Oper Leipzig/ Pagliacci/ Foto @ Tom Schulze

Oper Leipzig: „HERZOG BLAUBARTS BURG / PAGLIACCI“ – Bericht der Premiere v. 7.4.2018

Oper Leipzig/ Herzog Blaubarts Burg/ Herzog Blaubart (Tuomas Pursio), Judith (Karin Lovelius)/ Foto © Tom Schulze
Oper Leipzig/ Herzog Blaubarts Burg/ Herzog Blaubart (Tuomas Pursio), Judith (Karin Lovelius)/ Foto © Tom Schulze

Eigentlich war der Abend „nur“ eine halbe Premiere, denn Pilavachis Inszenierung von Ruggiero Leoncavallos „Bajazzo“ kam schon 2015 heraus, damals allerdings mit einer unglücklichen Vertonung des „Canterville Ghost“ eines amerikanischen Komponisten als Uraufführung. Jetzt als Kombination mit Bela Bartoks „Herzog Blaubarts Burg“; zwei Stücke, die aus den ersten Blick nicht allzuviel miteinander zu tun haben, doch der Abend belehrte eines Besseren.

 

„Judith, eine von uns“, so könnte man die Inszenierung von Philipp J. Neumann überschreiben, denn die Protagonistin tritt aus dem Publikum auf. Eine Frau, die dem Schicksal von Kinder, Küche und Kirche entgehen will, eine Waschmaschine droht als Symbol dafür. Sie sucht sich einen unangepassten Hipster, der sie auf die Bühne in eine herbe Natur, eine von kargen Moosen und Flechten geprägte, isländische Hügellandschaft laut Programm, für die ebenfalls der Regisseur zuständig war. Aus der fast mythischen Nebelszenerie pellt sich im Öffnen von Blaubarts Seelentüren immer mehr die Kulisse als Pose heraus, bis Judith herausfindet , das hinter der aufgeführten Harschheit genau die Zukunft lauert, der sie entgehen wollte: Blaubarts noch lebendige Frauen mit Kindern und eben den obligaten Waschmaschinen. Eine sehr lakonische Sicht auf das Werk, die ich interessant finde, jedoch durch ein etwas unentschiedenes Ende um die Wirkung gebracht wird.

Oper Leipzig/ Herzog Blaubarts Burg/ Herzog Blaubart (Tuomas Pursio), Judith (Karin Lovelius)/ Foto © Tom Schulze
Oper Leipzig/ Herzog Blaubarts Burg/ Herzog Blaubart (Tuomas Pursio), Judith (Karin Lovelius)/ Foto © Tom Schulze

Judith verlässt, wie Ibsens „Nora“, einfach die Szene und lässt den nicht mehr mysteriösen Mann in seiner Larmoyanz zurück. Schade! Die Spannung des Abends wird durch zwei Mitglieder des Leipziger Ensembles gehalten: Karin Juvelius als glühende Mezzo-Judith und Tuomas Pursio als herrlich basslastig dräuender Blaubart von wundervoll ambivalenter Körpersprache zwischen verletztem Seelchen und Macho, gesungen wird übrigens auf Ungarisch. Máté Gál als Originalsprachler, er hat auch eine Kleinrolle im zweiten Stück, spricht vieldeutig den Prolog und zeigt, dass im Opernchor viel einzelne Talente beschäftigt sind.

Für mich war der „Bajazzo“ ebenfalls frisch und die gründliche Neueinstudierung mit fast sämtlich neu besetzten Darstellern kommt einer Premiere recht nahe. Um es gleich zu sagen: das war der absolut spannendste „Bajazzo“, den ich bisher gesehen habe. Warum Anthony Pilavachi nicht auf den großen Bühnen zu finden ist, ist danach nicht zu verstehen. Bestes Handwerk in werkdienlicher Inszenierung, ohne dabei verstaubt zu wirken, hervorragende Personen-und Chorführung; den Verismo-Thriller mit vielen eigenen Kleinigkeiten in schier „Hitchcock`schem Suspense“ bis zum Ende gebracht. Tatjana Ivschinas (Bühnenbild/Kostüme) „Set“ zeigt keine Realität, doch verortet in Süditalien. Die attraktive Schwarz-Weiss-Optik erinnert an die Filme des italienischen Neorealismus und lässt nur ganz wenig Rot als Farbe zu. Der dominante Sänger des Abends, im zweiten Teil, ist der Tonio von Luca Grassi, ein zynisch unglücklicher Spielleiter mit prachtvollem Bariton, wieder einmal ein Sänger, bei dem man sich fragt warum, er nicht bekannter ist, gerade in dem doch angeblich so schwer zu besetzendem italienischen Fach.

Oper Leipzig/ Pagliacci/ Canio (Zoran Todorovich)/ © Tom Schulze
Oper Leipzig/ Pagliacci/ Canio (Zoran Todorovich)/ © Tom Schulze

Da müssten die Häuser eigentlich Schlange stehen. Mit Zoran Todorovich war der Canio recht prominent besetzt, der Tenor blieb der Partie auch nichts schuldig, leichte Schwierigkeiten wurden sofort in bewusste Emotionalität umgewandelt, was von großer Könnerschaft zeugt. Sein Canio ging wirklich zu Herzen, obwohl es ja kein sympathischer Charakter ist, selten hört man das „Vesti la gubba“ so voller Bitterkeit, das schlicht gespielte Intermezzo sinfonico zeigt große Schauspielkunst, die tenorale Wucht wird als Emanation eines verzweifelten Herzens eingesetzt. In der Figur der beiden Frauen trifft sich der Abend, denn umgekehrt zu Bartoks Judith, sucht Nedda einen bürgerlichen Ausstieg aus der Welt der Wanderkomödianten in der Beziehung zum reichen Bürger Silvio ,jedenfalls in dieser Inszenierung.

Eun Yee You kommt mit ihrem Sopran eher vom lyrischen Belcanto her und stößt mit der Nedda durchaus an ihre Grenzen, was sie aber zu einem intensiven Rollenporträt nutzt. Alik Abdukayumovs Silvio kommt stimmlich mit solidem Bariton etwas unscheinbar daher, darstellerisch wirkt er manchmal etwas unfreiwillig komisch, doch insgesamt gelingt eine ordentliche Rollenzeichnung. Dan Karlströms Tenor mag vielleicht nicht das Nonplusultra sein, was er als exzellenter Darsteller mühelos wett macht, sein Peppe ist eine Hauptpartie.

Oper Leipzig/ Pagliacci/ Foto @ Tom Schulze
Oper Leipzig/ Pagliacci/ Foto @ Tom Schulze

Die Chöre und Kinderchöre der Leipziger Oper sind mit ganzem Herzen bei der Sache, lediglich bei den Tenöre mochte man leichte Höhenschwächen ausmachen. Orchestral war natürlich der Bartok das stärkere Stück, was man der Leitung von Christoph Gedschold deutlich anmerkte: der Bartok war wundervoll gearbeitet; die fahlen Farben wurden den erratischen Orchestereruptionen schön gegenübergestellt, das Gewandhausorchester zeigt wieder einmal bei beiden Stücken großes Format. Beim Leoncavallo wünschte man sich vom Dirigat her doch noch mehr durchgearbeitete Details

Insgesamt ein spannender Abend, der interessante Zusammenhänge zwischen zwei anfänglich nicht unbedingt passenden Opern aufzeigte, wobei mich der zweite Teil noch mehr überzeugte. Auch keine schlechte Idee zu sparen, weil man quasi nur eine Neuinszenierung erstellte. Gerade Einakter, haben es bekanntlich, sowohl beim Publikum, als auch an den Theatern. Da es doch noch einige aufführenswerte Werke dieses Formats gibt, die allzu selten den Weg auf die Bretter finden, wäre es doch ganz reizvoll eine Art Einakter-Domino zu spielen. Also nächstes Mal „Herzog Blaubarts Burg“ wieder mit einem anderen Stück als Premiere zu kombinieren ? Mir fielen da noch einige Opern ein. Nur mal so als Vorschlag angedacht.

 

Rezension von Martin Freitag / Der Opernfreund

 

  • Titelfoto: Oper Leipzig/ Pagliacci/ Foto @ Tom Schulze
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