Die kleine Meerjungfrau / Hamburg Ballett/Solisten Silvia Azzoni und Carsten Jung /Foto @ Kiran West

„Wenn die Sehnsucht Märchen gebiert“ – Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ als Ballett an der Staatsoper Hamburg

Die kleine Meerjungfrau / Hamburg Ballett/ Foto @ Kiran West
Die kleine Meerjungfrau / Hamburg Ballett/ Foto @ Kiran West

Besuchte Vorstellung der Wiederaufnahme des Balletts in der Staatsoper Hamburg am 8.11.17 – Wir kennen sie alle, die Geschichte der kleinen Meerjungfrau, die unsägliche Leiden auf sich nimmt, um den menschlichen Prinzen für sich zu gewinnen, was ihr nur in Disneys „Arielle“ gelingt. John Neumeier kreierte dieses Werk gemeinsam mit dem Königlich Dänischem Ballett anläßlich Hans Christian Andersens 200. Geburtstags im Jahre 2005, in Hamburg hatte „Die kleine Meerjungfrau“ am 1. Jui 2007 Premiere und feierte am vergangenen Dienstag (8.11.) eine gelungene Wiederaufnahme.  

 

Neumeier war noch nie ein Choreograf, der seine Tänzer eine Geschichte wortgenau nachtanzen lässt, aber auch nie jemand der sie völlig, den eigenen Ansichten und Lebenserfahrungen angepasst verändert. Es gelingt ihm stets einen Bezug, zum wahren Leben zu finden In diesem Fall, lässt Neumeier auch de Geschichte hinter dem Märchen tänzerisch erzählen, in dem er sie aus den Augen des „Dichters“ zeigt. Hans Christian Andersen fühlte, sich sehr zu dem Edvard Collin hingezogen, zu dem ihn eine intensive Freundschaft verband, die bei der Hochzeit Collins eine tiefe Veränderung erfuhr. Hier setzt Neumeier,an. Die Hochzeit des Kapitäns/Prinzen Edvard (Carsten Jung) mit Prinzessin Henriette (Carolina Agüero) lässt in dem Dichter (Ivan Urban) die Figur der kleinen Meerjungfrau (Silvia Azzoni) entstehen. Seine Sehnsucht nach Edvard scheint sich in ihrer Geschichte zu spiegeln, haucht ihr Leben ein.

Die kleine Meerjungfrau / Hamburg Ballett/Ivan Urban/Foto @ Kiran West
Die kleine Meerjungfrau / Hamburg Ballett/Ivan Urban/Foto @ Kiran West

Neumeier, der auch für Bühnenbild, Licht und Kostüme verantwortlich zeichnet, gelingt es mit grafischen Mitteln, wie einer Art Kiste, die die Enge der Menschenwelt für die Meerjungfrau demonstriert, geschwungenen Leuchtkonstruktionen für das Meer und unzählige Lichtpunkte für den Sternenhimmel, eine romantisch märchenhafte Atmosphäre zu schaffen. Auch seine Kostüme zeigen deutlich den Unterschied zwischen der grellbunten, überladenen Menschenwelt und der geheimnisvollen, immer ein wenig im Dunklen liegenden, Meerestiefe. So trägt Azzoni im Meer eine Rock-Hose mit überlangen, überweiten Beinen, die die  Schwanzflosse suggerieren. Besonders wenn Azzoni von drei schwarzgekleideten Meeresbewohnern getragen wird, entsteht der Eindruck, sie würde schwimmen.

Die Musik, die der Geschichte mehr als gerecht wird, den Ohren jedoch nicht immer schmeichelt, stammt aus der Feder von Lera Auerbach. Sie entwickelte für die Meereswelt fast sphärische Klänge, für die Menschenwelt Märsche, Tänze die das Laute, und für die Meerjungfrau fast Unerträgliche, unterstreichen und zitiert in einem für die Meerjungfrau schicksalhaften Moment sogar Beethovens Leitmotiv aus der 5. Sinfonie.
Doch sind es die Tänzer, die all diese Ideen erst mit Leben erfüllen, was in einem Handlungsballett von
John Neumeier, bedeutet, nicht nur eindrucksvoll zu tanzen, sondern auch darzustellen und Emotionen zu zeigen.

The Little Mermaid/Hamburg Ballett/ Dancer: Silvia Azzoni / Foto Kiran West
Die kleine Meerjungfrau / Hamburg Ballett/
Tänzerin: Silvia Azzoni / Foto Kiran West

Hauptdarstellerin Silvia Azzoni meistert diese Aufgabe mit Bravour. Die Rolle scheint ihr vom ersten Schritt bis zum letzten stillen Seufzer auf den Leib geschrieben. Ihre Darstellung, der verzweifelt Liebenden, berührt und bewegt auf intensive Weise. Die kindlich-jugendfrische Freude die die 44-jährige Azzoni als Meerjungfrau empfindet, erwärmt Herz und Seele. Noch mehr fasziniert jedoch ihre tänzerische Leichtigkeit und die Schönheit ihrer Bewegungen, die durch wunderschöne Ports de bras, -Armbewegungen-, wortwörtlich bis in die Fingerspitzen reichen. Ivan Urban als Dichter ist ihr ein ebenbürtiger, durch seine zurückhaltende Art auffallender Partner. Er durchlebt das Schicksal seiner Figur, besticht durch tänzerische Eleganz. Besonders in der Schlussszene, die ähnlich wie in Neumeiers „Illusionen wie Schwanensee“, in einem Pas de deux die Quintessenz, der Geschichte darstellt, sind die beiden ein schwerelos wirkendes Paar.

Das Objekt der Liebe von Dichter und Meerjungfrau wird getanzt von Carsten Jung. Auch er zaubert Lächeln auf die Gesichter, wenn er ernsthaft Zuneigung spielerisch beantwortet, wie mit dem „Nasenklau“, das wir sicher alle aus der Kindheit kennen. Er ist ein kraftvoller Tänzer,dem große Sprünge ebenso liegen, wie kleine Momente mit Spannung zu füllen. Wie zum Beispiel der Augenblick, der letzten Begegnung mit der Meerjungfrau. Nur wenige Sekunden entsteht der Eindruck, nun würden die beiden sich doch küssen, als er sich mit einem Kuss auf die Stirn verabschiedet. Jung, Azzoni und auch Neumeier gelingt es, aus diesen kurzen Wimpernschlägen etwas Besonderes zu machen.

Doch auch Carolina Agüero als Henriette zeigt, dass sie ohne Anstrengung tänzerisches mit schauspielerischem Können verbinden kann. Sie entwickelt sich von der neugierig kindlichen Klosterschülerin zu einer erwachsenen Braut, die nicht teilen will, was ihr gehört. Jung und Agüero sind ein sehr harmonisches Paar, dessen Pas de deux durch seine Kraft und Energie und ihre Leichtigkeit und Zartheit überzeugen.

Die kleine Meerjungfrau / Hamburg Ballett/Solisten Silvia Azzoni und Carsten Jung /Foto @ Kiran West
Die kleine Meerjungfrau / Hamburg Ballett/Solisten Silvia Azzoni und Carsten Jung /Foto @ Kiran West

Alexandre Riabko als Meerhexer, kommt eine wichtige, wenn auch nicht sehr umfangreiche Rolle zu, der er, auf gewohnt souveräne Art und Weise Gewicht verleiht. Er gehört zu jenen Künstlern, denen es gelingt, auch wenn sie nur über die Bühne schreite, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ganz zu schweigen von seinen energiegeladenen Sprüngen und seinen, zwar der Rolle entsprechenden, aber doch ungewöhnlich weichen Armbewegungen, die die Wellen vor den Augen der Zuschauer lebendig werden lassen.

Als Fazit lässt sich sagen, dass Neumeier Ballette manchmal etwas verwirren, wie den Reaktionen einiger Besucher während der Aufführung oder bei Pausengesprächen zu entnehmen ist, weil sie die Erwartungen an die Geschichte auf eine andere, als die gedachte Art, erfüllen. Am Ende jedoch steht stets einhellige, enthusiastische Begeisterung. Und die haben sich allen voran die Tänzer, aber auch alle anderen Beteiligten, wie das Philharmonisches Staatsorchester Hamburg und  Dirigent Simon Hewett, mehr als verdient.

 

  • Rezension von Birgit Kleinfeld
  • „Die kleine Meerjungfrau“ – Ballett von John Neumeier – Weitere Infos, Termine, Karten unter DIESEM LINK
  • Titelfoto: Die kleine Meerjungfrau / Hamburg Ballett/Solisten Silvia Azzoni und Carsten Jung /Foto @ Kiran West

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.