TOSCA/Staatsoper Hamburg/ Vassallo-Harteros-Kaufmann/ Foto @ Michael Bellgardt

Staatsoper Hamburg: Doppelkritik zum „TOSCA-Galaabend“ am 17.4.18 mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann in den Hauptrollen

Staatsoper Hamburg / Logo
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DAS OPERNMAGAZIN war diesmal mit zwei Rezensenten bei diesem Event dabei. Grund genug auch für zwei – zugegebenermaßen ähnlich begeisterten – Kritiken diese Hamburger TOSCA-Aufführung in Starbesetzung zu beschreiben, ja, schon fast ein wenig zu würdigen. Die Staatsoper Hamburg, in letzter Zeit nicht immer frei von Kritik, hat sich an diesem Abend so glänzend präsentiert wie sicher schon lang nicht mehr. Ein Opernabend wie er festlicher nicht sein könnte und jedem nationalen, wie auch internationalen, Vergleich standhält. 

Über die Hamburger TOSCA-Inszenierung hat DAS OPERNMAGAZIN bereits ausführlich berichtet.

Die OPERNMAGAZIN-Rezensentin für Hamburg,  Birgit Kleinfeld, und OPERNMAGAZIN-Herausgeber Detlef Obens haben den TOSCA-GALAABEND am 17.4.2018 in der Hamburger Staatsoper besucht. Erstmalig seit dem Bestehen des DAS OPERNMAGAZIN deshalb  eine Doppelkritik.

 

 

Rezension von Birgit Kleinfeld:

Victoria? Victoria! – Sieg auf ganzer Linie

Galavorstellung von Puccinis „Tosca“ mit Anja Harteros, Jonas Kaufmann, und Franco Vassallo

Welch würdiger Abschluss der „Italienischen Opernwochen“ an der Staatsoper Hamburg!
Noch kurz bevor sich der Vorhang zum ersten Akt hob, waren hier und da leise Zweifel zu hören: „Ich glaub erst, dass er da ist, wenn ich ihn sehe!“  „Da kommt bestimmt gleich jemand vor den Vorhang und sagt, dass er krank ist.“ „Ob er wirklich so toll ist, wie alle sagen?“ Doch: „Er“, sprich Jonas Kaufmann, war wirklich da, nicht krank und bezauberte mit seinem jungenhaft natürlichen Charme, seiner beeindruckenden Bühnenpräsenz, wie auch mit dem Schmelz seines mehr und mehr baritonal gefärbten Tenors, mit dem er dennoch strahlend klare Höhen erreichte. Es ist sicher ein Zeichen der Zeit im allgemeinen und vielleicht auch ein wenig von der norddeutschen Seele im besonderen, dass es keinen Auftrittsapplaus gab, für ihn, der doch so sehnsüchtig erwartet worden war. Auch der Szenenapplaus nach „Recondita armonia“ fiel eher mäßig aus. Leider. Gut es stimmt, seine ersten Töne, mit Spannung erwartet, sobald er, liebevoll den Mesner scheltend, die Bühne betritt, waren nicht ganz sauber. Doch dann …

TOSCA/ Staatsoper Hamburg/ Vassallo-Harteros-Kaufmann/ Foto @ Sarah Weissberg
TOSCA/ Staatsoper Hamburg/ Vassallo-Harteros-Kaufmann/ Foto @ Sarah Weissberg

Dann berührte er mit zart dahin gehauchten Piani und strahlenden Höhen die Seele der Zuhörer, zauberte Lächeln in die Herzen. Und doch öffnen sie sich ihm nicht ganz. Noch nicht. Verborgen hinter den Nebeln des harten Urteils meldete sich leise, doch hörbar, ein Stimmchen und fragt:“Hätte ich jemanden, der einen weniger bekannten Namen trägt, nicht mehr Anerkennung gezollt, für dieselbe Leistung?“ Und noch leiser schwingt irgendwo ein „Kann schon sein“.
Spätestens vom mühelos heraus geschmetterten „Victoria! Victoria“ an, öffnen sie sich doch die Herzen. Und das Stimmchen ändert Sichtweise und Position, macht eine Siegesfaust und ruft „Ja!“.Seine große Arie im dritten Akt „E lucevan le stelle“ wurde begeistert beklatscht und bejubelt und es waren sogar zwei „Bis! Bis! (Zugaberufe) zu hören.
Darstellerisch überzeugt
Kaufmann hingegen vom ersten Moment an. Liebevoll tadelt er seine Tosca für ihre Eifersucht und scheint sie doch gerade dafür umso mehr zu lieben. Selbstsicher und rebellisch begehrt er Scarpia gegenüber auf. Voller Vorfreude auf die vermeindliche Freiheit schäkert und scherzt er mit der Liebsten, bevor er einen heldenhaften Tod stirbt.
Doch auch der zweite männliche Hauptdarsteller bewegt, erschüttert und begeistert:
Franco Vassallo als, besonders in der gestrigen Darstellerkonstellation, dämonischer Scarpia. Er war in dieser Aufführungsserie von Puccinis Tosca, der Einzige, der in jeder Vorstellung zu sehen und zu hören war.  Ihm gebührt höchster Respekt für seine Fähigkeit sich der Ausstrahlung und Rollenauffassung, besonders seiner GesangspartnerInnen, anzupassen. So verdanken wir auch ihm, dass der zweite Akt zu einem Krimi wird, der zeitweise wahrhaft den Atem raubt.

Er liefert sich den gesamten Akt über wahre Ring- und Machtkämpfe mit ihr, der der zweite große Name an diesem Abend gehört: Anja Harteros in der Titelrolle. Selten war Scarpias Ausdruck „Quanto fuoco!“ passender für eine Tosca. Bleibt die vor kurzem geschilderte Begeisterung für Tatiana Serjans Tosca auch ungebrochen, so gebührt der Titel Primadonna Assoluta, oder besser noch: „Tosca Assoluta“ Anja Harteros für ihre gestrige Leistung.

Im ersten Akt stürmt sie auf die Bühne, ganz besitzergreifend liebende Frau, die schlingt Cavaradossi, spielerisch ihren Seidenschal um den Hals um ihn an sich zu ziehen, kreischend schleudert den Fächer, gegen das Bild der vermeindlichen Rivalin umd nur einen Wimpernschlag später wieder zerbrechlich zu wirken.  Im zweiten Akt läuft sie zur Hochform auf: Alles an ihr ist Gefühl in all seinen Facetten. Dazu bedient sie sich auch ihrer vielschichtigen Stimme: Mühelos schwebt Harteros regelrecht von Forte zu Piano und zurück, scheint in einem Atemzug von Crescendo zu Decrescendo zu gelangen Sie scheut sich auch nicht, Partiturgenauigkeit zu opfern, um Emotionen echt und wahrhaftig zu gestalten. Dabei ist sie auch körperlich ständig in Bewegung:
Ihr
„Vissi d’arte“, innig und ein Universum am Gefühlsregungen darbietend,choreografiert sie regelrecht und endet in lasziver Haltung auf dem Boden liegend. Sie mordet voller Inbrunst, zeigt Cavaradossi später mit fast kindlicher fröhlicher Hingabe, wie er zu fallen hat um dann endlich einfach nur dazustehen, bevor sie sich in den Bühnenhintergrund stürzt: Der Racheengel, dem man jedes Wort glaubt: „O Scarpia, avanti a Dio!“


Ja, diese Tosca wird Scarpia vor Gott wieder sehen.Um ihm das Leben zur Hölle zu machen. Nun endlich, brach auch im Zuschaueraum „die Hölle los.“ Nun endlich brachen sich Jubel und Applaus ihren Weg und mündeten in wohlverdienten Standing Ovations! Ja, es war ein, einer Gala würdiger Abend, auch dank der Darsteller der restlichen Partien, wie auch Chor, Orchester und Dirigent (Pier Giorgio Morandi).

 

Birgit Kleinfeld
Birgit Kleinfeld

© DAS OPERNMAGAZIN-APRIL 2018 / Birgit Kleinfeld

 

 

 

 

Rezension von Detlef Obens:

So muss Puccini sein!

Zum Abschluss ihrer Italienischen Opernwochen bot die Staatsoper Hamburg mit Anja Harteros als Tosca und Jonas Kaufmann als Cavaradossi zwei absolute Topstars der internationalen Opernszene auf. Logisch, dass diese Galaaufführung von Puccinis TOSCA im Handumdrehen ausverkauft war. Denn selbst für die Starverwöhnten Hamburger Opernfans ist es auch ein besonderes Erlebnis diese beiden Weltstars, dazu noch in dieser Oper, erleben zu können. Und um es vorweg zu nehmen: Ja, es wurde das Ereignis, zu welchem es im Vorfeld stilisiert worden war. Nicht nur ein gesellschaftliches, auch ein musikalisch-künstlerisches. Sicher mag der eine oder die andere ein Haar in der Suppe finden.  Aber darum soll es hier nicht gehen. Denn das Publikum war am Ende dieser knapp 3-stündigen Aufführung begeistert und zutiefst berührt. Hatte es doch ein Musiktheatereignis von Weltrang miterleben dürfen. Und das ganz besonders im großen, dramatischen, zweiten Akt. 

TOSCA/Staatsoper Hamburg/ Vassallo-Harteros-Kaufmann/ Foto @ Michael Bellgardt
TOSCA/Staatsoper Hamburg/ Vassallo-Harteros-Kaufmann/ Foto @ Michael Bellgardt

TOSCA, immer schon eine besondere Herausforderung für jede Sopranistin, die diese Partie verkörpert. Seit der legendären, und vermutlich auch singulären,  Rollenverkörperung einer Maria Callas war und ist es immer von großer Bedeutung, wie eine Sängerin diese tragische Heldin singt und auch  darstellt. Insbesondere im zweiten, handlungsdramatisch entscheidenden, Akt der Oper.  Tosca, die erkennen muss, dass sie ihre Ehre und ihren eigenen Willen einem brutalen Schlächter verkaufen soll um ihren Geliebten zu retten, kann dabei gesanglich als auch schauspielerisch entweder überziehen oder gar verblassen. Was aber Anja Harteros sowohl als Sopranistin, als auch als Darstellerin, in dieser Partie dem Publikum am 17.4.2018 in der Staatsoper Hamburg geboten hat, war sensationell und wird mir sicher in steter Erinnerung bleiben. Wie sie im Zusammenspiel mit dem ebenfalls großartigen italienischen Bariton Franco Vassallo (als Scarpia) das Drama bis hin zu dem Moment, wo sie ihn erdolcht, auslebte und erlebbar machte, war stellenweise atemberaubend und hatte absolut beste Krimiqualität. Sie verlieh der Partie der Floria Tosca reichlich stimmliche Ausdrucksmittel, war glänzend im Piano und expressiv und ausdrucksstark in den gesanglichen Ausbrüchen dieser Rolle. Das berühmte „Vissi d’arte„, welches Tosca vor der Tötung des verhassten Scarpia singt,  interpretiert Frau Harteros innig, höchst gefühlvoll und so berührend, das dass Hamburger Publikum sie dafür mit Bravorufen und starkem Applaus förmlich überschüttete. 

Kaufmann kam, sang und siegte…. Ja, da stimme ich dann doch sinngemäß mit der Einschätzung meiner OPERNMAGAZIN-Kollegin Birgit Kleinfeld völlig überein.

Und natürlich warteten sie fast alle auf „ihren Star“ – auf Jonas Kaufmann, den Opern-Weltstar aus München. Und natürlich hat er diese Aura, diese Ausstrahlung auf der Bühne, die man erwarten durfte. Seine baritonal eingefärbter Tenorstimme harmoniert auf ganz besondere Weise mit seinem attraktiven Äußeren. Ein Mario Cavaradossi wie aus dem Bilderbuch. Nach anfänglich leichten stimmlichen Unsicherheiten auf der nach oben zulaufend ansteigenden Bühne kam Kaufmann immer mehr hinein ins Geschehen, in die Verkörperung seiner Partie und erfüllte die an ihn gestellten Erwartungen auf beeindruckende Weise. Weshalb nach seiner Auftrittsarie(-Romanze) „Recondita armonia“ der Applaus eher verhalten ausfiel, ist mir ein Rätsel, aber dafür wurde er umso mehr nach der großen Arie im dritten Akt, „E lucevan le stelle“ vom Publikum gefeiert und mit absolut verdienten Ovationen bedacht. Auch wenn seine Stimme eher dunkel anmutet und auch klingt, so sind seine Spitzentöne – und davon hat Puccini einige für seinen Mario Cavaradossi vorgesehen – präzise gesetzt und von teilweise besonderer Schönheit. Das Publikum war begeistert. Und wie Gespräche während der Pause und auch im Anschluss an dieses Opernevent ergaben: auch viele der schreibenden Zunft konnten sich eines sehr angenehmen Eindruckes nicht verwehren. Um es mal hanseatisch vornehm-zurückhaltend auszudrücken. 

Ohne einen richtig bösen Scarpia ist natürlich die beste TOSCA-Aufführung eher spannungsarm und unspektakulär. Aber auch hier wusste Hamburg mit dem Mailänder Franco Vassallo zu punkten. Ungemein ausdrucksstark und ausgestattet mit einem voluminösen und und kraftvollen Bariton ist er nahezu der ideale Gegenspieler zu Anja Harteros‘ Tosca. Im großen und mächtigen „Te deum„, – ( großartig der Opernchor der Hamburger Staatsoper ) – dem Finale des ersten Aktes, liess er ein fast dämonisch zu nennendes gesangliches Feuer auflodern und machte auf das dann im zweiten Akt folgende große Zusammentreffen mit Tosca sehr neugierig.

Der Dirigent des Abends, Pier Giorgio Morandi, servierte dem Publikum einen Puccini der Extraklasse. Er und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg sind ebenbürtig hier im Kreis der versammelten Weltklasse des Abends zu nennen. Die Farben, die vertonten Emotionen, die klanglichen Höhenflüge und die schwelgerischen Augenblicke dieses Opernwerkes wurden durch diesen erstklassigen Klangkörper zu einem hör- und spürbaren Erlebnis.

Die Staatsoper Hamburg und alle diejenigen, die im Hintergrund dieses Opernereignis erst möglich gemacht haben, dürfen sich auf die sprichwörtliche Schulter klopfen. Und sie sollten es als eigenen Anspruch nehmen, die Zukunft dieses großartigen Opernhauses in einem solchen Sinne weiter zu führen. In Hamburg gehörten Weltklasse-Abend immer schon zum Standard. Die Ressourcen dafür sind da. Und das begeisterte Publikum allemal.

 

Detlef Obens / Das Opernmagazin

© DAS OPERNMAGAZIN-APRIL 2018 / Detlef Obens

 

 

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