ARIODANTE bei den Händel-Festspielen in Halle/Saale (Livestream)

Händel Festspiele Halle/ Ariodante/Ginerva&Polinesso

Während der Zeiten (28. Mai bis 13. Juni 2021), in denen, gäbe es keine Corona-Pandemie, die Händel-Festspiele in Halle (Saale) live stattgefunden hätten, sind zahlreiche Händel-ehrende Online-Streams über die Website der Händel-Festspiele (https://haendel.digital/)verfügbar. Zu diesen gehört auch Händels Dramma per musica in drei Akten „Ariodante“, HWV 33, das in szenischer Aufführung, durch das Marionettistica Carlo Colla & Figli Mailand, gemeinsam mit der hervorragend historisch fundiert musizierenden Lautten Compagney Berlin unter dem renommierten Dirigenten und Händel-Preisträger Wolfgang Katschner zur Aufführung gebracht wurde. Die schlüssige, wenn auch unbefriedigende, Bearbeitung für Marionettentheater (Inszenierung) übernahmen Franco Citterio und Giovanni Schiavolin. 

 

Die Handlung der Oper ist von verschiedenen Intrigen und Verwechslungen geprägt, so wird Dalinda durch ihre Liebe zu Polinesso zur Verbrecherin, indem sie sich als Ginevra verkleidet, Polinesso liebt eigentlich Ginevra und will durch sie auf den schottischen Königsthron, um sein Ziel zu erreichen verleumdet er Ginevra als untreu, sie wird vom König, ihrem Vater zum Tode verurteilt, Lurcanio, der Bruder Ariodantes liebt Dalinda, wird aber abgewiesen, er tötet im Zweikampf den Intriganten Polinesso. Doch alles geht gut aus, die Paare Lurcanio und Dalinda, Ariodante und Ginevra, finden zueinander.

Der Stream stammt aus dem Mai 2021 und wurde im Stadttheater Schaffhausen aufgenommen. Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Saalesparkasse förderten das Unterfangen. In den letzten Jahren hatten die Lautten Compagney Berlin und das Marionettentheater Carlo Colla & Figli Mailand schon während der Händel-Festspiele Halle (Saale) die Opern „Rinaldo“ und „Giustino“ herausgebracht. Der Stream ist eine gemeinsame Produktion der Händel-Festspiele Halle, des Stadttheaters Schaffhausen, der Associazione Grupporiani Mailand, Comune di Milano – Teatro Convenzionato und der Lautten Compagney Berlin.

Händel Festspiele Halle/Ariodante/Foto @ lautten
compagney BERLIN

Nach der rhythmisch kraftvollen Ouvertüre in historisch fundierter Aufführungspraxis, bestens interpretiert von der Lautten Compagney Berlin, öffnete sich der Vorhang. Besonders hervorstechend waren die Bühnenbilder von Franco Citterio, alle handgemalt, die naturgetreue Landschafts- und Naturdarstellungen enthielten, beispielsweise eine Landschaft mit Schloss, einen See umspielt von Wald und Blumen, die Mondnacht, eine Burg vor imposanten Felsen, der prächtige Königssaal vor grünender Natur sowie ein dunkles Verlies. Der in italienischer Originalsprache gesungenen Oper wurden durchweg deutsche Untertitel zugefügt.

Inga Schäfer als Ariodante, gespielt von einer goldbraun gekleideten Puppe mit langen braunen Haaren (Kostüme: Cecilia Di Marco und Maria Grazia Citterio), interpretierte diese Partie mit durchscheinendem, warmem Mezzosopran mit dunkel, herbem Timbre und sauberen Koloraturen in großer Ausdrucksfülle. Hanna Zumsande als Ginevra bewies die große Reinheit und hohe Brillanz ihrer Sopranstimme in reinstem Legato, war aber auch zu größerer Dramatik fähig. Aline Wilhelmy als Dalinda begeisterte mit engelsgleichem leichtem Sopran. Altistin Julia Böhme als Polinesso stand in nichts hinter den glänzenden Leistungen der anderen zurück. Robert Pohlers in seiner Doppelrolle als Lurcanio und Odoardo gefiel durch seine schwebende Tenorstimme in großer Geläufigkeit, alle Schwierigkeiten mit Bravour meisternd. Die glänzendste Leistung brachte Elias Arranz als Il Re di Scozia mit ausdrucksstarkem, profundem Bass mit großem Nachhall und fundierter Stimmführung. Die ganze Aufführung wurde von einem herrlich durchscheinenden Gesamtklang geprägt, der die kleinste Nuance hörbar werden ließ. Die Marionetten wurden geführt von Franco Citterio, Maria Grazia Citterio, Piero Corbella, Camillo Consulich, Debora Coviello, Carlo Decio, Cecilia Di Marco, Tiziano Marcolegio, Pietro Monti, Giovanni Schiavolin und Paolo Sette.

Überhaupt besticht diese Aufführung durch fantasievolle Kulissen und detailreich kunstvoll hergestellte, historisch passend gekleidete Marionetten. Es ist eine interessante Kooperation zwischen den verschiedenen Theatersparten, die neue Schattierungen zu setzen versteht. Allerdings wird in den vielen Nahszenen deutlich, dass die Marionetten nicht in der Lage sind die Mundbewegungen der Sänger*innen adäquat umzusetzen. Teilweise fehlen die Mundbewegungen zum Gesang ganz oder werden von der falschen Puppe ausgeführt. Auch ist es den Puppen nicht gegeben, die schauspielerische Intensität darzubringen, das Publikum zu rühren, wie es ein(e) schauspielernder Sänger*in vermöchte. Die Puppengesichter mussten emotionslos bleiben, so dass bei den zahlreichen Wiederholungen der Arien beinahe Langeweile aufkommen kann. Das führte zu langen statischen Szenen während der Arien, da das Bühnengeschehen und der schauspielerische Ausdruck versagt blieben. Deshalb war es sehr schade, dass nicht die Sänger*innen selber das Bühnengeschehen dominierten und überhaupt, bis auf kurze Einblendungen, nicht zu sehen waren, obwohl ihnen doch naturgemäß der überwiegende Anteil am Gelingen der Aufführung zukommt. Die Bild-Ton-Qualität der Übertragung war hervorragend und ließ nichts zu wünschen übrig. Eine durchaus sehenswerte Aufführung voll musikalischer Finesse.

 

  • Rezension von Dr. Claudia Behn / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Händel-Festspiele Halle
  • Titelfoto: Händel-Haus/Foto: Thomas Ziegler

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