Staatsoper Hamburg/DAS RHEINGOLD/ Foto @ Monika Rittershaus

Richard Wagners „Rheingold“ an der Staatsoper Hamburg – Aufführung vom 18.5.2018

Staatsoper Hamburg/DAS RHEINGOLD/ Foto @ Monika Rittershaus
Staatsoper Hamburg/DAS RHEINGOLD/ Foto @ Monika Rittershaus

Auf dem Dachboden wird die Welt geplant, im Keller die Herrschaft über sie…

Weia! Waga! Woge, du Welle!“ Klingt es nicht aus den Tiefen des Rheins, sondern aus einem großen Bett, das zwischen drinnen und draußen in einem Fenster steht. Hier necken naiv niedlich die Rheintöchter Alberich den Alben, verraten ihm endlich das Geheimnis um das Gold, das sie bewachen, denn: „Nur wer der Minne Macht entsagt,..“ dem bringt es Macht.


Mit den Worten: „Vollendet das ewige Werk …“ präsentiert Göttervater Wotan zusammen mit Froh, Donner und seiner Gattin Fricka auf dem Dachboden ein Weltenmodell, das einem Rohbau für einen neuen Abschnitt im „Miniaturwunderland“ gleicht, der Attraktion für Modeleisenbahn-Fans. Fasolt und Fafner, die an muskelbepackte Geldeintreiber erinnern, stören das Idyll der Familie Wotan. Sie zwingen den Göttervater sich hinab nach Nibelheim, bzw., in den Heizungskeller zu begeben, um das Gold von Alberich zu entwenden und so Freia zu retten und den Göttern weiterhin ewige Jugend zu gewähren. Unten in Alberichs Reich sprühen Funken, kracht und raucht es, bevor es zurück in luftige Höhen, zurück zum Weltenmodell um die neue Burg Wahala geht. Nachdem dann Freia mit genug Geldscheinen bedeckt ist, die Riesen bezahlt sind, zieht die Götterfamilie, geleitet von Loges leuchtendem Licht, frohlockend in ihrem neuen Heim ein.

Unübersehbar setzen Regisseur Claus Guth und sein Bühnen-/Kostümbildner Christian Schmidt im Vorabend des jetzigen „Hamburger Ring“(Premieren von 2008-2010) auf Humor. Dabei gelingt es ihnen jedoch, nicht all zu oft ins Alberne abzugleiten, sondern die zeitlos gültige Hintergründigkeit des Stückes beizubehalten. Allein die sich unter Bettdecken versteckenden Rheintöchter in ihren rosafarbenen Puppenkleidchen oder das spielerische Kräftemessen der Brüder Donner und Froh, mögen dem einen oder anderen eingefleischten Wagnerianer dann doch zu wenig „hehr“ sein.

Alles in allem jedoch, bescheren Guth und Schmidt dem Publikum zweieinhalb kurzweilige Stunden. Denn sie setzen nicht auf Uniformität, sondern geben jeder Figur einen individuellen Charakter und so denen, die es lieben in der Einheit zwischen guter Spielleitung und Musik zu schwelgen, die Möglichkeit in beiden immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Staatsoper Hamburg/DAS RHEINGOLD/ Foto @ Monika Rittershaus
Staatsoper Hamburg/DAS RHEINGOLD/ Foto @ Monika Rittershaus

Wunderbar umgesetzt wird dieses Konzept von einem spielfreudigen, durchweg stimmstarken Ensemble. Allen voran Vladimir Baykov, der gestern den Wotan sang. Er gibt das typische Familienoberhaupt, das plant, delegiert und sich doch fast widerstandslos dem liebevollen Regiments Frickas (Katja Pieweck) hin, die ihn umhegt und Sorge dafür trägt, dass er bei offiziellen Anlässen, wie dem Besuch der Riesen, angemessen angezogen ist. Baykov überrascht nicht nur durch seine stets verständliche Diktion, auch besonders durch eine geschickte Stimmführung, die die Ausdruckskraft seines Bassbaritons und damit auch Wotans Vormachtstellung gut zur Geltung bringt und nur im Schlussgesang, sehr leichte Schwächen aufweist.
Katja Pieweck unterstreicht die fürsorglich dominante Persönlichkeit ihrer Fricka durch sanft lyrischen Gesang, dem es an Fülle nicht mangelt. Ihre Darstellung ist gespickt von feinsinnig subtilen Humor, der dafür sagt, dass sich so manche Dame im Publikum wiedererkennt in der Mutter und Gattin.
Ihre Söhne, die Junggötter Donner und Froh verkörpern
Kay Stiefermann und Oleksiy Palchykov. So wie Stiefermann, zumindest stimmlich unter den Möglichkeiten seines, an einen Bariton mahnenden Basses zu bleiben scheint, so zeigt Palchykov in seinem Rollendebüt eine neue, kraftvolle Seite seines hellen, federleichten Tenors. Darstellerisch steht der eine dem anderen in nichts nach. Sie sind die wohlerzogenen Söhne, die sich ihren Aufgaben mit Hingabe stellen, der eine mit donnernder Vehemenz, der andere mit Zärtlichkeit, auch der Schwester Freya gegenüber.
Auch in dieser Rolle ist eine Debütantin zu sehen:
Iulia Maria Dan, die in der kommenden Spielzeit an die Staatsoper Dresden wechseln wird, um dort einige führende Partien zu übernehmen. Es bleibt zu erwarten, dass sie sich mit jedem Mal gesanglich steigert. Gestern waren noch einige Intonationsschwierigkeiten zu hören, was ihrer Bühnenpräsenz als Göttin der Jugend jedoch kaum einen Abbruch tat.

Staatsoper Hamburg/DAS RHEINGOLD/ Vladimir V. Baykov, Alexander Roslavets, Oleksiy Palchykov, Denis Velev, v.l.n.r./Foto @ privat genannte Künstler
Staatsoper Hamburg/DAS RHEINGOLD/ Vladimir V. Baykov, Alexander Roslavets, Oleksiy Palchykov, Denis Velev, v.l.n.r./Foto @ privat genannte Künstler

Überhaupt war es ein Abend der Rollendebüts, denn auch Alexander Roslavets als Fafner und Denis Velev Fasolt sangen ihre Partien zum ersten Male. Dabei blieb Roslavets stimmlich ungewöhnlich blass, wohingegen Velev wirklich brilliert und Fasolt romantische Züge verleiht, wenn er mit Freya turtelt, sie nicht fest sondern zärtlich hält. Stimmlich zeigte der junge Bassbariton, der Mitglied des „Internationalen Opernstudios“ ist, seine Entwicklungsfähigkeit und -bereitschaft.
Bei den Rheintöchtern Wellgunde
(Jenny Carlstedt), Floßhilde (Nadezhda Karyazina), ist einzig, die dritte im Bunde Katerina Tretyakova als Woglinde, die Rollenerfahrung, so wundert es nicht, dass sie das Trio stimmlich dominiert. Ansonsten macht es Freude, die Ausgelassenheit in Spiel und Tanz der Rheintöchter zu betrachten und sich der nicht ganz perfekten Schönheit ihres Schlussgesanges hinzugeben.

Ansätze für Kritik an seinem Gesang bietet auch das Hausurgestein Jürgen Sacher,der als Loge die Fäden des Schicksals in der Hand hält, bzw., Lösungen aus dem Zylinder zaubert. Er ist der durchtriebende Varietekünstler, der alle narrt und omnipräsent ist. Darstellerisch also gelingt es Sacher zu100%zu begeistern und zu überzeugen.

Stimmlich zu seiner Form zu finden benötigt auch Werner Van Mechelen in der Rolle des Alberichs. Doch dann „dreht“ er umso mehr aus, läßt seinen voluminösen Bass wütend oder verzweifelt donnern, zeigt in Spiel und Gesang alle Facetten zerstörerischer Emotionen. Sein Fluch „Wie durch Fluch er mir geriet, verflucht sei dieser Ring!“ geht durch und durch. Ähnlich wie Thomas Ebensteins kriecherisch, heuchlerischer Mime, der mit Stimm- und Körpereinsatz dafür sorgt, dass der Zuschauer zwischen Mitleid und Abneigung hin und hergerissen ist. Auch er gehört zu de, Überraschungen des Abends und der gesamten Spielzeit.
Immer wieder eine Freude ist es auch
Doris Soffel (Erda) zu erleben. Leichte stimmliche Schwächen macht sie selbst bei diesem kurzen Auftritt durch eine überwältigende Bühnenpräsenz, mehr als wett.

Hamburger Staatsoper / Foto @ Westermann
Hamburger Staatsoper / Foto @ Westermann

Einiges wettzumachen hat auch Dirigent Christof Prick, dem es nicht gelang die Spannung die sich auf der Bühne zeigte, in Wagners ausdrucksreicher Musik widerzuspiegeln. So waren die Bläser im Vorspiel von einer eher unangenehmen Dominanz, die verhinderte, dass man sich auf den wogenden Legatowellen der Streicher treiben lassen konnte. Auch den Leitmotiven, die im Rheingold ihren Anfang finden und für die drei Folgeabende von eklatanter Bedeutung sind, hätte eine pointiertere Ausarbeitung, gut getan.
Nichtsdestotrotz lässt der gestrige Abend bedauern, dass es noch bis November dauert, bis der gesamte
Guth/Schmidt „Nibelungenring“ auf die Bühne der Staatsoper Hamburg kommt. Denn, und das zeigte sich in verdienten, lang anhaltendem Applaus: Das Publikum fing Feuer.

 

  • Rezension der am 18.5.2018 besuchten Vorstellung von RHEINGOLD/Richard Wagner in der Staatsoper Hamburg von Birgit Kleinfeld
  • Titelfoto: Staatsoper Hamburg/DAS RHEINGOLD/ Foto @ Monika Rittershaus

 

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