theaterhagen: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL – Premiere vom 6.9.2014

Foto: © Theater Hagen Klaus Lefebvre
Foto: © Theater Hagen Klaus Lefebvre

Koloraturen im Käfig

Das Stadttheater Hagen beginnt die neue Saison mit Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“, das annähernd zwanzig Jahre nicht mehr an der Volme gegeben wurde.

Die Inszenierung von Thomas Weber-Schallauer bringt in heutiger Weise das Stück auf die Bühne, ohne sich irgendwie „modern“ auszustellen, zwar sind die Kostüme von Christiane Luz für die „Westler“ modernen Zuschnitts, doch die Türken tragen orientalische Kostüme. Das Bühnenbild von Jan Bammes besitzt schlichte Zeitlosigkeit, zunächst mit dem Halbrund einer weißen Mauer vor einem himmelblauen Horizont die Abgeschlossenheit des Landsitzes suggerierend, öffnet sich der Raum zum Serail, um den Blick auf einen symbolischen, „goldenen Käfig“ freizugeben. Manchem wird das vielleicht etwas etwas platt von der Idee her erscheinen, doch die Schlüssigkeit überzeugt, zumal die Ornamentik attraktiv die Ästhetik des Hagener Theaterbaus aufgreift. Weber-Schallauers Personenregie versucht durch Emotionalisierung der Dialoge dem etwas biederen Handlungverlauf des Singspiels zu entkommen, doch gerät die Sprechweise öfters ins Undeutliche; eine Tatsache, die sicherlich auch den „nicht Muttersprachlern“ im Ensemble zu Schulden liegt; an der Textverständlichkeit sollte durchaus noch gefeilt werden. Zum Zweiten betont er gerade im Zwischenmenschlichen der beiden Liebespaare doch etwas zu sehr die Ängste und Traumatisierungen der Protagonisten, statt auf die Stärken der Liebe zu setzen. Insgesamt wirkt die Inszenierung jedoch sehr gelungen, manches Detail ist vielleicht unnötig, anderes jedoch gelingt gut. Deshalb gibt es gerade für die szenische Leitung einen besonders erfreulichen Schlussapplaus.

Musikalisch hat Florian Ludwig mit dem Philharmonischen Orchester Hagen sehr sorgfältig gearbeitet, was man schon an dem feinen Ausfeilen der Details der Ouverture merkt, mit den szenischen Einsätzen bin ich nicht ganz so zufrieden, denn Ludwig neigt dazu die emotionalen Phasen der Ensembles, gerade die Duette zwischen Osmin und seinen Gegnern etwas zu verhetzen, wie er die langsamen Nummern mit einer Übersteigerung von Pausen allzu genüßlich ausdehnt ( erste Blonde-Arie, wie die Arien Konstanzes) , die Anschlüsse an manch dehnend ausgespielten Dialog , bräuchten auch eine schnellere Dynamik.

© Theater Hagen Klaus Lefebvre
© Theater Hagen Klaus Lefebvre

Mit Kejia Xiong entwickelt sich ein junger Tenor im Ensemble, der sehr gut das lyrische Fach mit leichtem Hang zum Zwischenfach auszufüllen weiß. Der Belmonte ist (auch ohne die Baumeister-Arie) eine lange Partie, die einige Stamina benötigt, denn die Beteiligung an vielen Ensembles und die drei verbliebenen Arien fordern. Xiong singt mit schönem Schmelz und stets auf Linie, die Ziselierungen gelingen ebenso wie die Einsätze auf langen Atem, da hat man ordentlich Freude an schönem Mozart-Gesang. Sarah Längle kann als Konstanze nicht ganz so mithalten, zwar besitzt die Sopranistin eine brilliante Höhe für die geforderten Koloraturen, eine gute Tiefe, doch im relativ liegenden Registerwechsel verläßt die Stimme den Körperklang und klingt matt, da steht noch Arbeit für die sympathische, junge Sängerin bevor.

Besser klingt da Maria Kliers Blonde mit den enormen Soubrettenhöhen, die Mozart komponiert hat, beide Frauenportraits wirken überaus modern und reflektierend inszeniert. Richard van Gemert ist ein sehr präsenter, von Ängsten beherrschter Pedrillo, stimmlich macht er durch Ausdruck in den Ensembles viel her, doch die heikle Arie „Frisch zum Kampfe“ bringt ihn mit den recht gestemmten Spitzentönen doch an die Grenze.  Mit Martin Js. Ohu aus dem aufgelösten Wuppertaler Ensemble gibt es als Osmin ein erfreuliches Wiedersehen, so gibt er duch jugendliche Attraktivität durchaus eine mögliche Alternative für Blonde, stimmlich gefällt seine satte Tiefenlage und der Mut den emotionalen Ausdruck über die musikalische Linie schnappen zu lassen, was Mozart ausdrücklich von seinem Interpreten verlangte. Werner Hahn komplettiert das Ensemble als Bassa Selim, kommt aber erst zum rettenden Finale über die Rolle als Stichwortgeber hinaus. Der Opernchor ergänzt in den wenigen, doch hervorragend ausgeführten Einsätzen, das Soloquartett gefällt durch Sorgfalt und Klangharmonie.

Das Stadttheater Hagen besitzt mit dieser Neuproduktion vielleicht keine aufregende Interpretation, doch eine Aufführung, die letztendlich viel Freude bereitet. Das Publikum freute sich recht von Herzen ob des Endes der Theaterpause und spendete seinen Künstlern einen außerordentlich herzlichen, langanhaltenden Premierenjubel. Sicherlich auch als deutliches Zeichen für den Erhalt des in der letzten Saison doch durch Sparandrohungen sehr gebeutelten Hauses.

Martin Freitag  10.9.14/mit frdl. Genehmigung von www.deropernfreund.de

*Fotos: Theater Hagen / Klaus Levebvre

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