"Simon Boccanegra" /Staatsoper Hamburg / Foto @ Brinkhoff-Mögenburg

Staatsoper Hamburg: Gefeierte Wiederaufnahme von Verdis „SIMON BOCCANEGRA“ am 15.10.2017

"Simon Boccanegra" /Staatsoper Hamburg / Foto @ Brinkhoff-Mögenburg
„Simon Boccanegra“ /Staatsoper Hamburg / Foto @ Brinkhoff-Mögenburg

Die Macht der Liebe lässt sich nicht vereinen mit der Liebe zur Macht.“

Dies scheint das Fazit aus Giuseppe Verdis Oper „Simon Boccanegra“ zu sein, die in ihrer endgültigen Fassung am 24. März 1881 an der „Scala“ in Mailand zum ersten Mal auf die Bühne gebracht wurde.

 

Fast exakt 24 Jahre nach der Uraufführung, der ursprünglichen Fassung am Theater „La Fenice“ in Venedig. Das Libretto stammt wie bei vielen anderen Verdi Opern von Franceso Maria Piave und es behandelt wie „Rigoletto“ und „Luisa Miller“ die, nicht einfache Vater-Tochter-Beziehung. Hier jedoch geht es nicht nur um des Vaters Misstrauen dem Erwählten der Tochter gegenüber, sondern auch um politische Intrigen, Macht und auch um Rache. Und nicht nur der riesige, an ein verformtes menschliches Herz erinnernde riesige schwarze Fels ,der von Akt zu Akt mehr durch das Glaskassetten-Bühnendach bricht, bis er auf der Bühne liegt, macht deutlich, dass niemand seinem Schicksal entgehen kann.


Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht der Doge Genuas „Simon Boccanegra“ (gesungen von Claudio Sgura). In der Inszenierung von Claus Guth aus dem Jahr 2006 führt Boccanegra gewissermaßen selbst durch die Handlung. Die Kostüme von Christian Schmidt entsprechen der auch heute noch so gerne verwendeten „Tradition“, die Handlung ins Heute zu holen, indem man alle in schwarze oder graue Anzüge, Kleider oder Kostüme steckt, den Damen, jedoch, die eine Hauptrolle spielen, ein bodenlanges Abendkleid überstülpt. Boccanegra selbst, der Korsar war, bevor man ihm zum Dogen erwählte, trägt einen hellgrauen Mantel, wie wir ihn aus Mantel- und Degenfilmen für „Piraten-Helden“ kennen und auch lieben.

Während der Ouvertüre sehen wir Boccanegra umgeben von Freunden, Tochter und Volk tot am Boden. Am Ende des Vorspiels erhebt er sich und alle anderen verlassen rückwarts die Bühne: Die Geschichte, die Rückschau beginnt.

 

"Simon Boccanegra" /Staatsoper Hamburg / Foto @ Brinkhoff-Mögenburg
„Simon Boccanegra“ /Staatsoper Hamburg / Foto @ Brinkhoff-Mögenburg

Ein goldener Bilderrahmen, der im Bühnenhintergrund hängt, dient als eine Art Spiegel. Hier steht ein Boccanegra-Double vor einer Reihe weißer Türen. Dieses Double, wie auch eine Dame, die die stumme Rolle von Boccanegras verstorbener Liebe Maria Grimaldi spielt, taucht immer wieder auf, um die Handlung, Boccanegras Erinnerungen und seine Gefühle zu verdeutlichen. So kann Boccanegra immer Erzähler bleiben und seine Doubles zu den Handlungen anleiten, die Boccanegra einst selbst ausführte. Ein interessanter Einfall der Regie, der Claudio Sgura, – schon durch seine Körpergröße eine imposante Bühnenerscheinung -, eine weitere Möglichkeit gibt, zu zeigen, was er auch darstellerisch kann. Nämlich mehr zu sein, als der Bösewicht, den er hier in Hamburg als „Jago“ in Verdis „Otello“ und „Jack Rance“ in Puccinis „La Fanciulla del West“ bereits zum Besten gab. Faszinierte Sgura damals durch beinahe dämonische Kälte und Überlegenheit, berührte er gestern in seinem Rollendebüt als Mann aus dem Volk, der Herrscher wird, gegen seinen Feind Jacopo Fiesco kämpfen und seine lange verschollen geglaubte Tochter Amelia, die er wiederfand, beschützen muss. Waren in den anderen Partien laute kraftvolle Töne gefordert, so sind es in dieser Oper auch die sanften. Claudio Sgura überrascht damit, dass er beides mit Bravour liefert: er schmettert genauso Wut und Verzweiflung heraus, wie er beim ausdrücken von Liebe, Hoffnung, Trauer und Trost, besonders in den hohen Lagen, Ohr und Seele schmeichelt.


Der zweite Debütant an diesem an diesem Abend jedoch, der Bass Alexander Vinogradov, bleibt der Darsteller, der die glanzvollste Leistung bot. Sein Fiesco, Vater der von Boccanegra geliebten Maria, den er jedoch aufgrund dessen bürgerlichen Herkunft nie akzeptieren konnte, lässt sich für Intrigen gegen den Feind benutzen und verzeiht endlich, mit einer stimmlichen Inbrunst, die unter die Haut geht. Selbst in den Tiefen sind die Töne glasklar, ist seine Diktion deutlich. Er nimmt so, scheinbar ohne jegliche Schwierigkeit, das gesamte Publikum sofort für sich ein. Mit Recht.

 

"Simon Boccanegra" /Staatsoper Hamburg / Foto @ Brinkhoff-Mögenburg
„Simon Boccanegra“ /Staatsoper Hamburg / Foto @ Brinkhoff-Mögenburg

Der dritte im Bunde der männlichen Hauptdarsteller mit tiefer Stimme ist Alexey Bogdanchikov als Paolo Albiani, der Boccanegra erst auf den Dogenthron setzt, dann aber, als er seine Erwartungen enttäuscht sieht, dessen Mord einfädelt. Seine Leistung, durchschnittlich gut, verhindert dennoch nicht, dass sich vorsichtig die Frage den Weg bahnt, warum er so oft unter seinen Möglichkeiten zu bleiben scheint, die er doch bereits unter Beweis stellte. Doch immer wieder keimt auch – noch vorsichtiger – die Hoffnung auf, dass er bald, was immer ihn hindert, überwindet um, der zu werden, der er sein könnte.
Tenor
Massimo Giordano gefällt vor allem, weil er halt Tenor und damit der Held ist. Sein Gabriele Ardorno, der Verbündete Fiescos und heimlicher Geliebter Amelias, vermag einfach nicht zu überzeugen, weder darstellerisch noch stimmlich. Abgesehen von einigen, wirklich schönen Spitzentönen, die so leicht Defizite fast vergessen lassen. Aber eben nur fast.
Die chinesische Sopranistin Guanqun Yu
, die einzige Frau in dieser teilweise illustren Herrenrunde, räumt mit der landläufigen Meinung auf, asiatische Künstler wären technisch stets so perfekt, wie sie bei Ausdruck und Ausstrahlung Schwächen aufweisen würden. Denn ihre Amelia Grimaldi strahlt stimmllich, wie auch als liebende Tochter und Frau, Intensität aus. Um den Begriff des warmen wohltönenden Soprans nicht überzustrapazieren, sei ein optischer Vergleich an dieser Stelle erlaubt: Ihre Stimme erinnert an einen in das Sonnenlicht reflektierenden Bernstein, ohne irgendwelche verunreinigenden Einschlüsse.


Alles in allen ist „Simon Boccanegra“ ein typischer Verdi, denn des Meisters Handschrift ist in jedem Ton erkennbar. Und dann wieder ist dieses inhaltlich so verwirrende und musikalisch so einnehmende Werk, so gar kein Verdi wie ihn auch die, die Oper nur oberflächlich mögen, kennen. Fehlen doch die sich so im Ohr festsetzenden Melodien oder gar Gassenhauer, wie sie aus Rigoletto, Traviata und Co bekannt sind. So schön das Philharmonisches Staatsorchester Hamburg unter
Christoph Gedschold auch spielt, etwas mehr Dynamik, klarere Spannungsbögen im Dirigat, hätten jenen Mangel an Eingängigkeit noch mehr wettmachen können, als es gestern der Fall war.

Jeder der die Möglichkeit hat, sollte diese wahrnehmen um die Leistungen von Sgura, Vinagradov und Yu zu genießen und sich vielleicht sogar überzeugen lassen, dass die anderen sich zu dem hier Geschilderten noch gesteigert haben.

  • Weitere Infos, Termine und Karten unter DIESEM LINK 
  • Rezension der besuchten Vorstellung am 15.10.2017 von Birgit Kleinfeld, Hamburg

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