Jeannette Wernecke / Foto @ Jessica Meier

Sopranistin Jeannette Wernecke – Auf den Bühnen der Welt zu Hause

Theater Hagen/ Marianne aus "Die Geschichten aus dem Wienerwald" von HK Gruber (nach Horvath) / zusammen mit Kenneth Mattice/ Fotograf: Klaus Lefebvre
Theater Hagen/ Marianne aus „Die Geschichten aus dem Wienerwald“ von HK Gruber (nach Horvath) / zusammen mit Kenneth Mattice/ Fotograf: Klaus Lefebvre

Jeannette Wernecke interpretiert die „Marie“ in der Oper „Prima Donna“  am Theater Augsburg neu

So richtig kann man es nicht glauben, dass die Rolle des Hausmädchens in Rufus Wainwraights moderner Oper „Prima Donna“ wie maßgeschneidert zu ihr passt: Jeannette Wernecke, die 1978 in Thüringen geboren wurde, ist eher ein Charakter für die Chefetage. In der zweiten Reihe findet sich die 39-jährige Koloratursopranistin tatsächlich eher selten wieder. Aber vermutlich würde sie auch dort dem Publikum vor allen anderen ins Auge springen. Dabei zog es Wernecke als Jugendliche keineswegs ins Rampenlicht, vielmehr strebte sie eine Karriere als Musiklehrerin an.

 

 

Die Idee dazu kam damals von Jeannette selbst. „Ich wollte immer musizieren. Wir hatten eine Blockflöte auf dem Schrank und ein kleines Heft mit einer Grifftabelle. Ich habe mir damit das Spielen selbst beigebracht“, erinnert sich der heutige Opernstar. Die Eltern unterstützten das Talent ihrer Tochter und schickten sie an die örtliche Musikschule. Deren Direktorin, Frau Pohl, erteilte Jeannette ihren ersten regulären Flöten-Unterricht. Kurz darauf kam das Klavier als Instrument dazu, „weil ich mich selbst beim Singen begleiten wollte.“ Bach, Beethoven – die großen Klassiker begleiteten Jeannette Werneckes Kindheit.

Jeannette Wernecke /Bigband/ Foto: R. Schöni
Jeannette Wernecke /Bigband/ Foto: R. Schöni

Dass die im thüringischen Nordhausen und folglich in der Ex-DDR stattfand, wurde ihr erst später so richtig bewusst. Schließlich war ihre Familie, wie viele, nicht sonderlich politisch. Gewisse Einschränkungen gehörten zum Alltag einfach mit dazu: „Es gab keine Bananen oder Pfirsiche, nur einmal im Jahr. Dann standen meine sieben Jahre ältere Schwester und ich mit unseren Eltern in Nordhausen oder auch Ost-Berlin in der Schlange.“ Allerdings: Im Fernseher liefen heimlich ARD und ZDF. Zudem gefielen Jeannette die meisten DEFA-Filme besser als die Produktionen aus dem Westen. Dabei denkt die Sängerin etwa an so liebevoll inszenierte und musikalisch aufwendig unterlegte Märchen wie „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

Bis zur Wende besuchte das Mädchen die Polytechnische Oberschule (POS), auf der Fleiß und Disziplin groß geschrieben wurden. Als „behütet, aber auch sehr fordernd“, umschreibt Wernecke das dortige Klima. Zu den Appellen Montags um 7 Uhr früh trugen die Schüler das blaue Pionier-Halstuch. Und sangen typische DDR-Lieder wie „kleine weiße Friedenstaube“. Mit 13 Jahren – die Stadt Nordhausen gehörte mittlerweile zu Gesamtdeutschland – wechselte Jeannette aufs Gymnasium. Immer noch war es ihr Traum, Musiklehrerin zu werden. Und so studierte sie an der Martin-Luther-Universität in Halle die Fächer Klavier sowie, zunächst im Nebenfach, klassischen Gesang. „Die Professorin Marina Sandel testete einmal unseren Stimmumfang und meinte dann, dass sie mich unterrichten will.“ Diese Expertin brachte die junge Frau auch auf die Idee, sich als Koloratursopran zu spezialisieren.

Jeannette Wernecke / Foto @ Jessica Meier
Jeannette Wernecke / Foto @ Jessica Meier

Noch während des Studiums schnupperte die noch nicht diplomierte Sängerin erstmals Bühnenluft. So übernahm Wernecke in Gera die Rolle des Blondchens in der „Entführung aus dem Serail“. Dabei lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, der ebenfalls vom Fach ist. Leonardo, der Sohn des super-musikalischen Duos, ist heute acht Jahre alt und lebt mit seinen Eltern im Ruhrgebiet. Wenn die beiden, wie so oft, auswärts verpflichtet sind, passen die Eltern der Sopranistin auf den Jungen auf. Der umtriebige Beruf des Ehepaars macht dies wohl relativ häufig nötig.

Zum Glück erlebte Jeannette Wernecke beruflich auch sehr lange Kontinuitäten: Von 2004 bis 2010 verpflichteten sie die Städtischen Bühnen Krefeld/ Mönchengladbach praktisch von der Uni weg. Versteht sich, dass die ehrgeizige Newcomerin – das Magazin `Opernwelt´ nominierte sie in einer Ausgabe für die beste Nachwuchssängerin – daneben eine Fülle weiterer Engagements erfüllte. Davon profitierte inzwischen das Publikum in Stuttgart, Dortmund, Luzern, Halle, Bonn, Bremen, Lübeck, Rostock, Wuppertal, Aachen sowie in Bielefeld. Auch bei den Opernfestspielen von Heidenheim trat das mittlerweile ziemlich bekannte Talent auf. Eine Vorliebe hat Wernecke übrigens: „Meine Lieblingsrolle ist die Lulu in Alban Bergs gleichnamigem Werk.“ Was ihr bei der Vielzahl an Auftritten besonders wichtig ist? „Dass der Regisseur gut ist“, fällt ihr dazu spontan ein.

Theater Krefeld/ Ariadne auf Naxos/ Foto @ Stutte
Theater Krefeld/ Ariadne auf Naxos/ Foto @ Stutte

Dabei umspannt ihr Repertoire die Periode vom Barock bis in die Gegenwart und deckt auch stilistisch eine enorme Bandbreite ab. So überzeugt Jeannette Wernecke als Oratorien- und Konzertinterpretin ebenso wie als Jazz- oder Operettensängerin. Mit der Münchener Bigband „Fink & Steinbach“ tritt die Künstlerin außerdem regelmäßig auf. Wenn sie für Musical-Galas auf der Bühne steht, versucht sie, die Menschen zu erreichen und für die Welt der Noten zu begeistern. Mit Auszügen aus dem populären `Phantom der Oper´ oder ABBA-Medleys gelingt ihr das scheinbar mühelos. Aber auch mit weniger zugänglichen Stücken. „Ich habe mal zwei 18-jährige Nachbarinnen in Horvaths `Geschichten aus dem Wienerwald´ mitgenommen´, erinnert sich die Koloratursopranistin. „Die waren so berührt, dass sie am Ende geweint haben. Das hat mich sehr bewegt.“

Seit 2013 kann man das Multi-Talent übrigens immer mal wieder im Fernsehen erleben. In Produktionen wie „Im Zeichen des Phönix“ oder „In Gefahr“ setzt sie als engagierte Schauspielerin Akzente. Weil Jeannette Wernecke als Darstellerin sowie musikalisch niemals stehenbleiben will, sucht sie stets die nächste Herausforderung. Die findet die 39-Jährige derzeit in Wainwrights bereits erwähnter Oper „Prima Donna“, in welcher sie in die Rolle des Zimmermädchens Marie schlüpft. „Der Rhythmus dieser französischen Gesangspartien ist zwar nicht kompliziert. Allerdings erfordert die Rolle einen sehr hohen Sopran.“ Hinzu kommen Riesensprünge über eine Oktave hinweg. „Lange hohe oder auch sehr tiefe Töne, wirklich schwer.“

Jeannette Wernecke als Fiakermili in ARABELLA/Oper Dortmund/ Foto @ Thomas M. Jauk
Jeannette Wernecke als Fiakermilli in ARABELLA/Oper Dortmund/ Foto @ Thomas M. Jauk

Das Ensemble in Augsburg interpretiert die Figur der eigentlich fürsorglichen Marie ein wenig vielschichtiger, als vom Komponisten vorgesehen – das verrät die Sängerin schon mal. Die Figuren der Oper sollen charakterlich möglichst von mehreren Seiten her beleuchtet werden.

Ganz sicher ist auch dies kein Problem für Jeannette Wernecke. Sie sucht ja bewusst das Komplizierte und Ausgefallene – „das Vertrackte“, wie sie es nennt. Schon in der Schule liebte sie schließlich die Logik und Genauigkeit. Wie gut, dass dennoch keine Mathematikerin aus ihr geworden ist.

 

 

 

  • Das Interview führte Dr. Daniela Egert, Journalistin aus Augsburg,  für DAS OPERNMAGAZIN

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.