Staatsoper Hamburg /Lucia di Lammermoor/ mit Katerina Tretyakova / Foto @ Jörn Kipping

Staatsoper Hamburg: Lucia di Lammermoor -„Sandra sag, was sollt‘ das nur …“

Staatsoper Hamburg /Lucia di Lammermoor/ mit Katerina Tretyakova / Foto @ Jörn Kipping
Staatsoper Hamburg /Lucia di Lammermoor/ mit Katerina Tretyakova / Foto @ Jörn Kipping

Gemeinsame Rezension der besuchten Lucia di Lammermoor-Vorstellungen vom 23.5.17 (mit Ramon Vargas als Edgardo) und 26.5.17 ( mit Atalla Ayan als Edgardo) in der Staatsoper Hamburg 

Ja, es ist wahr, diese gereimte Überschrift scheint auf den ersten Blick vielleicht sinnlos. Die Inszenierung von Sandra Leupold in den Bühnenbildern von Stefan Heinrichs und den Kostümen von Esther Bialas bietet aber nun einmal die ganze Oper lang kaum etwas das, in Bezug auf die Geschichte Sinn macht.

Der Roman „The Bride of Lammermoor“ von Walter Scott, wie auch Salvatore Cammaranos Umsetzung für die Opernbühne, sind voller Wirrungen, Irrungen und romantisch emotionalen Verwicklungen. Schließlich geht es um eine Liebe, groß und verboten, wie jene von Romeo und Julia, Intrigen und den buchstäblichen Verkauf der eigenen Schwester, um durch ihre Verheiratung mit einem anderen das eigene Hab und Gut zu retten. Und das alles im sagenumwobenen schottischem Hochland des ausgehenden 16. Jahrhunderts.


Staatsoper Hamburg /Lucia di Lammermoor/ mit Katerina Tretyakova / Foto @ Jörn Kipping
Staatsoper Hamburg /Lucia di Lammermoor/ mit Katerina Tretyakova / Foto @ Jörn Kipping

Sandra Leupold lässt die Geschichte wann auch immer – wo auch immer spielen. Hinter einer Theaterbühne? In einem Fundus?? Es gibt viele Porträts von Personen, die gut in die Zeit passen, in der das Stück eigentlich spielt. Es gibt ein, gelinde gesagt „schmuddeliges“ kleines Waschbecken, dass als die Quelle dient, in dessen „Fluten“ sich einstmals eine unglückliche Ravenswood-Gattin stürzte. Lucia (Katerina Tretyakova) und ihre Zofe Alisa (Marta Swiderska) rollen für ihren ersten Auftritt aus einem aufklappbaren Bild, vermutlich von jener unglücklich Ertrunkenen, hervor. Lucia in einem übergroßen Männerschlafanzug mit Spitzenbesatz, Alisa in einem altmodischen Nachthemd mit Häubchen auf dem Haupt und dicker Brille auf der Nase, Enrico, Lucias Bruder (Alexey Bogdanchikov), trägt Reitkleidung und einen Pullunder in Rauten-, bzw. Schottenmuster. Überhaupt sind die Kostüme ein Mix verschiedener Epochen. Oder besser: Jedes einzelne Kostüm ist ein Mix aus Elisabethanischem Zeitalter und einem anderen, moderneren. Das Liebesduett fand bis 2015 auf einer Plastikpalme statt. Nun singen und träumen Edgardo und Lucia vor ihr stehend von Glück und Liebe. Dann ist da noch das riesige Himmelbett, das Bräutigam Arturo (Oleksiy Palchikov) seiner Braut Lucia schenkt. Während der Hochzeit taucht auf diesem Bett der betrogene Edgardo (23.5. Ramon Vargas / 26.5. Atalla Ayan) auf. Er schwört, dass nicht nur sein Blut fließen werde und beginnt eine Kissenschlacht. Szenen wie diese tragen leider dazu bei, dass sich dass Publikum ab und zu belustigt, und sich so gut wie gar nicht berührt fühlt. Zumindest nicht durch die Geschichte. Denn musikalisch waren beide Vorstellungen ein absoluter Genuss.


Sergei Ababkin, junges Mitglied des internationalen Opernstudios, als Normanno ist zwar kaum zu hören, und scheint noch etwas überfordert. Da er gesanglich die Oper eröffnete, senkte das die Erwartungen an den Rest des Abends, doch das änderte sich schnell wieder. Denn die anderen Rollen, auch die etwas kleineren, waren sehr gut bis hervorragend besetzt. Marta Swiderska, ebenfalls Mitglied des Opernstudios, zeigt als Alisa, einer eher unbedeutenden Rolle, dass sie und ihr dunkel gefärbter Mezzo noch viel Schönes zu bieten haben. Oleksiy Palchikov als Arturo, besticht durch seinen leicht und sicher geführten Tenor, der wie geschaffen scheint für Rollen wie beispielsweise den Comte Almaviva und den Tamino, die er in der nächsten Spielzeit hier singen darf. Der Bass Alexander Roslavets (Raimondo) macht mit voller und warmer Stimmfarbe auf sich aufmerksam und durch sensibles Spiel: Man merkt ihm einen gewissen Zwiespalt an, der aus Mitleid mit Lucia und Treue zu Enrico besteht. Selbst im Finale, das er fast schon in der linken Bühnengasse kauernd singen muss, ist er gut hörbar. Alexey Bogdanchikovs Enrico fehlte es am 23.5. darstellerisch wie stimmlich ein wenig an Überzeugungskraft. Doch am 26.5. sorgte auch er, besonders im Duett mit Lucia und in den Szenen mit Edgardo (Ayan). für Begeisterung.


Staatsoper Hamburg /Lucia di Lammermoor/ mit Katerina Tretyakova / Foto @ Jörn Kipping
Staatsoper Hamburg /Lucia di Lammermoor/ mit Katerina Tretyakova / Foto @ Jörn Kipping

Katerina Tretyakova kam nach mehr als einem Jahr für die „Lucia di Lammermoor“ in die Staatsoper Hamburg zurück. Und sie triumphierte. Sie ist eine Künstlerin, die nicht nur ihr stimmliches Handwerk brillant versteht, deren Stimme sich weiterentwickelt hat, – denn die Höhen sitzen noch verlässlicher und die Mittellage klingt voller-  als fühle sie sich auch hier wohler als früher. Nein, es gelingt ihr selbst in dieser Inszenierung, das Publikum darstellerisch in ihren Bann zu ziehen. Sei es, wenn sie mit Edgardo unter Plastikpalmen, von erfüllter Liebe und Seligkeit träumt, sich dabei wie eine Puppe in Raimondos Armen hängend, ihrem Schicksal ergibt. Oder wenn sie während der berühmten Wahnsinnsarie, mit dem blutigen Mordmesser eine Hochzeitstorte anschneidet, und dabei gleichzeitig die schwierigsten Koloraturen singt

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In der am 23.5. besuchten Vorstellung sang
Ramon Vargas. Die Erwartungen waren, da Vargas einen Namen von Weltrang hat, hoch und wurden weitgehend erfüllt. Trotz der, als schwierig bekannte Akustik der Staatsoper, füllte seine mit südländischen Schmelz gefärbte Stimme das Haus, auch wenn sie in den Spitzentönen leicht angestrengt klingt. Seine langjährige Bühnenerfahrung scheint ihm zu Gute zu kommen in der Darstellung, ohne jedoch stereotyp und routiniert zu wirken. Er hat, genau wie Tretyakova und all die anderen bereits an diesem Tag, den stürmischen Applaus wohlverdient.

Dennoch wurde dieser Belcanto-Abend von der Vorstellung am 26.5. noch übertroffen. An diesem Abend galt die Erwartung besonders dem jungen, brasilianischen Tenor Atalla Ayan, der sein Debüt hier gab. Schon sein Auftritt im ersten Bild sorgte für den seltenen „Wow-Moment“. Seine Spitzentöne haben genau die Strahlkraft, die das Publikum so liebt. Die Szenen mit Lucia, das Erscheinen auf deren Hochzeit und schließlich auch Edgardos große Finalszene, bewiesen viel Können und wahre Leidenschaft für Gesang und Spiel.

Fazit: Beide Abende waren ganz große Oper! Verwirrend zwar für Auge und Verstand, aber purer Genuss für die Ohren.

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* Gastartikel/Rezension von Birgit Kleinfeld, Hamburg 31.5.2017

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