwandle.

Zunächst studierte sie Chordirigat an der Musikhochschule und schloss mit dem Diplom als Dirigentin und Musiklehrerin ab. Danach spezialisierte sie sich auf klassischen Gesang an der Estnischen Akademie für Drama und Musik. Auf diese Zeiten blickt sie heute voller Dankbarkeit zurück. Sie lernte, Partituren zu studieren, alle Instrumente und alle Stimmen zu memorieren, das große Ganze zu sehen. Besonders in der Elektra helfe ihr das heute. „Die Partie ist immer ein bisschen schräg, an vielen Stellen nicht ganz kongruent. Die Verzögerung dauert oft nicht mal einen halben Takt, dann setze erst ich ein, danach die Violine.“ Während sie das erklärt, bewegen sich ihre Zeigefinger wie die zwei Parallelen, die sich im Unendlichen treffen.

Zu unserem Tee-Termin kommt sie schon einigermaßen erschöpft. Viele Stunden hat sie mit Daniel Johannes Mayr, dem Assistenten des GMD Dirk Kaftan in dieser Produktion, an den Finessen gefeilt. Was genau? „Der Text ist so verdammt anspruchsvoll. Während der Proben sitzt Daniel hinter Kaftan und macht sich Notizen zum fine tuning.“ Aile genießt das Feinschleifen, wie mit dem Dirigat die Rolle wächst und stimmig wird, auch wenn es sie anstrengt. In kluger Voraussicht hatte sie bereits Stunden bei ihren Coaches, Toomas Kaldaru in Rom und Kirsten Schötteldreier in Amsterdam genommen – zwei Menschen, denen sie von Herzen für die Unterstützung dankt.

Opernhaus Bonn / Foto © Thilo Beu
Opernhaus Bonn / Foto © Thilo Beu

Denn die Arbeit mit Dirk Kaftan bringt sie zu dem Punkt, wo ihre Stimme frei wird. „Nur so großartige Dirigenten wie Maestro Kaftan führen eng bis zu dem Punkt, wo sie alles ins Können und in die Inspiration des Sängers legen. Fantastisch!“ Aile berichtet von diesem Gefühl, wenn die Endorphine sie überschwemmen, wenn alles Glück dieser Welt den Körper und die Seele flasht. „Danach kannst du süchtig werden!“

Aber wie kam es eigentlich zu ihrer Verpflichtung in der Bonner Elektra? In der Spielzeit 2016/2017 sang sie die Mutter in Luigi Dallapiccolas Der Gefangene und die Ghita in Alexander Zemlinskys Der Zwerg an der Oper Graz. Dirk Kaftan bat sie daraufhin, in seiner allerersten Oper am Theater Bonn, Penthesilea von Othmar Schoeck, die Schwester Prothoe zu singen. Auch ihr Auftritt wurde ein großer Erfolg, den das Publikum begeistert feierte. Nach der Derniere standen die drei Herren – Generalintendant Dr. Helmich, Chorleiter Marco Medved und GMD Dirk Kaftan – beieinander und boten ihr die Elektra-Titelpartie an. Helmich sprach überzeugend, Medved traute ihr die Partie zu und Kaftan sagte, erschöpft vom Teufelsritt der Penthesilea: „Mach’s einfach!“.

Dabei war ihr der dramatische Sopran wahrhaftig nicht in die sängerische Wiege gelegt. Kämpfte sie bei ihrer Gesangslehrerin noch (Ich kann 16tel singen, sogar ganz viele hintereinander, ich beherrsche alle Koloraturen), sollte es ja partout eine Mezzokarriere werden. Bis sie mit Mozart debütierte: die Despina in Cosí fan tutte.  Donna Elvira in Don Giovanni folgte, Violetta in La traviata, Marguerite in Faust und Lisa in Pique Dame, Mimi in La Bohème und Rosalinde in der Fledermaus. To name but a few. Was darüber hinaus den satten Klang ihrer großen Stimme ausmacht, ist die jahrelange Erfahrung der Solopartien aller großen Barockkantaten von Bach & Co. Heute noch beherrscht sie ein Riesenrepertoire an Motetten auswendig.

Ailes Engagement am Theater Bonn kommt ihren momentanen Lebensumständen sehr entgegen. Ihr Lebensmittelpunkt liegt nur drei Stunden von Bonn entfernt, in einen kleinen Ort in der Nähe von Amsterdam. Dort hält das Familienhaus für ihren Mann und ihren fast fünfjährigen Sohn ein privates Refugium bereit. Eine glückliche (späte) Mutter sei sie, dem Leben so dankbar für diesen munteren kleinen Kerl, der bei den Großeltern gut aufgehoben ist, wenn beide Eltern Engagements haben. Ihr Mann ist der renommierte niederländische Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema. Her „ever supporting and loving husband“ motivierte sie seinerzeit, die Prothoe zu singen. Er selbst verehrt Peter Konwitschny, den Regisseur der Bonner Produktion, sehr. Bleibt fast obligatorisch die Frage nach der babylonischen Sprachenvielfalt. Muttersprache Estnisch, erste Fremdsprache Russisch, dann Englisch, dann Finnisch, Italienisch, Niederländisch … und jetzt Deutsch. Leider habe sie versäumt, Ungarisch zu lernen, als es in der Familie noch regelmäßig gesprochen wurde. Nahezu unverzeihlich, wie sie selber konstatiert.

Theater Bonn: ELEKTRA/ Aile Asszonyi/ Foto @ Thilo Beu

Nun also Strauss. Auf Deutsch. Sie, die Perfektionistin, bucht auch an den probenfreien Tagen extra Stunden, um jede Betonung, jeden Atem auf den Punkt zu bringen. Im Café singt sie vor, wie sie mit Obertönen die notierten Werte modulieren kann – beeindruckend! Und wie sie spontan vom Stuhl aufspringt und spielt! „Wir hätten sie gern am Theater, wenn sie nicht bereits an die Oper ‚verloren‘ wäre.“, schwärmte der Leipziger Theaterintendant Enrico Lübbe von ihrem Schauspieltalent bei der Elektra-Matinee. „Er ist wunderbar“, sagt Aile. So wie Kaftan vom Musiktheater her denkt, so denkt Lübbe Theater mit der Musik. Er hat selber Musik studiert und versetzt sich mit Leichtigkeit in die Aufgabe der Sängerinnen und Sänger. Darüber hinaus gebe er den Akteuren Raum, ihre eigenen Ideen einzubringen. Auch das schätzt Aile sehr; schließlich füllt sie die Rolle mit Leben.

Geführt zu werden bis zu dem Punkt, an dem sie selbst frei fühlt – so arbeitet sie am liebsten. Die Protagonistin beherrscht die Bühne für die gesamten zwei Stunden, auch wenn sie gerade nicht singt, sondern mit ihrem intensiven Spiel als Zentrum des Geschehens wirkt. Für die außergewöhnliche Rolle (eine nahezu olympische Aufgabe, wie sie selber sagt) hat sie sich einen Pfad zurechtgelegt, der sie leitet. Visuelle Stützpfeiler hat sie in ihrer Imagination aufgebaut, die der pausenlosen Oper ihre Struktur geben, damit sie sich ihre Kraft gut einteilt.

Eine großartige Persönlichkeit mit einer überschäumenden Energie – so sitzt mir Aile Asszonyi gegenüber. Ein Workaholic sei sie, selten zufrieden mit sich, hart arbeitend und immer mit Tiefe im Auftritt. „Wir sind keine Maschinen. Und wir haben auch mal einen schlechten Tag.“ Aber sie ist überzeugt, dass das Publikum spürt, wer mit Hingabe Künstler ist. Dabei hatte sie voriges Jahr große Sorge, dass sie viel früher als erwartet ein bürgerliches „Hausfrauenleben“ führen würde. Die Tonsillen mussten entfernt werden – und das hätte das Aus für die Sängerin bedeuten können. Aber sie singt – und wie!

Was steuert sie als nächstes an? Mehr Strauss? Vielleicht Die Frau ohne Schatten, wenn es sich ergibt. Oder Wagner, die Brünhilde? Oder Turandot? Große dramatische Frauenpartien, denen Aile Asszonyis große Stimme und die Intensität ihrer überzeugenden Bühnenpräsenz sicherlich fantastischen Ausdruck verleiht.

 

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