Oper DÜSSELDORF: „Zauberflöte“ – Schikaneders Experimentierkiste im Stummfilmgestus

Anke Krabbe (Pamina), Jussi Myllys (Tamino), Thorsten Grümbel (Sarastro) FOTO: Hans Jörg Michel
Anke Krabbe (Pamina), Jussi Myllys (Tamino), Thorsten Grümbel (Sarastro) FOTO: Hans Jörg Michel

Auch in Düsseldorf hat das lange Warten auf die neue „Zauberflöte“ ein Ende, denn Barrie Koskys Inszenierung hatte schon letzte Spielzeit von der Komischen Oper ihren Weg an das Duisburger Opernhaus gefunden, was einigen Düsseldorfern indigniert aufstieß.

Doch jetzt feierte die äußerst interessante Produktion, die auch noch nach Los Angeles geht, ihren Triumph in der NRW-Landeshauptstadt. Diese Inszenierung verdient es durchaus an verschiedene Theater weitergereicht zu werden, denn Kasky arbeitet mit dem Team Konzeption „1927“ zusammen. Dahinter stecken zum einen Suzanne Andrade, die auch für die Regie mitverantwortlich ist, wie Paul Barritt, dessen Animation den filmischen Ablauf formt. Nach einer einmal nicht bebilderten Ouvertüre, was ja an sich heutzutage eine wohltuende Ausnahme bedeutet, öffnet sich der Vorhang über einem „Zeichentrickfilm“, der die handelnden Personen, man möchte fast sagen, ummalt.

Cornelia Götz (Königin der Nacht), Anke Krabbe (Pamina) FOTO: Hans Jörg Michel
Cornelia Götz (Königin der Nacht), Anke Krabbe (Pamina) FOTO: Hans Jörg Michel

Die drei Künstler schaffen ihre sehr eigene Zauberflötenwelt über dieses Medium und holen dabei Anregungen aus allen Bereichen, da findet ein fröhliches Zitieren ohnegleichen statt, trotzdem bindet sich alles zusammen zu einer ganz eigenen Werkschau. Einen Hauptanteil besitzt der gute , alte Stummfilm, denn die sehr verkürzten Dialoge werden wie Zwischentitel gebracht, zudem müssen sich die Darsteller dabei auf eine ganz spezifische Art bewegen und ihre Mimik anbringen, den Rest macht der Film. Papageno ist dabei von Buster Keaton inspiriert, während Pamina an den Stummfilmstar Louise Brooks erinnert. Esther Bialas Bühne besteht eigentlich fast nur aus einer weißen Projektionsfläche mit Drehtüren auf verschiedenen Ebenen für die Animation, ihre Kostüme zitieren eben die Mode der Zwanziger Jahre, besonders bezaubernd fand ich die drei Damen. Die Filmbilder selbst erinnern an ganz viele Vorbilder, von der leichten Gruselbizarrie eines Tim Burton (Nightmare before Christmas) über den Beatles-Film „Yellow Submarine“, die Gruselklassiker des Stummfilms bis Anlehnungen an George Grosz, trotzdem amalgieren die Bilder zu etwas Geschlossenem und dabei bleibt die Oper immer noch die Oper.

Musikalisch ist es für den Dirigenten sicherlich nicht einfach den „Soundtrack“ zu einem Film in einem bestimmten Geschwindigkeitsmodus abzuliefern, ohne die Interpretation oder die Fähigkeiten der Sänger zu vernachlässigen. Bei Marc Piollet hat man nie das Gefühl, das er sich dadurch unter Druck gesetzt fühlt, so eine beschwingte, flotte „Zauberflöte“ dirigiert er mit den Düsseldorfer Symphonikern. Wie bei einem Stummfilm begleitet Dagmar Thelen am Hammerklavier die Szenen und Schrifttitel mit Mozarts Fantasien im gefilterten Zwanziger Jahre Stil. Man merkt, das alle Beteiligten mit viel Liebe daran arbeiten, dieses oft abgespielte Werk in dieser neuen Form zum Funkeln zu bringen. Als Zuschauer sitzt man , wie im Kinosessel, und staunt und lauscht, schmunzelt und läßt sich optisch und akustisch immer wieder verzaubern.

Thorsten Grümbel (Sarastro), Johannes Preißinger (Monostatos), Chor der Deutschen Ope ram Rhein FOTO: Hans Jörg Michel
Thorsten Grümbel (Sarastro), Johannes Preißinger (Monostatos), Chor der Deutschen Ope ram Rhein FOTO: Hans Jörg Michel

An der Besetzung, zum Großteil dreifach aus dem üppigen Ensemble der Rheinoper bestallt, zeigt sich das große Potential des Hauses: Thorsten Grümbel als Sarastro bringt keinen riesigen Dröhnbass auf die Bühne, sondern erfreut mit geschmeidigem Cantando bis in die tiefsten Tiefen. Mit Christina Poulitsi konnte man mit einer Königin der Nacht aufwarten, die ihre Bravourarien mit einer spielerischen Leichtigkeit meisterte, die man selten hört, da war kein Mitfiebern um einen Ton nötig. Ovidiu Purcels  Tenor wartet mit eigenem in der Höhe manchmal metallischem Ton auf, da sitzt noch nicht alles perfekt, neben manch hinreißendem Detail in der Bildnisarie, testet der Sänger seine stimmliche Dynamik, ein großes Versprechen für die Partie steht im Raum. Heidi Elisabeth Meier singt an diesem Abend die Pamina, doch ist auch als Königin angegeben, auch hier enormes Sopranpotential, das sicherlich irgendwann ins jugendlich-dramatische Fach führen wird. Ihr schönster Moment ist jedoch die innige Phrasierung am Ende der großen G-Moll-Arie. Romana Noack, Annika Kaschenz und Ramona Zaharia bilden ein Damentrio von Weltniveau, denn die Stimmen klingen sowohl eigen , als auch homogen, zudem wird pointiert mit dem Text umgegangen.

Torben Jürgens setzt seinen wohlklingenden Bassbariton als Sprecher von der Seitbühne ein. Mit Julian Lörch, Valentin Geißler und Theodor Wagner hat man echte Buben als Knaben, was mit den manchmal kindlichen Intonationen auf mich immer anrührender wirkt, als drei perfekte Sängerinnen. Bogdan Baciu schöpft seinen Papageno ohne die „lustigen“ Texte rein aus dem Gesanglichen,was mit seinem gepflegten Bariton samtigen Timbres und besonders schöner Tiefenaussprägung hervorragend gelingt. Anna Tsartsidzes Papagena assistiert im Revuedress mit feinem Sopran. Florian Simsons Monostatos gefällt durch sehr abgestuft eingesetzten Tenor, wie durch intensives Spiel in einer Maske, die Murnaus „Nosferatu“ abgesehen ist. Lukasz Koniecznys Bass hat die Nasenspitze als Geharnischter, vor Bruce Rankins Tenor. Besonders gelobt werden muß dieses Mal der Chor der Rheinoper unter Gerhard Michalski, oft überhört man, wie schön die Chöre bei Mozart klingen können, doch der Isis-Chor mit den balsamischen Männerstimmen, wie die Klangausgewogenheit bei den Finali werden noch lange einen klanglichen Maßstab setzen.

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Richard Šveda (Papageno) FOTO: Hans Jörg Michel

Damit hat die Rheinoper wieder eine wunderschöne Zauberflöten-Produktion im Repertoire, die  in ihrer durchaus eigenen Ästhetik hoffentlich lange Zuspruch finden wird. Freilich sei hinzugefügt, daß diese Produktion wirklich nichts für allzu kleine Kinder ist, denn manche Bilder besitzen durchaus leicht verstörendes Potential, sei die spinnenhafte Optik der Königin oder die maschinenhafte Verstandeswelt der männlichen Seite. Was mich vor allem jedoch erfreut, ist der Gesang an diesem Abend, ein gesundes Ensemble mit vielen wirklich tollen Stimmen, welches absolut neugierig auf die Alternativbesetzungen macht.

Kritik @ Martin Freitag 17.9.14 /  Übernahme von DER OPERNFREUND.DE

*Eintrittskarten und weitere Termine HIER

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